Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Bücherschau.

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„Da ist ein Lager eines deutschen Bundesheeres, von
einer Wagenburg umgeben, wo ein Kaiser vor einem
großen Gezelte, von dem der Reichsadler weht,
Depeschen entgegennimmt; umher kleinere Zelte
mit den Bannern von Württemberg, Erbach etc." Bei
seiner weiteren Untersuchung ist es Harzen auch
eingefallen, dass dieser „Kaiser" wohl einen Namen
haben, und vor allem das Vorhandensein der Württem-
bergischen und Erbach'schen Banner eine bestimmte
Bedeutung haben müsse. Er suchte hierüber in der
„Burgundischen Historie" (Straßburg 1477) Näheres
und fand die Stelle:

Bisz d. Keyser für nusz kam

mit großer macht als zymlich ist

und sein leger do genam

im wagenhurg mit spehern lyst.

Hieraus erkannte er, dass die vorliegende Zeich-
nung des Hausbuches nichts anderes darstellen könne,
als Kaiser Friedrich III. im Lager vor Neuß (nusz)
anliisslich der Neußer Fehde vom Juli 1474 bis
Juni 1475. Er legte auf diese Entdeckung keinen
besonderen Wert, denn er fürchtete, mit der näheren
Konstatirung dieser Thatsache seine eigene Meinung,
dass die Zeichnungen des Hausbuches ungefähr 1450
bis 1460 entstanden seien, zu widerlegen.

Ungeachtet dessen ist es höchst wahrscheinlich,
dass einzelne Zeichnungen des Hausbuches viel
früher, c. 1450 — 1460 entstanden sind, aber einige
andere — und unter diesen das erwähnte Lager
mit der Wagenburg — können nur 1474—1475 ent-
standen sein. Harzen bestätigt dies selbst mit den
Worten (S. 18): Diese Zeichnung des Hausbuches
„scheint den geschichtlichen Moment darzustellen,
wo der Kaiser, in seiner Wagenburg verschanzt, die
Belagerung beobachtet und unterhandelnd abwartet;
eine Darstellung so ganz aus dem Leben gegriffen,
dass man annehmen darf, der Künstler, der neben
dem kaiserlichen Zelt die vaterländischen Banner
wehen lässt, habe sich als Augenzeuge im Lager an-
wesend befunden". Und wieder findet er eine Stelle
in dem Chronisten, welche auch das Vorhandensein
der württembergischen Banner erklärt, für welche
Thatsache sich in der ganzen Geschichte des 15. Jahr-
hunderts ein anderer historischer Moment nicht bietet.
Sie lautet:

Vo Würteberg grott' eberhart
Auch do selbs zur linken syten
dem Keyser noch gelegert wert
fürstlichen stodt zu allen zyten.

Es ist kein Zweifel, wir haben da eine Scene
aus dem kaiserlichen Lager vor Neuß vor uns, denn
neben dem Kaiser steht ein junger, bartloser, vielleicht

14—löjähriger Knabe in kriegerischer Rüstung, kein
anderer als „das jung Blut Österreichs", der spätere
Kaiser Maximilian, der seinen kaiserlichen Vater,
wie männiglich bekannt, auf diesem seinem Zuge
nach Augsburg, Neuß, Trier, Köln begleitete.

Damit ist eine ganz bestimmte, unanfechtbare
Datirung für die Entstehung eines Teiles der Zeich-
nungen, und zwar der letzten, spätesten, des Nürn-
berger Hausbuches gewonnen, denn diese Lagerscene
vor Neuß kann nur von einem Augenzeugen im Jahre
1474—1475 gezeichnet sein.

Wie verhält sich nun dem gegenüber der alte
Hans Holbein? — Direktor Lippmann selbst sagt,
er sei im Jahre 1460 geboren. Woltmann in seiner
„Geschichte der Malerei" (II, 116) sagt: „Vermutlich
um 1460 oder etwas später geboren, wie sich aus
seinem Aussehen in datirten Bildnissen entnehmen
lässt." Also immerhin eher später als früher, un-
möglich aber war er in der Lage, als 14- oder
15jähriger Knabe die Zeichnungen des Hausbuches
im kaiserlichen Lager zu zeichnen.

Uber Jugendarbeiten Hans Holbein's des älteren
haben wir aber nicht einmal eine Vermutung; die
frühesten Arbeiten, die wir von ihm kennen, sind die
um 20 Jahre später entstandenen, 1493 datirten
Flügelbilder aus der Abtei Weingarten, die sich gegen-
wärtig im Augsburger Dome befinden.

Wenn demnach Hans Holbein der ältere der
Zeichner des Nürnberger Hausbuches und der Stecher
der 89 Kupferstiche des Amsterdamer Kabinetts
sein soll, so hätten wir allerdings in dieser geheimnis-
vollen Handschrift eine der merkwürdigsten Jugend-
arbeiten eines alten Meisters vor uns, denn das Lager
des Kaisers vor Neuß müsste er im Alter von
15 Jahren, und einen großen Teil der übrigen, gewiss
um 10 oder 15 Jahre älteren Zeichnungen in den
Windeln gemacht haben. HISTORICUS.

BÜCHERSCHAU.

Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und
Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen. Heft 13.
Die Stadt Erfurt und der Erfurter Landkreis. Bearbeitet
von Dr. W. Freiherrn von Tettau. Halle a. S., O. Hendel.
1890. 412 S. Mk. 12.- Heft 14. Der Kreis Oschers-
leben. Bearbeitet von Dr. Gustav Schmidt. Ebd. 1891
240 S. M. 10.—
Die Historische Kommission der Provinz Sachsen hat
nicht, wie es anderwärts geschehen, die Inventarisirung der
älteren Bau- und Kunstdenkinäler insgesamt einer einzigen
Persönlichkeit übertragen, sondern die Bearbeitung der ein-
zelnen Kreise verteilt und zwar vorzugsweise an solche
Herren, welche als besonders vertraut mit der jedesmaligen
Ortsgeschichte und Ortskunde galten. Der technische und
kunstgeschichtliche Teil hat hierdurch wiederholt Schaden
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