Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Korrespondenz.

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gilt, ungeachtet der neueren Versuche, sie zu über-
treffen. Auch dieses Kapitalblatt liegt in einer Nach-
bildung zum Preise von M. 20.— und M. 18.— vor.1)
Von beiden Blättern, der Sixtina sowohl wie dem
Lionardo'schen Abendmahle sind auch Verkleinerun-
gen zu M. 12.— (chines. Pap.) und M. 10.— (weiß. Pap.)
erhältlich.

Es ist schwer für einen Nachgeborenen, nach der
unübertrefflichen Lösung Lionardo's der Darstellung
des heiligen Abendmahls neue künstlerische Seiten
abzugewinnen, ohne dass sich die Abhängigkeit
fühlbar macht oder die Vergleichung herausgefordert
wird. Heinrich Hofmann ist in seiner Darstellung
der Einsetzung des heiligen Abendmahls2) in feiner
Weise den Schwierigkeiten ausgewichen, die die
Situation in sich trägt. Er stellt den scheidenden
Christus nach beendigtem Mahl, am Tische stehend
und seinen versammelten Jüngern den Kelch zum
letztenmal reichend, dar. Hierdurch gelangte er
zunächst zu einer weit mannigfaltiger bewegten
Komposition. Christus selbst steht im Profil sichtbar
aufrecht; er legt die Linke auf die Brust und reicht
mit de"r Rechten den Kelch, innige Ergebenheit
spricht aus seinen Zügen. Vor ihm sind vier Jünger
in dichtgedrängter Gruppe in die Kniee gesunken
und lauschen mit angstvoller Spannung den Worten
des Scheidenden; eine etwas weiter hinknieende
halb sichtbare Jüngergestalt faltet die Hände und
blickt bekümmert zu dem Heiland auf. Die zweite
stehende Gruppe von Jüngern spiegelt ähnliche
Empfindungen wieder in den verschiedensten Ab-
stufungen. Johannes blickt immer noch im höch-
sten Vertrauen zu Christus empor, während die an-
deren, ängstlich, zweifelnd, fast mit leisem Vorwurf
das Unbegreifliche zu vernehmen scheinen. Eine
Gestalt verhüllt weinend ihr Haupt. Der ent-
weichende Judas Ischarioth ist noch eben in der
halb sichtbaren Thür zu erblicken. Die Komposition
ist reich, aber sehr glücklich von drei Hauptfiguren
beherrscht, von denen Johannes die Mitte bildet.
Der Christusgestalt ist durch eine faltenreiche in
schönem Flusse bewegte Gewandung ein künst-
lerisches Gegengewicht gegen die fast zu mächtige
bärtige Figur gegeben, die ihr gegenübergestellt ist.
Bei aller Energie der Charakteristik ist der Adel
der Formen, die Heinrich Hofmann's Werke auszu-
zeichnen pflegen, gewahrt. NAUTILUS.

1) Heidelberg, Bdm. v. König. Bildgröße 43V2x89cm.

2) Bildgröße 69x44 em. Verlag von C. T. Wiskott,
Breslau. Preis M. 15.—

KORRESPONDENZ.

Dresden, November 1893.

Es geht vorwärts! Mit diesem freudigen Lo-
sungswort dürfen wir unseren heutigen Bericht über
die Dresdener Kunstverhältnisse, die sich während
des verflossenen Sommers und seit Anfang des
Herbstes überraschend günstig entwickelt haben, er-
öffnen. Allerdings bezieht sich der Fortschritt
noch nicht auf die eigene künstlerische Produktion
Dresdens, was freilich die Hauptsache wäre, wohl
aber auf unser Ausstellungswesen. Das thatkräftige
Vorgehen der Lichtenberg'schen Kunsthandlung, die
in den Besitz des Herrn Ferdinand, Morawe überge-
gangen ist, hat nicht nur durch ihre Konkurrenz
unsere übrigen Kunsthandlungen zu größerer Reg-
samkeit angespornt, sondern vermutlich auch den
Anlass geboten, dass sich die Leitung des säch-
sischen Kunstvereins einmal zu einer mehr als gewöhn-
lichen Leistung bewogen fühlte, indem sie eine Ge-
samtausstellung der Werke des Frankfurter Malers
Steinhausen veranstaltete. Dazu kommt noch die
vortreffliche Verwaltung unserer königlichen Kunst-
sammlungen, deren Vorstände der modernen Kunst
gegenüber eine so entschieden freundliche Haltung
einnehmen, wie sie weder in Berlin, noch selbst in
München an den maßgebenden Stellen vorhanden ist.
Eine so reaktionäre Erklärung, wie sie unlängst der
Direktor der Berliner Nationalgalerie, Herr Geheime
Rat Max Jordan, abgegeben hat, scheint wenigstens
gegenwärtig von Seiten der berufenen Vertreter in
Dresden ganz unmöglich, und es fehlt nur noch,
dass sich auch die Dresdener Künstlerschaft in ihrer
Gesamtheit nach der Seite einer freieren geistigen
Beweglichkeit hinwende, ein Wunsch, der jedoch
vorerst noch nicht sobald erfüllt werden wird. Dazu
wird nach unserer Überzeugung die auch in Dresden
eingetretene, hoffentlich bald wieder beigelegte Se-
zession unter der Künstlerschaft kaum viel beitragen,
da derartige Spaltungen in der Regel über das
Gebiet sachlicher Differenzen hinausgreifen und zu
persönlichen Reibereien führen.

Aus diesem Grunde rechnen wir es der Lichten-
Imrg'schen Kunsthandlung hoch an, dass sie sich von
der Parteinahme für oder gegen die Sezessionisten
fern hält und tüchtigen Arbeiten aus beiden Lagern
ihre Ausstellungsräume öffnet. Dies hindert uns
jedoch nicht, anzuerkennen, dass die interessantesten
und künstlerisch bedeutendsten Stücke, die in den
letzten Monaten und Wochen bei Lichtenberg zu
sehen waren, fast ausschließlich von Mitgliedern
der Sezession herrührten. Sie kamen zum größten
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