Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Korrespondenz.

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sei. Nicht Architektur und Kunstgewerbe, sondern
Plastik und Malerei sind für die Ausbildung und
Steigerung der ästhetischen Genussfähigkeit in erster
Linie wichtig. „Ebenso wie bei der geometrischen
Figur* — sagt der Autor — „fehlt auch beim Or-
nament, wenigstens beim Flachornament, vollständig
das Moment der Illusion, d. h. derjenigen Illusion,
die dem Kinde zugänglich ist und ihm Freude be-
reitet." — „Ich habe noch keinen Knaben unter dem
15. Jahre kennen gelernt, der nicht alles andere
lieber als Ornamente gezeichnet hätte. Ihn nun gar
jahrelang damit zu peinigen, heißt wiederum seinen
Kunstsinn nicht fördern, sondern gewaltsam zurück-
halten oder gar vernichten." ■—'Und an einer anderen
Stelle: „Man halte sich im Zeichenfach nur an den
großen Imperativ, der jedem Erzieher stets vor Augen
stehen sollte: Interessire! Das ist die schwerste Auf-
gabe der Pädagogik und gleichzeitig die wichtigste!"

— Der Verfasser plaidirt im Zusammenhange damit
für die Erweiterung des Figurenzeichnens an den
Gymnasien. Vorlagen, wie die oben erwähnten Re-
produktionen von Hand Zeichnungen bedeutender
Meister würden am besten dazu geeignet sein, das
Auge der Jugend auf das Geistige in der Natur hin-
zulenken. Auch plastische Modelle, keine Antiken,
sondern gute realistische Köpfe thäten den gleichen
Dienst. Zum Begreifen des antiken Ideals gehört eine
gereifte künstlerische Bildung; das Zeichnen nach der
Antike eignet sich daher noch nichtfür die Mittelschule.

Sehr interessant und von gründlicher Sach-
kenntnis zeugend ist das Kapitel über den Kunst-
unterricht an den Universitäten, über das akademische
Zeichenlehreramt und über die Wichtigkeit derartiger
Stellen für. die humanistischen und naturwissen-
schaftlichen Fakultäten. Dass dabei die Kunsthisto-
riker von Gottes Gnaden übel wegkommen, stimmt
mit den Grundanschauuugen des Verfassers Ober
Kunst und Kunstunterricht vollkommen überein.
„Ich habe mir oft den Kopf darüber zerbrochen,"

— sagt er — „wie diese Leute, die keinen Strich
zeichnen können, überhaupt zu ihrer Vorliebe für
Kunst und Kunstgeschichte kommen?" Er verhingt,
dass die Kunstgeschichte an unseren Universitäten
die Bedeutung eines alhj< rru in bildenden Faches erhalte
und nicht vorzugsweise die Erziehung kunsthisto-
rischer Spezialisten bezwecke, wie es heute leider der
Fall ist. Neben der historischen sei die technisch-
ästhetische Behandlung des Stoffes zu betonen und
im Gegensatze zu der bisher bevorzugten Periode
des Mittelalters der Schwerpunkt vielmehr auf die
Kunst des 17. bis 19. Jahrhunderts zu legen.

Die Grundtendenz des Buches geht dahin, die
aus der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts über-
kommenen, einseitig formalistischen Anschauungen
auszumerzen und dafür neue gesundere Grundlagen
für die gesamte künstlerische Erziehung des Volkes
zu gewinnen. Wir müssen unsere jungen Leute mit
dem Gesichte der Zukunft entgegenführen, und nicht,
wie bisher, mit dem Rücken. Sie müssen die Welt
kennen lernen, in der sie leben, und die Kunst be-
greifen lernen, die mit ihnen lebt. Der Zeichen-
unterricht, das wichtigste Hilfsmittel zur Einführung
in die Kunst, hat allen langweiligen mathematischen
Ballast abzuschütteln und auf das Natürliche, Fass-
bare, die Jugend Interessirende loszusteuern.

Konrad Lange's Buch sollte von jedem Zeichner
und Zeichenlehrer gelesen werden. Es enthält eine
Fülle von Anregungen, die im Unterrichte selbst im
Rahmen der bestehenden Einrichtungen verwertet
werden können. Vor allem aber empfehlen wir es
unseren Unterrichtsbehörden und Gesetzgebern zu
ernster Beachtung und Berücksichtigung. Der Ge-
genstand, den es behandelt, berührt alle höheren
Gebiete der Volksbildung; er liegt im Centrum der
Erziehungspolitik. ,L L.

KORRESPONDENZ.

Aus Dresden, Juni 1894.
Wenn man die Summe alles dessen, was den
Kunstfreunden in Dresden im Laufe dieses Früh-
jahrs an künstlerischen Anregungen geboten worden
ist, mit derjenigen früherer Jahre vergleicht, so er-
giebt sich die erfreuliche Thatsache, dass auch in
Dresden die Gelegenheit, sich mit den Werken der
neueren Kunst bekannt zu machen, und gleichzeitig
das Interesse des Publikums an der modernen Kunst-
bewegung erheblich gewachsen ist. Leider hat an
diesem Fortschritt unsere" einheimische Künstlerschaft
nur geringen Anteil, da aus ihrer Mitte nur selten
ein Kunstwerk von größerem Werte bekannt wird,
das Anlass zur Berichterstattung böte. Zum Teil
dürfte sich diese Stille aus dem Umstände erklären,
dass die Künstler ihre neuesten Arbeiten für die aka-
demische Ausstellung aufbewahren, die im August
nach mehrjähriger Unterbrechung in dem neuen
Kunstausstellungsgebäude auf der Terrasse eröffnet
werden soll. An ihr werden sich sowohl die Mit-
glieder der Genossenschaft als der „Verein bilden-
der Künstler Dresdens" beteiligen. Letzterem ge-
hören namentlich die jüngeren Künstler Dresdens
an, die unter der Führung des Malers Bantzer im
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