Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine.

HERAUSGEBER:

CARL VON LÜTZOW und DR. A. ROSENBERG

WIEN BERLIN SW.

Ileugasse 58. Teltowerstrasse 17.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.
Neue Folge. V. Jahrgang. 1893/94. . Nr. 32. 23. August,

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich, dreimal, in den
.Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Marli und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandluug keine Gewähr. Inserate, ä 3(1 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Kud. Mosse u. s. w. an.

Während der Sommermonate Juli, August und September erscheint die Kunstchronik nur aller vier Wochen.

DIE GROSSE
BERLINER KUNSTAUSSTELLUNG.
. III.

Wenn man in Deutschland von den Franzosen,
Engländern, Schotten, Dänen, Norwegern und Polen,
an denen man so viele Tugenden rühmt, wenigstens
die eine Tugend lernen wollte, den Propheten in
seinem Vaterlande zu ehren, würde man vielleicht
dazu kommen, über die deutsche Landschaftsmalerei-
unbefangener zu urteilen und sie höher zu schätzen,
als es gewöhnlich in der Mehrzahl der Zeitschriften
und Zeitungen, die einen Platz für Kunstberichte
übrig haben, zu geschehen pflegt. Wir haben, um
nur ein Beispiel zu citiren, lange, bevor die schot-
tische Offenbarung in Gestalt von blauen, grünen
und gelben Schlangenlinien auf uns herabrieselte,
in dem damals in Berlin, jetzt in München thätigen
Ernst Kubierschky einen Landschaftsmaler kennen
und bewundern gelernt, der so tief in die Natur-
seele zur Frühlings- und Herbsteszeit, wo sie freilich
am leichtesten zugänglich ist, einzudringen versteht,
wie nur die besten der Schotten. Er ist dabei zugleich
ein Dichter, der nicht bloß stammelt, nicht in Dithy-
ramben schwelgt, sondern seine Dichtungen auch
in feste Strophen fügt. Aber man wurde seiner
bald überdrüssig, weil er immer dasselbe melan-
cholische Frühlings- und Herbstlied sang. Die
Schotten kamen, und der Prophet im Vaterlande
wurde vergessen. Erst jetzt, wo der erste Enthu-
siasmus verraucht ist und man gelernt hat, zwischen
dem echten Gold und den schottischen Wind-

beuteleien zu unterscheiden, besinnt man sich vvieder
auf das gleiche Gut, das man längst besitzt. Das-
selbe gilt von anderen Künstlerindividualitäten, denen
keine zweite Nation etwas Gleiches an die Seite zu
setzen hat, am meisten von unseren Marine- und
Strandmalern. Wir denken dabei nicht an die
fingerfertigen Leute, die die Mode mitmachen, auch
nicht an die auf theatralische Effekte gemalten See-
stücke eines Carl Saltz?na?m, der zum Leiter eines
besonderen Ateliers für Marinemalerei an die Ber-
liner Kunstakademie berufen worden ist, auch nicht
an die wackeren Alten, die wie Hermann Eschke
und Hans Onde immer noch mit ungeschwächter
koloristischer Kraft und in reicher poetischer Stim-
mung in ihrem guten, vielbefahrenen und erprobten
Gleise fortarbeiten. Aber ein so frisches, starkes,
besonders auf dramatische Wirkungen gerichtetes
Talent wie Hans Bohrdi, der sich mit seinen Bildern
„Der Nordseelotse an Bord eines einkommenden
Klippers gehend", „Hafenausfahrt bei Swinemünde"
und ,,Herbstnebel an der Emsmündung" über seine
frühere nüchterne Auffassung zu freier Schaffens-
kraft erhoben hat, wird man bei Engländern, Fran-
zosen und Dänen vergebens suchen. Es ist merk-
würdig, dass gerade die Nation, die in der Reihe
der großen Seemächte der Zahl ihrer Schiffe nach
die letzte Stellung einnimmt und auch im Alter der
Erfahrung die jüngste ist, die besten und zahl-
reichsten Marinemaler produzirt. Zu den besten,
die namentlich in mannigfaltigen Beleuchtungs-
effekten Ausgezeichnetes leisten, zählen wir auch
Heinrich Petersen-Angebt in Düsseldorf (Windstille,
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