Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Bücherschau.

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Eine Antwort giebt er allerdings nicht, aber es ist
klar, dass er ein „Nein" im Sinne hatte und durch
diese ganze Wendung einen, wenn auch verdeckten
Angriff gegen diejenigen Herren, die die betreffenden
Gemälde in Berlin ausgesucht haben, unternehmen
wollte.

Diese Thatsache würden wir hier nicht erwäh-
nen, wenn sie nicht noch ein Nachspiel gehabt hätte,
das eine vollständige Niederlage des Herrn Ehren-
berg herbeiführen sollte. Von der Meinung aus-
gehend, dass das abfällige Urteil dieses Mannes be-
rechtigt sei, und dass nicht nur die Laien, sondern
die Dresdener Künstlerschaft über die letzten Erwer-
bungen für die königliche Galerie arg enttäuscht
und erbittert sei, stellte der Abgeordnete Kästner-
Glauchau in der Sitzung der IL Kammer des säch-
sischen Landtages vom 9. Februar den Antrag, dass
in Zukunft alle für die Bildergalerie ins Auge
genommenen Kunstwerke vor dem Ankaufe in Dres-
den ausgestellt werden sollten, und dass, falls dies j
undurchführbar sei, sich die gesamte Galeriekom-
mission an Ort und Stelle begeben möchte, um die
Entscheidung für und wider gemeinsam herbeizu-
führen. Eine Annahme dieses Antrages seitens des
Landtages wäre einem Misstrauensvotum gegen die
Galeriekommission gleich gekommen und ein Tri- :
umph für Herrn Ehrenberg gewesen, auf dessen
Broschüre sich der genannte Abgeordnete ausschließ-
lich zur Begründung seines Antrags berief. In-
dessen nahm die Angelegenheit eine wesentlich
andere Wendung. Nachdem bereits in der Kammer
von maßgebender Seite aus die Undurchführbarkeit
des Kästner'schen Antrages dargelegt worden war,
erfolgte am 12. Februar eine Eingabe von mehr als
vierzig der tüchtigsten Dresdener Künstler an die
Kammer, in der sie sich der Ankaufskommission
für die Erwerbung der in Rede stehenden Bilder
zu besonderem Danke verpflichtet erklären und der
Hoffnung Ausdruck geben, dass „die angekauften
Kunstwerke, deren Urheber auch außerhalb Dres-
dens seit langer Zeit die höchste Anerkennung ge-
nießen , anregend und erfrischend auf die heimische
Kunst einwirken und der Dresdener Galerie stets
zum größten Ruhme gereichen möchten." Infolge-
dessen und nachdem der Abgeordnete Opitz-Treuen
sich gegen den Vorschlag ausgesprochen hatte, zog
der Abgeordnete Kästner seinen Antrag zurück, der
übrigens bei keinem anderen Mitgliede der Kammer
Unterstützung gefunden hatte. So ist denn vor-
läufig der Streit über eine Angelegenheit beigelegt
worden, deren Verlauf als ein nicht uninteressanter |

Beitrag für eine spätere geschichtliche Würdigung
der Schwierigkeiten, mit denen sich die moderne
Kunst in Dresden durchzusetzen gehabt hat, ange-
sehen werden kann. H. A. LIEB.

BÜCHERSCHAU.
Stilfragen. Grundlegungen zu einer Geschichte der
Ornamentik. Von Alois Riegl. Mit 197 Abbil-
dungen im Text. Berlin 1893. Georg Siemens.
XIX und 346 S.
Diese in vieler Hinsicht hervorstechende Er-
scheinung zählt zu den wenigen wertvollen Büchern
auf kunsthistorischem Gebiete, die alljährlich neben
dem Wüste überflüssiger erscheinen; es ist — das
sieht man jedem Kapitel, ja jedem Satze an, — der
nicht zu dämmende, gebieterisch nach Äußerung
verlangende Trieb einer tiefen Uberzeugung, die
auch auf andere wirken muss. Und insofern ist es
geradezu ein künstlerisches Werk zu nennen. In
der That ist ihm auch die Beseitigung so mancher
alter Irrtümer glücklich gelungen, und für die Be-
kämpfung mancher anderer zeigt es Mittel und Wege.
Eine freie, vorurteilslose Kritik ohne alle Befangen-
heit zeichnet den Autor aus. Zweifellos ist ihm eine
im Zunehmen begriffene Anhängerschaft sicher und
— so groß das Wort ist — wir müssen von diesen
Untersuchungen und neuen Schlüssen an eine neue
Epoche in der Erforschung aller Ornamentik datiren!

Das Buch ist in vier Kapitel geteilt: 1. Der
geometrische Stil (32 S.), 2. der Wappenstil (8 S.),
3. die Anfänge des Pflanzenornaments und die Ent-
wickelung der ornamentalen Bänke (217 S.), das sich
wieder gliedert in a) Altorientalisches und b) das
Pflanzenornament in der griechischen Kunst. Wir
verweisen daraus wieder besonders auf das Kapitel:
„Ägyptisches. Die Schaffung des Pflanzenornaments",
das auf die ornamentalen Motive von Lotos, Pal-
niette und Spirale die interessantesten Streiflichter
wirft, die uns erst die hellenische Ornamentik, selbst
die aus später Zeit, auf ihre Quelle zurückführen lehren.
In dem Abschnitt aus b) „Mykenisches", erklärt Riegl
dieses als den eigentlichen protohellenischen Stil,
„als den unmittelbaren Vorläufer der hellenischen
Kunst der historischen Zeit", der mit der Ein-
führung des Rankenmotivs — denn hier ist es zum
erstenmal nachweisbar — eine für alle Zeiten ent-
scheidende Erfindung gemacht hat. Der Dipylonstil
und alles was zwischen der mykenischen und der eigent-
lichen hellenischen Kunst liegt, ist nur eineVerdunke-
lung, eine Störung der durch jenen angebahnten Ent-
wicklung. Was der Autor über „das Aufkommen des
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