Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Korrespondenz.

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Teil aus der Berliner Ausstellung zu uns, wo sie die
in der That selten schöne Separatausstellung der
Münchener Sezessionisten geschmückt hatten. Das
war z. B. der Fall bei einer Auswahl von Ölgemälden,
die von dem in München lebenden Norweger Gustaf
Arikarcrona herrührten. Ankarcrona erwies sich in
ihnen als ein reich begabter Künstler von seltener
Frische und Vielseitigkeit. Seine Landschaften, die
sich allerdings mit der flüchtigen Wiedergabe eines
momentanen Natureindrucks begnügen, zeugen von
entschiedenem Talent. Noch bedeutender aber sind
seine Porträts, die wir wegen ihrer fabelhaften Ähn-
lichkeit und ihrer ungesuchten Schlichtheit zu den
besten Leistungen, die wir auf diesem Felde in
neuerer Zeit gesehen haben, rechnen. In Otto Eck-
mann, der mit einer ganzen Reihe von Bildern und
Studien debutirte, lernten wir dann einen zweiten
Münchener Koloristen kennen, dessen Landschaften
zu den schönsten Erwartungen berechtigen. Größere
Anziehungskraft auf weitere Kreise, als die Bilder
Ankarcrona's und Eckmann's, deren Wertschätzung
schon ein größeres Verständnis für das eigentlich
Malerische voraussetzen, mochte das große Gemälde
Walther Firle's, „Genesung" betitelt, ausüben. Kam
doch hier der Gegenstand, ein junges, schönes Mäd-
chen, das nach langer schwerer Krankheit zum ersten-
mal wieder im Garten unter Obstbäumen die frische
Gottesluft einatmet, dem allgemeinen Verständnisse
entgegen, und trat doch hier einmal die moderne
Technik der Hellmalerei in so geläuterter Form auf,
dass niemand an ihrer Anwendung Anstoß nehmen
konnte. Weniger einwandfrei erschien uns ein
zweites kleineres Gemälde desselben Künstlers, das
uns Mädchen in einem holländischen Waisenhause
bei der Arbeit vorführte. In der Licht- und Farben-
behandlung gleichfalls wohl gelungen, zeigte es einen
entschiedenen Mangel in der Charakterisirung der
verschiedenen Mädchen, für die offenbar ein und
dasselbe Modell, nur in anderen Stellungen, zur Be-
nutzung gekommen war.

Unter den von Dresdener Künstlern eingesandten
Bildern erregten namentlich die landschaftlichen,
nach sicilianischen und tunesischen Motiven ausge-
führten Studien eines jüngeren Malers Namens Hans
Unger, der bis vor kurzem Theatermaler an der
Dresdener Hofbühne war, unsere Aufmerksamkeit,
weil sie, flott und breit ausgeführt, eine entschiedene
Begabung für das landschaftliche Stimmungsbild
verrieten und namentlich in koloristischer Hinsicht
von einer gewissen Fertigkeit und Sicherheit zeugten.
Weit weniger Geschmack vermochten wir den Bild-

nissen des Berliner Porträtmalers Bruno Pinkow ab-
zugewinnen. Sie waren sämtlich mit einer ent-
schiedenen Routine behandelt, hinterließen jedoch
trotzdem den Eindruck des Äußerlichen und Ge-
machten, da von einer tieferen Charakteristik der
dargestellten Persönlichkeiten bei ihnen nicht die
Rede sein konnte. Das zeigte sich am deutlichsten
bei dem Porträt des Fräulein Reisenhofer, die in
prunkhafter, überladener Balltoilette sitzend abge-
bildet war. Wer diese geistreiche, höchst beweg-
liche und im Mienenspiel hervorragende Schau-
spielerin im letzten Frühling, wo sie die Magda in
Sudermann's „Heimat" im hiesigen Residenztheater
mit ungewöhnlichem Erfolg spielte, gesehen oder
auch nur die Photographieen nach ihr, die in den
Kunstläden ausgestellt waren, betrachtet hat, der
musste das Pinkow'sche Porträt für durchaus un-
ähnlich erklären, weil jeder psychologisch interes-
sante Zug in ihrem Porträt fehlte und an dessen
Stelle das Bild einer schon ziemlich reifen, behäbigen
ebenso langweiligen wie selbstbewussten Schönheit
getreten war.

Auf diese interessanten Ausstellungen, von denen
wir nur die hauptsächlichsten Stücke erwähnt haben,
ließ die Lichtenberg'sche Kunsthandlung Anfang
November eine solche von Ölgemälden Max Klinger''s
folgen und setzte dadurch ihren bisherigen Unter-
nehmungen die Krone auf, dass sie das große
Kreuzigungsbild des Künstlers, das selbst in München
Bedenken erregt haben soll, zum erstenmal zur
öffentlichen Besichtigung brachte. Sie mochte sich
zu diesem Schritte durch den Umstand ermutigt
fühlen, dass gerade in Dresden eine kleine, aber
rührige Klingergemeinde besteht, deren Mitglieder
begeistert für die Werke dieses eigenartigen
Künstlers eintreten, während er in Berlin und an
anderen Orten bisher von den maßgebenden Kri-
tikern meist nur angefeindet worden ist. Beweis
dafür ist die Thatsache, dass die für die Kgl. Ge-
mäldegalerie angekaufte „Pietä" Klinger's nirgends
so warm und herzlich begrüßt worden ist, und dass
keine andere Sammlung, selbst das Leipziger Mu-
seum nicht, das Radirwerk des Künstlers in solcher
Vollständigkeit besitzt, wie das Dresdener Königl.
Kupferstichkabinett. Ebendort kann man endlich
auch eine Anzahl unlängst erst erworbener Hand-
zeichnungen Klinger's studiren, z. B. den Akt für
den Leichnam Christi auf der „Pietä", deren Kennt-
nis für jeden unumgänglich notwendig erscheint, der
zu einem wirklichen Verständnisse des Meisters
kommen will.
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