Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Die dritte internationale Kunstausstellung in Wien. 11.

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Ouülemet ein luftig-weites Seinebild von Charenton.
In den „Sommerfäden" zeigt Desire Frcmcois Langee
viel fein gestimmte religiöse Poesie, verbunden mit
treuer Naturbeobachtung.

Unter den übrigen Arbeiten fallen Pierre Denis
Bergcret's „Fische" auf, die zwar skizzenhaft, aber
von großer koloristischer Wirkung sind. QuiUaume
Romain Fonacc's Stillleben zeigt bei wenig Geschmack
in der Wahl der Gegenstände — Zuckerhut, Gurken-
glas, Trauben, Sevresporzellan — eine bewunderungs-
würdige Technik. Ein vorzügliches Tierstück ist
der Jagdhund „Diana" von Leon Hermann, der das
Tier mit den klugen Augen in gespannter Auf-
merksamkeit auf seinen Herrn wartend, im Profil
darstellt.

In der Plastik fällt neben den feineu Marmor-
skulpturen besonders die hochausgebildete Bronze-
technik auf, die durch Mehrtöuigkeit eine malerische
Wirkung von großer Schönheit zu erreichen verstellt.
Dies ist besonders glücklich llaoul Francois Lärche
in seinem „Jesus als Kind" gelungen, ein zartes An-
klingen an das italienische Quattrocento. Und wie
ist das seelische Leben dieses Kindes durch Auge
und Mund zum Ausdrucke gebracht! Wem fällt
nicht die Johannesbüste von Donatello im Berliner
Museum ein? Henri Louis Levasscur ist ein über-
aus glücklicher Kinderbildner, was er in seinem
„zukünftigen Beobachter", dem nackten Knäblein,
das einer Schnecke nachkriecht, zeigt. Eine der
schönsten Gruppen, zwei junge Männer nach dem
Kampfe, ist A. Lanson's „Besiegt", von frischem
wilden Leben von bijalbert „Der Faun und die Bac-
chantin", der der Unbezähmbaren einen Kuss rauben
will. Etwas karikirt, aber humorvoll ist die grin-
sende Fratze eines Incroyable von Harns St. Lerche.
Von der reizendsten Wirkung ist die versilberte,
feinst ciselirte Bronzestatuette „Frühling" von Clau-
dius Marioton, der auch das Email anwendet, um
nur recht lebhaft zu werden. Fmanucl Fremiets
„Laternenträger" ist ein kolossal statuarisch gedachtes
Werk, das wie so viele andere des Meisters den
Ii erbfrischen Zug aufweist, wie er einen Donatello
oder Verrocchio charakterisirt. Von lebendigster
Wahrheit ist die Bronzebüste von Gustave Deloye,
den F. ßoybet vorstellend. Mit Albert Bartholome'*
weinendem Mädchen, dem reizenden, gebeugten Akt
mit den vollendeten jugendlichen Formen, schließen
wir die Plastik. Wir haben nur noch auf die ganz
einzigen Werke der Medailleurkunst eines Jules Cle-
ment Chaplain hinzuweisen, des Meisters von 0. Eoty,
deren Arbeiten seit einigen Jahren von so nachhal-

tigem Einflüsse auf unsere Wiener Künstler desselben
Faches sind.

Die Kunst der Holländer und lieh/irr zeigt fast
nichts von einer nationalen Verwandtschaft der
beiden — sondern vielmehr große Gegensätze in
der Wahl der Sujets und in der technischen und
künstlerischen Ausführung derselben. Die vertretenen
holländischen Meister sind im ganzen beweglichere
Geister als die Belgier, erreichen aber diese fast
nirgends — wenige Ausnahmen bestätigen nur die
Regel — an solider, gefälliger Durcharbeitung des
künstlerischen Gedankens — es ist eben häufig der
rücksichtsloseste, nervöseste Impressionismus, der sich
von Bild zu Bild hetzt und sich dabei zu keinem
Zeit gönnt. — Bei aller Flottheit der Malerei ein
in den wesentlichen Teilen sehr intim durchgeführtes
Selbstporträt ist das der Amsterdamerin Therese
Schwartze aus dein üesitze der Uflizieii in Florenz;
dieses tüchtige Stück Autobiographie — dem das
von uns besprochene Porträt der Miss Alma Tadema
geistesverwandt ist — gehört zu den besten Bildern
der Ausstellung; es wird vielleicht einen so guten
Ruf bekommen, wie das schöne Bild der Lebrun.
Der Kopf mit den interessanten Augen, welche durch
die das Licht abhaltende Hand in Schatten gelegt
sind, der durchdringende, beobachtende Blick, das
alles wird immer Eindruck zu machen im stände
sein. Geradezu von erschreckender Plattheit in Auf-
fassung und Farbe ist dagegen A. ILjner's Porträt
des Fräuleins von Zuydam. Gh. Bischop hat ein
hübsch empfundenes und tüchtig durchgeführtes
Frauenbildnis ausgestellt „Sonnenschein im Haus"
— das auch noch neben dem gutbeobachteten Son-
nenstreiflicht eine Spiegelung der Dargestellten bringt,
die ein schwachsichtiger Tageskritiker vor kurzem
für eine zweite Person hielt. — Im Genre ist D. de
la Mars monumental aufgefasste Bauerumagd zwar
ein brutales Geschöpf, aber von großer Wirkung.
Vorzüglich in den luftigen Hofraum hineingestellt
sind die alte und die junge Frau in Willy Martens
„Plauderei". Ähnlich intim und solid ist F. S. Wü-
hamp's „Mutter und Kind", an dem nur die Schreit-
bewegung etwas ins Momentphotographische über-
trieben ist. Bei weitem am feinsten durchgebildet
ist das von inniger Empfindung durchwehte Bildchen
„Abendtöne" von F. Haaxmann im Haag. Es be-
rührt fast wie ein Alma-Tadema-Sujet ins Moderne
übersetzt: abends auf einer runden Marmorbank am
Wasser sitzend spielt auf der Laute eine junge Dame;
ihr zu Füßen ruht eine Bulle, den Kopf erhoben.
Was soll man zu Eduard Koning's „Gang zur Kirche"
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