Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

Seite: 429
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Ein neuer Jan van Eyck.

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die die Berliner Galerie in zwanzig Jahren zu einer
Sammlung ersten Ranges gemacht haben, dem per-
sönlichen Verdienste Julius Meyer's oder dem seines
Mitarbeiters Wilhelm Bode zuzuschreiben ist, ent-
zieht sich freilich dem Urteile Fernstehender. Als
einer von diesen habe ich aber immer die Empfin-
dung gehabt, als ob Jeder von beiden eifrig und
mit feinem Takt bestrebt gewesen sei, jedem das
Seine nicht zu schmälern. Besondere Anerkennung
verdient sogar das Vorgehen Bode's beim Ankaufe
des erwähnten Gemäldes von Rubens, wofür er keine
amtliche Verantwortung hatte. Aus eigenem Antrieb
verteidigte er den Ankauf und bot all sein Wissen
auf, um dem fraglichen Bilde seine chronologische
Stellung in Rubens' Werk anzuweisen.

Julius Meyer war übrigens ein Mann, der nie-
mals seinen literarischen Widersachern etwas nach-
trug. In seinen Umgangsformen ein vollendeter Welt-
mann, fand er auch immer den Ton, der über voraufge-
gangene Zwistigkeiten hinweghalf. Er war niemals
froher, als wenn er in seiner Galerie eine neue Er-
werbung oder eine Umgestaltung, einen Einbau oder
gar die völlige Umwandlung der Schinkel'schen
Säle, die wohl zunächst auf seine Gedanken zurück-
zuführen sind, zu zeigen hatte. Ich persönlich habe
ihn aber niemals so freudig, so glücklich erregt ge-
sehen, als damals, als er mir den durch seine Bemühun-
gen wiedergeretteten, für immer verloren geglaubten
Andrea del Sarto, dessen unheilvolle Verarbeitung
das letzte Lebensjahr G. F. Waagen's verbittert
hatte, nach der wohlgelungenen Wiederherstellung
durch A. Häuser zum erstenmal zeigte. Auch auf
die glänzendste Neuerwerbung hätte er nicht stolzer
sein können.

Literarisch ist er in den letzten Jahren seiner
Amtsthätigkeit nicht viel hervorgetreten. Abgesehen
von einigen Aufsätzen im „Jahrbuch der kgl. preußi-
schen Kunstsammlungen" galt seine Hauptarbeit dem
Kataloge, dessen dritte Auflage von 1891 er noch
zur Hälfte bearbeitet hat, und dem Texte des großen
Galerie Werkes, für den er die italienischen Schulen
übernommen hatte. Uber die des 15. Jahrhunderts
ist er nicht hinausgekommen. Ein nervöses Leiden,
zu dessen Bekämpfung er vergeblich starke Mittel
anwendete, lähmte mehr und mehr seine Thätigkeit,
bis er zu dem Entschlüsse kam, die Ausübung seines
Amtes stärkeren Kräften zu überlassen. Im Sommer
1891 schied er von Berlin, mit allen Ehren ausge-
zeichnet, die einem Beamten von seinem Verdienst
gebührten, um in München, wo er den Grund zu
seinem wissenschaftlichen Rufe gelegt hatte, fortan

der Ruhe zu leben. Als nach zwei Jahren die Kunde
von seinem am 16. Dez. 1893 erfolgten Tode nach
Berlin kam, hatte man dort des liebenswürdigen,
geistvollen Mannes, der mit seiner Persönlichkeit
immer bescheiden zurückhielt, fast vergessen. Um
so mehr hat die „Zeitschrift für bildende Kunst",
deren erste Schritte er mit warmer Anteilnahme
begleitet und gefördert hat, seiner in Dankbarkeit
und Verehrung zu gedenken.

ADOLF ROSENBERG.

EIN NEUER JAN VAN EYCK.
Für eine Studienreise, die ich vor kurzem nach
Ungarn und Siebenbürgen unternommen habe, war
Ilermannstaclt mit der Baron Bruckenthal'sehen Galeric
das Hauptziel. Die erwähnte Sammlung, die mir
bisher nur nach dem Katalog von 1844 und nach
einigen Artikeln des Hormayr'schen Archivs be-
kannt war, überraschte mich beim Studium an Ort
und Stelle durch ihren Reichtum an guten, interes-
santen Niederländern und Deutschen. Ja sogar
unter den Italienern der Bruckenthal'schen Galerie
befinden sich einige sehr beachtenswerte Stücke,
voran ein veritabler Lorenx,o Lotto. Ich will in
einer Fortsetzung meiner „Kleinen Galeriestudien",
die in einigen Monaten erscheinen soll, und in „Oud
Holland" über eine ganze Reihe interessanter Bilder
der Hermannstädter Gemäldesammlung Bericht er-
statten. Auch eine Beschreibung und Abbildung
des kleinen Jan van Eyck, den ich dort vorgefunden
habe, bleibt meinem Buche vorbehalten. Der Fund
aber einer solchen Perle niederländischer Kunst,
wie es dieser Van Eyck thatsächlich ist, macht es
mir geradewegs zur Pflicht, die Fachgenossen in
besonderer Weise auf das Bild aufmerksam zu
machen.

Es ist ein männliches Porträt, das auf Dürer
umgefälscht und lange Zeit als Werk des großen
Nürnbergers in der Galerie geführt worden war.
Im Katalog von 1844 heißt es: „Von Albrecht Dürer

— 19. Das Bildnis eines Mannes mit einer turban-
artigen Kopfbedeckung. Das Gemälde, mit des
Meisters Monogramm versehen, ist vom Jahre 1492.

— Bruststück, unter halber Lebensgröße, auf Holz."
Die Verfälschung war vermutlich im 18. Jahrhun-
dert geschehen, als das Verständnis für Van Eyck-
sche Kunst gesunken und die Tradition der Benen-
nung längst abgerissen war. Als Werk Dürer's
hatte so ein feiner, trefflich gemalter Kopf immer
Aussicht auf einen hohen Preis. Seit der Katalogi-
sirung von 1844 ist dann Dürer's Zeichen als falsch
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