Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine,

HEEAUSGEBEE:

CARL von LÜTZOW und Dr. A. ROSENBERG

WIEN
Heugasse 58.

BEELIN SW.
Teltowerstrasse 17.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. V. Jahrgang.

1893/94.

Nr. 15. 8. Februar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
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die allegorischen gestalten an
den mediceergräbern von
s. lorenzo.1)

von GEORG WÄRNECKE.

Eine allgemeiner anerkannte Auffassung der alle-
gorischen Gestalten an den Mediceergräbern von
S. Lorenzo ist von jeher durch die persönliche Eigen-
art, ja man kann sagen, durch die Willkür der Er-
klärer verhindert worden. Die Einen wollen von
einer bestimmten Gedankenbeziehung und Charakte-
ristik nichts wissen. Entweder setzen sie die Be- j
deutung der Statuen in die Großartigkeit dieser j
Formenwelt mit den Harmonieen ihrer Kontraste, mit
der Gewaltsamkeit ihrer Bewegungen, die dennoch
den Schein des Natürlichen tragen, und weisen als j
auf eine Vorstufe dieser Gestalten auf die Schild-
halter an der Decke der Sixtina hin, die ebenfalls
ganz allein der plastischen Phantasie des Meisters
ihren Ursprung zu verdanken hätten; oder sie be-
gnügen sich im allgemeinen mit der Andeutung
eines geheimnisvollen inneren Lebens, das die mäch-
tigen Körper durchflute. Andere haben dann ver-
sucht, an die Stelle dieser nur geahnten seelischen
Bewegungen, die aus dem Steine sprechen, einen
fester umgrenzten Inhalt zu setzen. So sieht Her-
mann Grimm in den Gestalten der Nacht und des
Tages den vollbrachten Gegensatz zwischen Leben
und Tod, dem entsprechend in den Statuen des
Morgens und des Abends den Übergang von dem

1) Die Gestalten sind abgebildet in den Kunsthistori-
schen Bilderbogen, Handausgabe Bd. 97, Fig. 2, 3, 5, (i.

einen Zustand in den andern, im Abend das Symbol
des Abschiednehmens im Sterben, im Morgen das
Symbol des Erwachens aus dem Todesschlummer
zur Unsterblichkeit. Die Erklärung ist geistreich,
scheint sich auch dadurch, dass es sich hier um
Grabstatuen handelt, ganz von selbst zu empfehlen.
Aber sie schwebt in der Luft. Grimm hat die vier
Gestalten völlig aus dem unmittelbaren Verhältnis
herausgerissen, in dem sie, auf den Deckeln der
Sarkophage liegend, zu den Statuen der beiden Me-
dieeer stehen. Es sind zunächst Allegorieen derTrauer
um die Dahingeschiedenen; und so kommt der Er-
klärer bei derjenigen Figur, die den Schmerz am
klarsten im Antlitz ausgeprägt zeigt, bei der Aurora,
mit seiner Deutung völlig in die Brüche. „Die aus
dem Schlafe sich losreißende Frau, die das neue
Licht als einen Schmerz beinahe zu empfinden scheint",
kann unmöglich das Eingehen in den idealischen.
Zustand des reinen geistigen Lebens ausdrücken
sollen. Hier wäre statt des Schmerzes Seligkeit und
Entzücken am Platze gewesen.

Dem unvergesslichen Anton Springer gebührt
das Verdienst, den Ausgangspunkt für eine sach-
gemäße Erklärung in den eigenen Worten Michel-
angelos bestimmt zu haben, die auf einem Blatte
in der Casa Buonarroti noch heute zu lesen sind;
„Der Himmel und die Erde, der Tag und die Nacht
sprechen und sagen: Wir haben in unserem raschen
Laufe den Herzog Giuliano zum Tode geführt: so
ist es gerecht, dass er Rache nimmt, und die Bache
ist diese: dass er, nun wir ihn getötet haben, tot
wie er ist, uns das Licht genommen und mit seinen
geschlossenen Augen auch die unseren geschlossen
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