Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

Page: 363
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1894/0191
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
303

Die Märzausstellungen der Düsseldorfer Künstler.

364

und diese verleihen auch der jetzigen Ausstellung
einen speziellen Charakter. Hier herrscht gesunde,
kernige Frische; nichts Mtides, Krankhaftes. Frischer
Blick in die Natur, ohne Gedankenblässe, ist der
Grundzug. Die Landschaft ist darum ihr bevorzugtes
Gebiet; zwei Drittel der hier ausgestellten Bilder
sind Landschaften. Die Auffassung ist meist kräftig,
sachlich, ohne Suchen nach Pointen; doch nicht
ohne schlichte, stille Poesie. Dabei giebt es auch
einige, die raffinirte koloristische Kunststücke lieben,
sprühende, leuchtende Farbigkeit in ihre Bilder
bringen, während andere wieder über das Raffine-
ment zur Einfachheit zurückgekehrt sind und in
wenigen breit hingestrichenen Tönen malen. Die
neue Phantasiekunst hat verschiedene Hauptvertreter
unter den Sezessionisten; breiten Raum aber nimmt
sie auf dieser Ausstellung wenigstens nicht ein.

Da das Durchschnittsniveau ein sehr hohes ist,
müssten wir viele Namen nennen, um alles Gute
aufzuzählen. Lieber charakterisiren wir nur jene Er-
scheinungen, die sich besonders einprägen und der
Ausstellung ihren Charakter verleihen. In der Land-
schaft treten zwei besonders hervor. Holzel hat seit
der letzten Ausstellung einen gewaltigen Aufschwung
genommen. Er malt einfache Landschaften aus Mün-
chens Umgebung mit den denkbar einfachsten Mitteln:
sehr kräftig, breit und derb; und doch ist ein feines
Maßhalten in seinen Bildern, das ihnen Stimmung
verleiht und an die alten Holländer erinnert. Be-
wusster, einem Charakter von herber Größe ent-
sprungen, tritt die Stimmung in DilVs Bildern auf.
Er findet in den sumpfigen Niederungen um Venedig
herum Motive von eigenem Reiz. Da ist nichts von
dem gewohnten sonnigen Reiz venetianischer An-
sichten: vielmehr etwas Asketisches, große, freudlose
Einsamkeit. Unter der Allgewalt des Natureindrucks
erscheint alles Menschliche, Irdische unbedeutend
und klein. Nicht so ausschließlich Landschafter ist
Hummel, der auch weniger Seelenstimmung zeigt.
Vielmehr ist er ein geistreicher Farbenzauberer.
Exquisite Farbenspiele giebt er raffinirt wieder:
bald saftig breit in der Art der Schotten, bald sprü-
hend in einem Raketenfeuer kleiner Farbenfleckchen,
bald in wenigen matten, besänftigten Tönen. Fol-
gende jüngere Landschafter, die wir gern eingehender
betrachteten, werden dem Eingeweihten das Bild
vervollständigen: Riemerschmid, Buttersack-, Hugo
König, Keller-Reutlingen, Haus von Heider, Vinnen,
Lawlcnberger, Niemeyer. Von den jüngeren Tiermalern
Hubert von Heißen und Charles Toobg.

Neben diesen aufstrebenden jungen stehen die

schon bekannteren Größen. Das ihnen Eigentümliche
kennt jeder, der sich um moderne Kunst kümmert;
und wenn sie hier auch gut, teilweise hervorragend,
vertreten sind, so bringen sie doch keine neuen Züge
zu ihrer bereits festgefügten Eigenart, f'hde behan-
delt in seinem Bilde: .Nach kurzer Rast" ein frü-
her schon einmal von ihm verwertetes Motiv von
neuem; ohne schwächer geworden zu sein, wie uns
scheint. Doch gehen gerade darüber die Urteiln aus-
einander. Schlichtes, inniges, zum Herzen dringendes
Gefühl ist gewiss darinnen, wie der Zimmermann
sein todmüdes Weib stützt, unbeholfen und doch
mit welcher Zartheit! Auch hier spricht die Land-
schaft als Stimmungsträger bedeutsam mit. Selbst-
verständlich und überzeugend, als müsste es so sein,
ist bei Stuck alles hingeschrieben, und so macht er
uns das Unglaublichste glaubhaft. Er hat in den
Zauberwäldern seiner Phantasie poetische, phantas-
tische, bizarre Dinge gesehen, launige Lustigkeit und
dämonisches Grausen, und berichtet uns anderen dar-
über anscheinend mit einer schlichten, humorvollen
Ruhe, als ob gar nichts Außergewöhnliches passirt
wäre. Aber seine Einfachheit ist doch teilweise raffi-
nirt, ein Gemisch von Raffinement und der starken,
ursprünglichen Empfindung der Kraftnatur. Albert
Keller ist wie immer exquisit in der Wahl seiner
Motive und in seinen Farbenreizen, das gerade Ge-
genteil alles Baualen; Zügel schildert Schafherden
in großem, lapidarem Stil und mit eigentümlicher,
erdgeborener Kraft. Samberger, der an der Malweise
in satten, leuchtenden Tönen festhält, brachte drei
höchst dramatisch aufgefasste Porträts, von äußerster
Schärfe in der Charakteristik.

Nur wenige auswärtige Mitglieder der Sezession
haben ausgestellt. L. von Hofmann aus Berlin und
der Schwede Liljefors sind unter ihnen zu nennen.
Wir gehen nicht näher auf sie ein, weil wir gern
diesen einen, interessantesten Charakterzug der gegen-
wärtigen Ausstellung besonders klar herausheben
möchten: dass sie einen Einblick gewährt in das
Schaffen der Münchener Sezessionisten im engeren
Kreise, wo sie ganz unter sich sind.

DIE MÄRZAUSSTELLUNGEN DER DÜSSKL-
DORFER KÜNSTLER.

(Schluss.)

Ein so hohes Durchschnittsniveau, wie in der
Kunsthalle, fand sich diesmal nicht in der Schulte-
schen Ausstellung, aber dafür war sie auch um ein
gut Stück interessanter. Das bitterliche Ringen des
Künstlers mit der Natur guckte noch hier und da
loading ...