Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Nekrologe. — Personalnachrichten. — Denkmäler.

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sagen? Hinaus! Luft! Man glaubt ein veritables
Künstlerfest-Gschnasbild zu sehen, das eine gelungene
Travestie auf ein bekanntes gutes Werk vorstellt. —
In der Marine, Landschaft und im Blumenstück sind
noch so viele ererbte, alte Tugenden bei den Epigonen
zu entdecken, dass wir ihnen gerne manchen recht
überflüssigen Fehler verzeihen möchten. 71 W. Mes-
dag's Strand von Scheveningen erfreut durch den groß
aufgefassten Himmel, so dass wir manche Härte in
der Luftperspektive übergehen können. Jacob Maris'
„Am Strande" bringt in impressionistischer Weise
eine regengeschwängerte Atmosphäre mit größter
Glaubwürdigkeit vor. In Joseph Israels' „Durch Feld
und Au" ist die Alte mit dem karrenziehenden Hund
ebenso schleuderhaft und schmutzig gearbeitet wie
die Landschaft — wenn man das Feld so nennen
kann —mit dem späten Abendhimmel — gleich-
wohl leuchtet auch hier die Charakterisirungskunst
Israels' überall hervor; freilich können wir den Wunsch
nach intimer Durchbildung als sehr gerechtfertigt
nicht unterdrücken. —• Etwas schwer in der Farbe
ist W. Roelofs „Landschaft bei Presles", sonst aber
von poetischer Konzeption. Willem Maris giebt in
einem leider sehr flüchtig gearbeiteten großen Bilde
mit Kühen vortrefflich die heiße schwüle Sommer-
luft wieder. Vielleicht die bestdurchgearbeiteten
Landschaften, in denen sich solide Technik mit Ge-
dankenreichtum und Beobachtung deckt, sind Louis
Apol's Winter im Walde, eine Symphonie in Weiß
und Grau, F. J. GhatteVs Waldteich im Herbste mit
der täuschend gemalten Wasserfläche und H. W.
Jansen's Winterabend in Amsterdam. M. Vogel-Eoo-
senboom's Camelien und G. J. Backhuyxen van de
Sande's Azaleen gehören zu den duftigsten Blumen-
stücken der ganzenAusstellung. Aus den zum größten
Teil recht skizzenhaften Aquarellen und Radirungen
heben wir nur 0. Ij. Dake's Radirung der jugendlichen
Königin der Niederlande hervor, ein sehr kostbares
Blatt in großen Dimensionen; besonders der sinnig-
kindliche Blick ist dem Künstler vorzüglich gelungen.
— In der belgischen Abteilung verdient Jean Rosicrs
„Toilette" als lebensgroßes Genrestück besondere Her-
vorhebung durch seine Vortrefflichkeit in Zeichnung
und Farbe — die reizende blonde Frau, mit dem herr-
lich gemalten Haar und Nacken, das Stoffliche, die
Nippes — alles ist mit seltener Meisterschaft ohne
alle Kleinlichkeit reproduzirt. — Jan van Bcers' Henri
Rochefort ist ein interessantes Virtuosenstück im
kleinen Porträt, besonders durch die feine Wieder-
gabe des von rückwärts einfallenden Lichtes, das
den weißen Kopf des Laternenmanns wie eine Glo-

riole umflammt. Van Leemputtm's Erwartung der
zurückkehrenden Wallfahrer in der Umgegend von
Antwerpen ist ein mit dem gesündesten Sinne be-
lauschtes Stück Volksleben, das mit eingehender Na-
turwahrheit geschildert ist. Albert de Vriendfs Carl VI.
und Odette lässt gerade letztere, die eigentliche Haupt-
person, zu wenig bedeutend hervortreten; sonst ist
das geschickt gemachte Bild mit einer guten Gabe
Natur und Humor ausgestattet. Theophile Lybaert
bewegt sich immer in denselben frommthuenden Ty-
pen — ja seine heilige Elisabeth von Ung;mi
gleicht einer seiner Figuren, die er 1882 ausge-
stellt hatte. Jos. Th. Coosemans Waldesrand ist eine
groß erfasste Landschaft, und ./. Lamoriniire's Na-
delholz von einer Delikatesse in der Ausführung, die
mit der Eintönigkeit des Sujets vollständig versöhnt.
Ein tüchtiges, recht modernes Stück sind Isidor Ver-
heyden's Crevetten fisch er in der grauen Stimmung;
Jean Pavl Glaus ist wohl Marinemaler der alten
Schule, aber ein so guter Naturalist und Beobachter
in seiner „Windstille in Zeeland", dass man ihm kein
Alter anmerkt. RUDOLF BOOK.

NEKROLOGE.

*Je* Der belgische Geschichtsmaler Ernst Slingencyer,
ein Schüler von Wappers, ist am 28. April in Brüssel im
71. Lebensjahre gestorben. Eines seiner Hauptwerke, der
Untergang des Schiffes „Le vengeur" (1845 gemalt), befindet
sich im städtischen Museum zu Köln.

PERSONALNACHRICHTEN.

%* Der englisclie Maler Edward J. Poynter, ein Schüler
des Franzosen Gleyre, ist als Nachfolger Burton's zum Direktor
der Britischen Nationalgalerie ernannt worden. Neben seiner
künstlerischen Thätigkeit hat Poynter auch kunstwissen-
schaftlichen Studien obgelegen, in deren Folge er von 1871
bis 1877 als Professor der Kunstgeschichte am University
College in London lehrte. Eine Frucht dieser Studien ist die
1879 erschienene Schrift „Ten lectures of art".

%* Den Malern Carl Breitbach, Faid Flicket und Ernst
Körner in Berlin ist aus Anlass der Eröffnung der großen
Berliner Kunstausstellung das Prädikat „Professor" beigelegt
worden.

Dem ord. Professor der Kunstgeschichte an der tech-
nischen Hochschule zu Darmstadt, Geh. Hofrat Dr. 67. Sehaefer,
wurde von S. Maj. dem Könige Karl von Rumänien, dessen
Erzieher er war, das Großoffizierkreuz des kgl. Kronenordens
mit dem Stern vorliehen.

= tt. Stuttgart. Der König von Württemberg hat den
Direktor der Kunstschule, Claudius von Schraudolph, auf sein
Ansuchen in den Ruhestand versetzt und demselben bei
diesem Anlasse das Komthurkreuz des Kronenordens ver-
liehen.

DENKMÄLER.

= tt. Wiesbaden. Die Enthüllung des Bodenstedt-Denk-
mals in den Kuranlagen fand mit entsprechender Feierlich-
keit am 22. April statt. Das Denkmal besteht aus einem
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