Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Kunstlitteratur. — Nekrologe. — Personalnachrichten.

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und an der ganzen rechten Seite ziehen sich die
hohen, von steilen und zackigen Felsen (wie auf
dem Brüsseler Bilde) und hochstämmigen Bäumen
bedeckten, vorne braunen, in der Ferne grünen Ufer
der Insel hin. Rechts sitzt, dicht an dem von Mu-
scheln und Seekorallen übersäten Meeresstrande,
der Evangelist Johannes in rotem Mantel da, die
Augen zum Himmel gerichtet, eine Feder in der
emporgehobenen Rechten, ein aufgeschlagenes Buch
auf den Knieen mit der Linken haltend. Im Buche
liest man die Worte: Apoca. XII cap. Et signum
magnum apparuit in coelo: mulier amicta sole et
luna sub pedibus ejus et in ea . . . Hier endigt
die Seite. Zur Rechten des Heiligen sitzt sein Adler,
im Begriff die Fittiche auszubreiten. Oben am Him-
mel erscheint die Vision: in der Mitte steht auf
einer Mondsichel ein hoch gewachsenes, in ein weißes
Gewand gehülltes Weib mit einer Sternenkrone auf
dem Haupte und mit andächtig gefalteten Händen.
Rechts von ihr wird das neugeborene Kind von zwei
Engeln „zu Gott und seinem Stuhl" entrückt. Links
kämpft der große rosarote Drache mit sieben Häup-
tern, zehn Hörnern und sieben Kronen (dies alles
auf dem Bilde genau ausgeführt) gegen den Erz-
engel Michael und seine Engelscharen. Eine Gruppe
von mehr als zwanzig Teufeln stürzt in den ver-
schiedensten Körperstellungen vom Himmel zur Erde
hinab. Zur linken Seite flieht längs des Meeres-
ufers das himmlische, nunmehr mit Engelsflügeln
versehene Weib vor dem eine Schaumflut ausspeien-
den Drachen. Gemsen und Ziegenböcke auf den
steilen, obeliskenartigen Felsen, weiße Möwen über
den Fluten, Kraniche in den Wäldern beleben die
Landschaft. Zu den Füßen des Evangelisten auf
einem Steine das Monogramm und die Jahres-
zahl, 1 £~ . ^J~f. Cj g die wir in genauer Durch-
zeichnung wiedergeben.

Der landschaftliche Teil des Bildes nimmt vor
allem unser Interesse in Anspruch. Obgleich noch
etwas archaisch in Auffassung und Ausführung,
ist er frei und fest gezeichnet und gemalt. Das
Kolorit ist naturwahr und ungemein frisch, noch
ohne Betonung der späteren konventionellen Drei-
teilung des Kolorits der vlämischen Landschaften
in einen braunen, grünen und blauen Plan. Das
Bild war von Anfang an auf das Landschaftliche
angelegt, weshalb auch die Figuren für den Maler
von untergeordneter Bedeutung sein mussten. Trotz-
dem misst die größte (Johannes) 45 cm, die zweit-
größte (das Weib im Himmel) 22 cm Höhe (alle

übrigen sind bedeutend kleiner). Sämtliche Gestalten
sind so vortrefflich gezeichnet und ausgeführt, dass
sie auf dem Bilde eines Landschaftsmalers auf eine
fremde Hand (vielleicht die des älteren Franz Frank-
ken) schließen lassen.

Das Bild ist dem Herrn Geheimrat Direktor
Bode, der es im Sommer IS93 bei mir gesehen hat,
bekannt.

Pavlovsk b. St. Petersburg.

PAUL DELAROFF.

KUNSTLITTERATUR.

Von der Verlagsbuchhandlung von U. Hoepli in Mai-
land wird der berühmte Codex Atlanticus des Leonardo da
Vinci aus der Ambrosiana in Mailand in faksimilirten Licht-
drucken herausgegeben. Die Leitung der Herausgabe liegt
in den Händen der Accademia dei Lincei in Florenz. Das
Werk erscheint in 35 Heften, jedes 40 Tafeln, Umschrei-
bungen des Textes und Erläuterungen enthaltend, zum Preise
von 30 M. für das Heft, der Subskriptionspreis für das voll-
ständige Werk, das 1900 beendet sein soll, beträgt 9ü0 M.
Das erste Heft wird auf Verlangen gern zur Ansicht ge-
sandt. Das Werk ist außerordentlich vornehm ausgestattet,
das Format groß Folio und die dem Prospekt beigefügte
Lichtdrucktafel sehr klar und schön.

NEKROLOGE.

%* Der Oeschichts- und Genremaler Prof. Emil Teschen-
dorf, Direktorialassistent an der kgl. Hochschule für die
bildenden Künste in Berlin, ist daselbst am 4. Juni im Alter
von 61 Jahren gestorben.

%* Dr. Hermann Alexander Müller, der als Gymnasial-
lehrer a. D. in Bremen lebte, ist daselbst am 30. Mai im
81. Lebensjahre gestorben. In früheren Jahren ist er Mit-
arbeiter unserer Zeitschrift gewesen. Auch hat er sich
durch einige lexikalische Werke („Biographisches Künstler-
lexikon der Gegenwart", „Lexikon der bildenden Künste"
u. a.) auf dem Gebiete der Kunstlitteratur bekannt gemacht.

= tt. Karlsruhe. Am 29. April starb Baurat iAidwig
Diemer, einer der trefflichsten Schüler des Altmeisters Hübsch.
Diemer hat in den letzten drei Jahrzehnten die meisten
neuen evangelischen Kirchen im badischen Oberlande erbaut;
es seien davon hier nur die Christuskirche in Lahr, die-Südstadt-
kirche in Karlsruhe und die zweite evangelische Pfarrkirche
in Freiburg im Breisgau als hervorragende Werke erwähnt.

PERSONALNACHRICHTEN.

*„* Von der Berliner Kunstakademie. Als Nachfolger
des verstorbenen Professors L. Bokelmann ist der durch
seine kleinen militärischen und bürgerlichen Genrebilder
aus dem 18. Jahrhundert bekannt gewordene Maler Prof.
Carl Seiler in München in den Lehrkörper der Hochschule
für die bildenden Künste berufen worden. Die Berufung
hat die Genehmigung des Ministers gefunden.

%* Prof. Dr. Julius Lessing, Direktor der Sammlungen
des kgl. Kunstgewerbemuseums in Berlin, hat den Charakter
als Geheimer Regierungsrat erhalten. — Der Bibliothekar
des Kunstgewerbemuseums, Dr. Peter Jessen, ist zum Direk-
tor der Bibliothek ernannt worden.
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