Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Neue Kunstblätter.

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Gebäudes nicht zu sehen vermag, ebenso wenig den
vermittelnden Grund. Dadurch bekommt das Ge-
bäude etwas Unnahbares, ein Eindruck, der gerade
für die Stätte Bismarck's nicht der geeignete ist.
Im übrigen ist dem Kunstblatte eine prächtige
warm-satte Stimmung eigen, die das Resultat einer
sorgfältigen Verteilung der Gegensätze ist. Die
Kunst des Druckers verdient das beste Lob, ein
feines Gefühl für die Reize der Darstellung hat ihm
die Hand geführt.

Eine Aufgabe von besonderer Schwierigkeit war
die Wiedergabe eines Bildes von F. Stahl, betitelt
Winternachtl), die wir gleichfalls der kunstreichen
HaudMannfeld's verdanken. Der sanfte frischgefallene
Schnee, noch leuchtend in den letzten Lichtern des
Abends, bildet den hellen Grund, von dem sich eine
Reihe beschneiter Grabsteine, eine Kirchhofmauer
und im Hintergrunde eine Gruppe aus dem Dunkeln
emporragender Häuser abheben. Dazwischen braust
als belebendes, aber gleichfalls düsteres Element ein
Eisenbahnzug. Ein dunkler unruhiger Nachthimmel
zieht sich über das Ganze hin. Ganz im Vorder-
gründe ist über ein frisches Grab eine Unzahl von
letzten Blumengrüßen und Palmenwedeln ausgebreitet.
Am Fuße des Bildes stehen die Worte:

Gleichwie Blätter im Walde,

So sind die Geschlechter der Menschen:

Dies wächst und jenes verschwindet.

Es ist eine trübe Elegie in Moll, die aus dem
Bilde zu uns spricht, eine düstere Fermate in dem
unausgeglichenen Presto einer Großstadt, mit allem
Ernst und aller Schwere des Tones, die der Radirung
zur Verfügung steht, vorgetragen; stellenweise ist diese
Schwere bis zur undurchdringlichen Tiefe gesteigert.

Eine freundliche, wackere Leistung ist die Burg
Liechtenstein, die Wilhelm Fcldmann1) seiner Serie
von romantischen Schlössern (Eitz, Rudelsburg,
llohenzollern) zugesellt hat. Frei und kühn steigt
die sagenumsponnene, von Wilh. Hauffs prächtiger
Dichtung uns so vertraut gemachte Burg in die
klare Luft auf, ein Lug-ins-Land, der auf hohem
Fels erbaut, von Raubvögeln umkreist, einem Feinde
schier unerreichbar ist; nur eine ganz schmale
Brücke stellt die Verbindung mit dem benachbarten
Felsen her, ringsum lauter jähe Abfälle, über die
sich die zierliche Silhouette der Burg romantisch-
lieblich aufbaut. Der Künstler zeigt in der Dar-

1) Berlin, Paul Koehler. Bildgröße 04x48cm. Preise:
M. 300.—, 200.—, 100.—, 35.-

2) Berlin, R. Mitscher. Bildgröße 45x53 cm. Preis:
M. 15 —

Stellung gegen früher entschiedene Fortschritte und
sein Blatt ist ein mit kluger Berechnung komponirtes
und ausgeführtes Kunstwerk. Insbesondere wirken
die tiefen Schatten des Vordergrundes, von denen
sich ein hellbeleuchteter kahler Felsen kräftig ab-
hebt, im Gegensatz zu der schlank aufstrebenden
Burg mit ihrer lebendig bewegten Silhouette. Die
allmählich in lichte Ferne sich verziehenden Höhen
hätten hier und da etwas weicher verschwimmen
können. Sehr leicht und duftig ist der bewölkte
Himmel behandelt; kurz, dies Bild ist wie wenige
als Wandschmuck geeignet, der schon aus der Ferne
durch kraftvolle Schatten und breite Behandlung
das Auge anziehen soll.

Zwei Bilder des ewig jugendlichen Raffael sind
es vor allem, die sich der dauernden Gunst der
ganzen Welt erfreuen und denen die Jahrhunderte
nichts anzuhaben vermögen. Das eine ist die Ma-
donna della Sedia, die edelste Verkörperung der
Mutterliebe, daher auch der Mütter Lieblingsbild.
Immer von neuem stellen die reproduzirenden
Künste diese wunderbare Blüte raffaelischer Zartheit
dar; diesmal ist es eine neue Heliogravüre von R.
Paulussen nach einer Originalaufnahme des Bildes
(Durchmesser 37 cm), die den seitherigen zahllosen
Nachbildungen sich zugesellt.x) Das andere Werk, das
uns Maria als Himmelskönigin zeigt, ist die sixti-
nisclie Madonna; auch diese stets von neuem nach-
zubilden werden Stecher und Photographen nicht
müde. Unter den Stechern, die sich an diese große
Aufgabe gewagt haben, gilt Fr. Müller noch immer
als der, der seinem Vorbilde am nächsten gekommen
ist. Es ist bekannt, dass die große Anstrengung,
die ihn diese Leistung kostete, auch seine geistigen
und körperlichen Kräfte aufrieb; er starb zwei Jahre
nach Vollendung des Stiches. Das prachtvolle Blatt
ist nur schwer noch zu erlangen; um es allgemein
zugänglich zu machen, hat 'sich die Heliogravüre
seiner ebenfalls bemächtigt und er ist nun zu dem
Preise von M. 18 — auf chinesischem und M. 15.—auf
weißem Papier zu beziehen.2) Freilich darf man von
der Nachbildung nicht die gleiche Kraft des Ausdrucks
wie bei den tiefgegrabenen Linien der Originalplatte
erwarten. Einen mindestens gleich weit verbreiteten
Ruf wie der Müller'sche Stich nach der sixtinischen
Madonna genießt die Wiedergabe des heil. Abend-
mahls von Lionardo da Vinci durch R Morghen, die
noch heute als ein Meisterstück der Stecherkunst

1) Heidelberg, Edm. v. König. M. 15.— (China).

2) Ebenda. Bildgr. 49V2x65 cm.
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