Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

Page: 115
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1894/0067
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
115

116

verhältnismäßig kleinen Platz, dem Kaiser Wil-
helmplatz, zu rechnen. Neben dem Marktplatze,
seitlich von dem prächtigen Rathause und zwi-
schen der gotischen Liebfrauenkirche und einem
Häuserblocke gelegen, als Endpunkt der Haupt-
verkehrstraße, Obernstraße, bietet der Denkmalplatz
für das Monument die günstigste Lage inmitten der
Stadt. In vielleicht zu großer Vorsicht bat das
Denkmalkomitee nach der Aufstellung eines natur-
wahren Modelles s. Z. eine Dezimirung des Maßes
vorgenommen, was namentlich dem Unterbaue nicht
zu statten kommt, so dass man wünschen möchte, das
Denkmal um einen Meter von der Bodenfläche aus
erhöht zu sehen. Auch von einem praktischen Stand-
punkte aus hätte dieses berücksichtigt werden sollen,
da das Denkmal. mit einem Schutzgitter umgeben
werden muss und dann der Gesamteindruck leiden
wird, weil die Linien der Attribute an dem Denk-
male durch das Gitter gestört werden. Dieser Übel-
stand beeinträchtigt aber nicht das Urteil über die
künstlerische Leistung des Bildhauers, und wir dürfen
in die herrschende große Freude über das Denk-
mal ebenfalls einstimmen, indem wir anerkennen,
dass dem Künstler der große Wurf gelungen ist, dass
er uns ein Werk von hoher idealer Auffassung ge-
schaffen hat. Wie imposant erscheint uns die über-
lebensgroße Heldengestalt, mit dem Lorbeer ge-
schmückt, auf dem kräftigen Rosse, welches nicht
entfernt an die geschulten Zirkuspferde, noch an die
mageren Sportpferde erinnert, wie man ihnen leider in
realistischer Auffassung an Reiterstandbildern un-
serer Zeit begegnet! Ross und Reiter vereinigen
sich in idealster Weise zu einem harmonischen
Ganzen, dessen edle Linien wohlgefällig auf den
Beschauer wirken. An der uns auf der Abbildung
zugewandten linken Seite des Postamentes ruht
sitzend die stolze Brema mit dem Merkurstab in
der Rechten und mit der linken Hand das Bremer
Wappen haltend. Auf der entgegengesetzten Seite
hat ein markiger Neptun mit dem Dreizack und
von Schiffahrt- und Fischereiemblemen umgeben
Platz gefunden. Die dem Rathause zugewandte
Rückseite des Denkmals schmückt eine Trophäe von
Lorbeer und Palme und vorne erblicken wir eine
flott modellirte Gruppe, wobei besonders der Adler
mit seinen kühn ausgebreiteten Fittichen ins Auge
fällt. Reichskrone, Scepter, Reichsapfel, Schwert und
Schild vervollständigen diese interessante Gruppe,
der eine feine künstlerische Durchbildung nicht ab-
zusprechen ist. Berücksichtigt man nun noch die
warme Farbe der Bronze, angenehm kontrastirend mit

dem Granit, so ist der Eindruck des Denkmals ein
vollauf befriedigender, und mit dem Platze versöhnt
man sich um so eher, als sich von den verschiedensten
Durchblicken, so vom Markte und vom Liebfrauen-
kirchhofe aus, recht malerische Perspektiven ergeben,
welche außerordentlich günstig für das Denkmal in
die Wage fallen. D. KROI'P.

NEUE KUNSTBLÄTTER.

Zu den Vorboten des Weihnachtsfestes gehören
alle Jahre in der Redaktion von Kunstzeitschriften
gewöhnlich einige Kunstblätter, Erzeugnisse der
Radirnadel oder des Grabstichels, und diese heischen
um Gunst für die kurze Spanne Zeit, in der die
vielköpfige Menge von der Gebelaune erfasst wird
und in den Kaufläden sich mit Kostbarkeiten aller
Art belädt. Zu den Produkten, die dabei am wenig-
sten ins Gewicht fallen, zählen diese großen Bogen;
aber nur besonders glücklich beanlagte Personen
kommen in dieser Zeit des bunten Tandes auf die
Idee, statt des üblichen Prachtwerks einmal ein
abgerundetes einheitliches Kunstwerk, wie es Ra-
dirungen und Stiche zu sein pflegen, zu erwerben.
Während die Prachtwerke wechseln — gestern
Thumann, heute Allers — zeichnen sich die Bilder
an der Wand durch Langlebigkeit aus und gleichen
darin dem Mikado von Japan, dass sie erhaben über
der Menschen Häupter thronen, aber von keinem ge-
sehen werden. Gedankenlos und flüchtig gleitet der
Blick über die mühselige Arbeit vieler Monate oder
Jahre und oft erst wenn ein Wechsel eingetreten
ist, fällt die Veränderung auf. Es wäre so übel
nicht, wenn man anfinge, etwa alle Jahre mit den
Kunstblättern an der Wand zu wechseln, wie man
jetzt mit Prachtwerken wechselt.

Zu den Lieblingen des Publikums zählt seit
Jahren auf diesem Gebiete Bernhard Mannfeld, von
dessen Fleiße schon viele große und gediegene
Blätter Zeugnis ablegen. Er hat uns ein künst-
lerisches Bild des Schlosses von Friedrichsruh1) be-
schert, das wie aus stiller Abgeschiedenheit aus dicht
umlaubten Bäumen über einen sanften Abhang und
einen kleinen Weiher zu uns herüberblickt. Das
Schloss hat architektonisch wenig Anziehendes; es
hebt sich von dem heiteren Abendhimmel etwas trübe
ab und dumpf klingen die tiefen Schatten des Laub-
werks damit zusammen. Der Standpunkt des Be-
schauers ist so tief gewählt, dass man den Fuß des

1) Beilin, Paul Köhler. Bildgröße 41x57 cm. Preise:
M. 120.-, 80.—, 30.- (China), 15.— (weiß P.).
loading ...