Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE.
Ankündigungsblatt des Verbandes der deutschen Kunstgewerbevereine.

HERAUSGEBER:

CARL von LÜTZOW und Dr. a. ROSENBERG

WIEN BERLIN SW.

Heugasse 58. Teltowerstrasse 17.

Verlag von E. A. SEEMANN in LEIPZIG, Gartenstr. 15. Berlin: W. H. KÜHL, Jägerstr. 73.

Neue Folge. V. Jahrgang. 1893/94. ' Nr. 21. 12. April.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur „Zeitschrift für bildende Kunst" und zum „Kunstgewerbeblatt" monatlich dreimal, in den
Sommermonaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfasst 33 Nummern. Die Abonnenten der „Zeit-
schrift für bildende Kunst" erhalten die Kunstchronik gratis. — Für Zeichnungen, Manuskripte etc., die unverlangt eingesandt werden,
leisten Redaktion und Verlagshandlung keine Gewähr. Inserate, a, 30 Pf. für die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung
die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse u. s.w. an.

die dritte internationale kunst-
ausstellung in wien.

I.

Nach langer Zeit wieder einmal eine Ausstel-
lung, die das Interesse des großen Publikums leb-
haft beschäftigt und auch dem kauflustigen Lieb-
haber viel Begehrenswertes bietet! Die großen
Besuchsziffern und die ungewöhnliche Menge von
Ankäufen gleich in den ersten Wochen bürgen für
einen vollen Erfolg.

Es ist nicht etwa ein bloßer Akt der Höflich-
keit gegen den neuen Gast, wenn wir die englische
Kunst an die erste Stelle unseres Berichtes setzen;
ihr gebührt, wenigstens auf den Gebieten des Porträts
und der Landschaft, der Vortritt selbst vor Frank-
reich. Nachdem in den letzten Jahrzehnten die Por-
trätkunst wieder eine so hervorragende Stellung sich
errungen hat, scheint es uns kein geringes Ver-
dienst, sich eine so ganz einzige Position in dieser
Kunstgattung erobert zu haben, wie es in England
der Fall ist. Für uns ist dies um so interessanter,
als wir eine Reihe von Künstlern, deren Namen
längst den besten Klang nicht nur in England haben,
in Wien heuer zum erstenmal mit vorzüglichen
Werken vertreten sehen.

Die Künstler Großbritanniens sind, die Schotten
inbegriffen, in Wien etwa durch 120 Werke ver-
treten. Die Palme darunter verdient — bei sorg-
fältigster Erwägung und Vergleichung — das 1888
gemalte Porträt des Kardinals Manning von W. W.
Outeas in London. Wo ist an diesem Bild auch nur
ein Strich, der nicht bedeutungsvoll wäre ? Wie

überzeugend blicken diese ruhigen, abgeklärten, ziel-
bewussten und treffsicheren Augen! Sie sind so un-
vergesslich wie die eleganten sehnigen Hände, von
denen die rechte das Gebetbuch hält. Neben diesem
Bilde kann nur ein so vorzügliches Porträt bestehen,
wie desselben Meisters Edward Armitage, an Leben-
digkeit und plastischer Kraft bewunderungswürdig.
Kaum weniger fesselnd ist Hubert Herkomer's Archi-
bald Forbes, ein Bild, das, wie alle seine großen
Porträts, in einer gewissen monotonen Färbung ge-
halten ist, die gleichsam symbolisch den Charakter
darzustellen sucht. Theodore Blake Wirgman's Lord
Kannen reiht sich würdig an, ohne jedoch gleich-
wertig genannt werden zu können. Diesem voll-
kommen ebenbürtig und besonders glücklich in der
Darstellung ausgeprägter weiblicher Charaktere ist
J. J. Shannon, mit seinen Porträts der Mrs. T. Carren
O'Brien in Weiß (vorzüglich fein der kränklich-
matte Ausdruck beobachtet und ebenso vortrefflich
wiedergegeben wie das Stoffliche des Gazeschleiers)
und der Mrs. George Hitschevek — gemalt 1892 —
in Schwarz, letzteres ein Bild von fast dämonisch
lebendiger Wirkung des Auges. W. B. Bichmond's
Bismarck zeichnet sich vor dem Lenbach'schen Cha-
rakterkopf durch ein aufrichtiges Bestreben aus, die
Farbe wahr zu reproduziren, ohne dass jedoch die große
Energie in der Erfassung des Charakters erreicht wäre,
die Lenbach's Bilder auszeichnet. Bichmond's Porträt
von W. Holman Hunt wirkt trotz Mangels aller
Kontraste so vorzüglich wie Miss Anna Alma Tadema's
Selbstporträt, dem Qualitäten beizumessen sind, die
einen Holbein auszeichnen: jene Delikatesse und
Solidität, die wir bei den Modernen so oft vermissen
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