Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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rangen von zwei Wochen urteilen lässt, in Be-
zug auf Zurückweisung von Bildern etc. keine
Maßregeln getroffen worden sind, die zu berechtig-
ten Beschwerden Anlass geben könnten. Jedenfalls
ist die fast gänzliche Abwesenheit jener Erzeugnisse
eines extremen Naturalismus .oder, wie seine Ver-
ehrer wollen, „Neuidealismus", die im vorigen Jahre
eine so lebhafte Erregung in beiden Lagern hervor-
gerufen haben, nicht etwa auf eine besondere Streng^
der diesmal etwas anders zusammengesetzten Auf-
nahmejury zurückzuführen. Die „Neuen" im wei-
testen Sinne des Wortes haben im Laufe des letzten
Winters so viele Gefechte in kleinen Kolonnen ge-
liefert, dass sie es offenbar für wichtiger halten,
für den Sommer ihre gesamte Streitmacht auf dem
Hauptschlachtfelde, das nun einmal München ist, zu
vereinigen. Auch scheint es uns, dass sich — wir
müssen in unserer eiligen Zeit sagen — von Monat
zu Monat die Anzeichen mehren, die auf eine Klärung
der wildschäumenden Wogen oder, wie es jetzt am
liebsten gesagt und gehört wird, des „ungeberdigen
Mostes" deuten. Wenn wir auch der alten Weis-
heit eingedenk sind, dass eine Schwalbe noch keinen
Sommer macht, wollen wir doch als ein Beispiel
Franz Stuck's „Pietä" citiren, die trotz der krass-
naturalistischen Durchführung des Leichnams Christi
— Stuck kann sich dabei auf den Holbein'schen
Leichnam in Basel berufen — doch in dem tiefen
ernsten Gesamtton mehr von einem alten Meister
aus der Zeit des Eklektizismus als von einem ganz
auf sich selbst gestellten und aus der neuen „Phan-
tasiekunst" schöpfenden Modernen an sich hat. Eine
erfreuliche Klärung hat sich auch in der Kunst des
Schotten John Lavery vollzogen, der 1890 in München
als Führer der radikalen Glasgower Schule auftrat.
Sein Bildnis einer jungen Dame auf einem hell-
braunen Pony, inmitten einer hügeligen Landschaft,
wirkt bei aller spezifisch modernen Breite der male-
rischen Behandlung doch plastisch und voll in der
Form; aber trotz des modernen Wesens in der
robusten, auf wenig Mittel gestützten Malweise merkt
man doch, dass auch das Studium des Velazquez
viel dazu gethan, um Lavery und seine Mitstrebenden
auf diesen Weg zu führen. Auch andere von den
schottischen „boys" sind mittlerweile leidlich ver-
nünftige Leute geworden, mit denen sich auch die
Anhänger der alten Richtung verständigen können,
wenn sie wollen. Als Beispiel nennen wir James
Paterson, dessen fünfzehn Naturstudien aus Niths-
dale (Dumfriesshire) doch schon erheblich über das
formlose Nachstammeln von Eindrücken hinausge-

kommen sind, wenn sie auch immer noch mehr
lyrische Stimmungsbilder als landschaftliche Por-
träts sind.

Dass die Ausstellung trotz der Abwesenheit der
Münchener Radikalen und ihrer ausländischen Ge-
folgschaft einen frischen Zug hat, werden nur die
grundsätzlichen Gegner aller Ausstellungen leugnen,
die in lierlin unternommen oder von Berlin aus ge-
leitet werden. Ein modernes Gepräge geben der Aus-
stellung zunächst einige dekorative Malereien großen
Umfangs und die ungewöhnlich große Zahl von
Bildern religiösen Inhalts, die das ganze Gebiet dieser
Gattung, vom ältesten, naivsten Idealismus Iiis zum
modernsten Realismus und Mystizismus umfassen.
Aus der ersten Gruppe sind besonders drei der für
das Rathaus in Erfurt bestimmten, schon auf mehr-
fachen Ausstellungen bekannt gewordenen Wandge-
mälde mit Darstellungen aus dem Volksbuche vom
Dr. Faust von Eduard Kjmnpffer, ein seltsames Ge-
misch von kühner Phantasterei und starkem, hier und
da bis zur Grimasse übertriebenen Wirklichkeits-
drange, und eine figurenreiche, allegorische Darstellung
von dem Berliner Hugo Vogel hervorzuheben, eine für
ein Bankinstitut bestimmte Verherrlichung des werk-
thätigen Berlins „unter dem Schutze der von der
Wehrkraft gehaltenen Reichskrone", wie es in der
poetischen Erklärung des sonst knapp und nüchtern
gefassten Kataloges heißt. Es ist eine Verquickung
von ätherischen, allegorischen Gestalten mit robusten
Figuren aus der Wirklichkeit, eine Verbindung von
modernen Bildnissen mit hergebrachten Typen, die
nicht schlechter gelungen ist als alles Andere ähn-
lichen Schlages, was nach den unerreichten Mustern
dieser Gattung von Tizian und Paolo Veronese er-
dacht und gemacht worden ist. Aber es ist doch ein
gutes Stück von Luft- und Lichtmalerei mit einigen
ganz hervorragend gemalten Einzelheiten, die sich
mit den besten Arbeiten des Franzosen Paul Baudry
messen können, der zuerst die Anmut Paolo Vero-
nese's aus der ernsten Pracht und dem tiefen Gold-
ton dem modernen Lichtdurst nahe gebracht hat.

Einen ungezwungenen Ubergang von diesen alle-
gorisch-historischen Darstellungen zu den religiösen
bietet ein geistvoll erdachtes, dreiteiliges Bild des
Berliners iMdicig Dettmann, der in ganz eigener,
durchaus nicht von Uhde beeinflusster Art soziale
und religiöse Fragen des modernen Lebens in moderner
Darstellung zu behandeln liebt. Nur die äußere
Fassung ist den erzählenden Triptychen die Mittel-
alters entlehnt: in dem breiten Mittelbilde die Schil-
derung harter Schmiedearbeit in heißer Sonnenglut,
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