Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Bücherschau. — Nekrologe. — Personalnachrichten. — Sammlungen und Ausstellungen. 70

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haube als arehaisirende Reminiscenz auftritt, lange
nachdem man sie zu tragen aufgehört hatte, dort
finden wir auch dieselben technischen Unbeholfen-
beiten, die Umrisse der Figuren überall gleich kräftig
ohne die geringste Nuancirung gezogen, dort finden
wir aber vor allem auch die schachbrettartig qua-
drirten Vließen, die so charakteristisch sind für den Steclier
der Liebesgärten, dass er sie zu seinen Passionsbildern
hinzufügte, obgleich die Originalminiaturen sie nicht
aufweisen; und all das begegnet uns bei den
ältesten holländischen Xylographen von Gouda und
Utrecht, bei den Veldener und Leeu, in der Historie
Hertoge Godevaerts van Bolsen und anderen hollän-
dischen Inkunabeln von 1480—1490, also mindestens
um 30 Jahre später, als Lehrs den Meister der
Liebesgärten, wohl nicht lediglich aus Gefälligkeit
für die Niederlande, thätig glaubt. Diese Epoche
gestattet ihm auch die Benutzung der älteren Stiche
des Meisters E S. Der Meister der Liebesgärten ist
bestimmt mit einem der holländischen Formschneider
vom Ende des 15. Jahrhunderts identisch.

ALFRED VON Wl IMBACH.

BÜCHERSCHAU.

Das Stilisiren der Tier- und Mensclienformen

Dargestellt von '/.denko Bitter Schubert ton Soldern, dipL
Architekt und k. k. Professor an der deutschen technischen
Hochschule zu Prag. Mit 140 Illustrationen. Leipzig, Ver-
lag von E. A. Seemann. IV und 220 S.

Ahnlich wie in seinem vor einigen Jahren erschienenen
Werke: „Das Stilisiren der Pflanzen" hat der Verfasser in
tüchtiger pädagogischer Weise es glücklich zuwege gebracht,
alte stilistische Grundsätze und ihre Erläuterung auch
hier in einfacher und klarer Form wiederzugeben, wodurch
das Werk allgemeinverständlich wird, so dass es als Lehr-
und Hilfsbuch für Kunst- und Gewerbeschulen jedes Faches
und vorzüglich auch für das Selbststudium zu empfehlen ist.
Der Autor gliedert den Stoff des Werkes in zwei Haupt-
teile: Das Stilisiren der Tier- und Menschenformen erstens
an struktiven Teilen, zweitens an neutralen Teilen der
Architektur. In jenem Falle kommen besonders die tra-
genden Motive zur Besprechung, in diesem die menschliche
und tierische Körperform als freie Endigung, als monumen-
taler Schmuck an Brunnen, Denkmalen u. dgl., dann in
ihrer Verwendung zu rein dekorativen Zwecken, wie als
Stuccaturen, als Grotesk-Wandmalereien etc. Was uns zur
Kompletirung des handlichen Buches als Nachschlagebuch
noch wünschenswert erscheint, ist ein genauer bibliographi-
scher Anhang, der die wichtigsten für ein weiteres Studium
der angeregten Fragen zu empfehlenden Spezialwerke an-
führen würde. Auch eine besser sprachlich-stilistische Be-
arbeitung des Textes ist für eine Neuauflage eine Forderung,
die nicht unberücksichtigt bleiben darf. R, Bk.

NEKROLOGE.

*„* Der Lun/lschaftsmaler Eduard Schleich /im., ein
Sohn des berühmten Begründers der Stimmungslandschaft
m München, der, wie sein Vater, die Motive zu seinen Bil-

dern zumeist der Münchener Hochebene und dem bayerischen
Gebirge entnahm, ist am 28. Oktober im 41. Lebensjahre in
München gestorben.

%* Der Tiermaler Gustav Miif.el, der sich vorzugs-
weise als Illustrator naturwissenschaftlicher Werke (Brehm's
Tierleben, Ratzel's Völkerkunde u. a.) bekannt gemacht hat,
ist am 29. Oktober zu Berlin im 54. Lebensjahre gestorben.

%* Der polnische Geschichtsmaler Jan Matejko, Direk-
tor der Kunstschule in Krakau, ist daselbst am 1. November
im 50. Lebensjahre gestorben.

%* Der Landschaßs- und Tiermaler Karl Bodmer, ein
geborener Schweizer, ist am 30. Oktober in Paris im Alter
von 84 Jahren gestorben. Er gehörte zu den ältesten Ver-
tretern des paysage intime und schöpfte die Motive zu
seinen Stimmungslandschaften zumeist aus dem Walde von
Fontainebleau.

%* Der Geheime Regiei-ungsrat Dr. Robert Dohmc,
erster ständiger Sekretär der Berliner Kunstakademie, ist
am 8. November in einer Heilanstalt bei Konstanz im
49. Lebensjahre gestorben.

S.M. Auf der Rückfahrt von einer Studienreise nach
Grönland stürzte den 1. Oktober der dänische Seemaler Carl
Easmussen ins Meer und ertrank. Den 31. August 1841 zu
Aeröskjöbing geboren, studirte er als Jüngling an der Kunst-
akademie zu Kopenhagen, beteiligte sich dann fleißig an den
jährlichen Ausstellungen und gewann bald als ein tüchtiger
Vertreter seines Faches Ansehen. Ganz besonders haben
seine mit reicher Staffage versehenen Bilder aus den ark-
tischen Fahrwassern Beifall gewonnen; eins derselben, „Mitter-
nacht bei Grönland", gehört der Nationalgalerie zu Kopen-
hagen.

S. M. Der dänische Tiermaler Professor Carl Böyli. ge-
boren 3. September 1827, ist den 19. Oktober zu Kopen-
hagen gestorben. Er war ein sehr produktiver Künstler,
dessen fertig gemalte Waldinterieurs mit Hirschen sich
immer der Aufmerksamkeit des Publikums erfreuen konnten;
mehrere Proben befinden sich in der Nationalgalerie zu
Kopenhagen.

PERSONALNACHRICHTEN.

Dr. Max Schwill, Privatdozent an der technischen
Hochschule in Berlin-Charlottenburg, hat einen Ruf als
außerordentlicher Professor der Kunstgeschichte an die tech-
nische Hochschule zu Aachen erhalten und angenommen.

*„* Dem Porträt- und Genremaler August Stryoicski
in Danzig ist das Prädikat Professor beigelegt worden.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

A. R. Aus Berliner Kunstausstellungen. In der Berliner
Künstlerschaft hat sich eine neue, aus 31 Malern. Zeichnern.
Radirern und Bildhauern bestehende Vereinigung gebildet,
die am 29. Oktober mit einer in den Schulte'schen Räumen
veranstalteten Sonderausstellung an die Öffentlichkeit ge-
treten ist. Einen Namen hat die neue Vereinigung nicht
gewählt; sie spricht in der mit einer Radirung von Feld-
mann geschmückten Einladung zur Besichtigung nur von
..unserer ersten Ausstellung", und diese erste Ausstellung
lässt auch keinen engeren Zusammenhang zwischen den
Mitgliedern, kein Streben nach einem gemeinsamen Ziele er-
kennen. Es müsste denn sein, dass das einzige Band, das
diese Vereinigung zusammenhält, darin besteht, dass es
jedem Vogel in dieser Voliere gestattet ist, sein Lied zu
singen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Vielleicht
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