Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Sammlungen und Ausstellungen.

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Amsterdam" ist diesmal vorzüglich, durch und durch
„Ton" und Stimmung und auch technisch sicher. 0. von
Canal, wie immer, fein und vornehm und silberbriiunlieh in
der Stimmung („Motiv vom Niederrhein"). Gutes bringen
auch Arnx-, Baliner, von Berntdk, Frische, Flamm, Inner,
Fug. Kampf, der Karlsruher Fr. Kalimorgcn, Liesegang,
Maeeo, Metamer, Munthe, Fetersen-Flensburg und Petersen-
Angeln, Rasmussen, Sehioeixcr, und im Aquarell Aug. Schlüter
und Heinrich Hermanns. Des letzteren Kircheninterieur ist
ein Meisterstück in Technik und Kolorit. Unter den Marine-
malern ist Carl Becher am stärksten vertreten („Bei Cux-
haven", „Auf der Nordsee" und „Grobe See"). Auch in Ver-
bindung mit Gustav Wendling leistet er Hervorragendes als
Schiffsmaler. Erwin Günter bringt zwei tüchtige Marinen;
weniger glücklich ist er in einer Herbstlandschaft aus Eng-
land. Im Tierbilde hat Ludwig Fag ein prächtig durch-
geführtes Stück „Auf der Weide" geliefert, fein und sicher
gezeichnet und frisch in der Farbe. — Bei Ed. Schulte ist
wieder eine Menge „Kollektionen" angelangt, auf die näher
einzugehen wir uns leider diesmal versagen müssen. Zwi-
schen all den neuen Bildern wirkt ganz überraschend ein
großes Waldgemälde von Diaz. Das Bild ist voll Kraft
und Ernst, eine tiefdunkle, von silbernem Licht durchbrochene
Waldeinsamkeit. Sie wirkt noch heute ungeschwächt in
ihrem kräftigen Kolorit und der markigen Behandlungsweise.
Es ist Pleinairmalerei, aber auf die dunkle Skala gestimmt.

—nn.

Die Jahresausstellung in der „Royal Academy" in Lon-
don. Der Besucher der 12G. Ausstellung der königlichen
Akademie dürfte bei der Besichtigung zuerst etwas enttäuscht
sein, weil sich unter diesen Werken lebender Meister kein
Sensationsbild erster Klasse, oder wie die Engländer es
nennen, kein „picture of the year" befindet. Das britische
Publikum — das deutsche und französische ist demselben
darin wohl ähnlich — liebt auf jeder Ausstellung ein mög-
lichst unwiderstehlich anziehendes Bild zu sehen, das an
jedermann appellirt und jedermann Gelegenheit giebt, irgend-
wie seine Meinung über dasselbe auszusprechen. Ein der-
artiges Ereignis ist in diesem Jahre nicht zu verzeichnen,
aber trotzdem wird man bei einem zweiten Besuch sich mit
der Ausstellung befreunden. Obgleich mehrere der bekann-
testen Maler nicht vertreten sind, so markirt sich in der
Ausstellung ein stetiger Fortschritt in den Werken der jün-
geren Künstler, ein ernstes Ringen, Schwierigkeiten zu über-
winden, und was ein gesundes Zeichen bedeutet: das Be-
streben dieser jüngeren Schule, ihren Kunstleistungen einen
persönlich eigenartigen Stempel aufzudrücken, ohne wel-
chen schließlich die Kunst zu einer wertlosen Nachahmung
herabsinkt. Andererseits kann nicht verschwiegen werden,
dass vielfach verfehlte Bilder gerade von solchen Personen
gesandt wurden, von denen Besseres erwartet werden konnte.
Sir John Millais fehlt gänzlich auf der Ausstellung, da die
Folgen einer vor Jahresfrist nur notdürftig überwundenen
Influenza ihn noch immer daran verhindert haben, seine
künstlerische Thätigkeit wieder aufzunehmen. Wenn, wie
bereits bemerkt, kein sogenanntes „Jahresbild" sich auf der
Ausstellung befindet, so sind doch sicherlich mehrere Bilder,
und zweifellos eine Skulptur daselbst vorhanden, welche
das höchste Interesse des engeren und Fachpublikums bean-
spruchen. Es handelt sich vornehmlich um Mr. Fildes' Por-
trät der Prinzessin von Wales (239) und um Mr. Gilberts
„Modell für das Grabdenkmal des verstorbenen Herzogs von
Clarence", des Sohnes des Prinzen von Wales (1849). Die
Prinzessin ist in einfacher schwarzer Abendtoilette in sitzen-
der Positur dargestellt, den Blick dem Beschauer zuge-

wandt. Alle charakteristischen Eigenschaften des Kopfes
und des Ausdrucks kommen voll zur Geltung. Hinsichtlich
der Ähnlichkeit ruuss die Kritik zugestehen, dass es Mr. Fil-
des gelungen ist — und vielleicht ein wenig über das That-
sächliche hinaus — die wunderbare Weise wiederzugeben, in
welcher die Prinzessin ihre Jugendlichkeit bewahrt hat; dies
ist jedenfalls ein Fehler nach der ernsten Seite. — Hinsicht-
lich des Werkes von Mr. Gilbert herrscht nur eine Ansicht, und
zwar die der Bewunderung über den Glanz des Entwurfs und
die Schönheit des Monuments. Auf dem Sarkophag ruht die Fi-
gur des Herzogs in militärischer Uniform, über seinem Haupt
hält ein Engel eine symbolische Krone, und am Fußende befindet
sich ein weinender Cupido mit verwelktem Hochzeitskranz.
Bekanntlich starb der englische präsumptive Thronerbe acht
Tage vor seiner angesetzten Vermählung mit der Tochter
der Herzogin von Teck. Der Ruf Mr. Gilbert's als eines
vorzüglichen Bildhauers wird durch das vorliegende Werk
wiederum befestigt und durch dasselbe die Scharte aus-
gewetzt, die der Künstler sich selbst beigebracht hatte durch
die Ausführung des sogenannten Shaftesbury-Brunnens, dem
allgeiuein die Anerkennung versagt wird. Es bleibt nur zu
bedauern, dass gerade letzteres Werk täglich Hunderttau-
sende sehen, da es an der belebtesten Stelle Londons steht,
da wo Regent Street und Piccadilly sich treffen, während
das ausgezeichnete Grabmonument später nur von wenigen
Bevorzugten erblickt werden kann. — Der Präsident der
Akademie, Sir Frederik Leighton, bat die Ausstellung mit
fünf Bildern beschickt. Von diesen ist besonders hervorzu-
heben „Der Sommerschlaf" (III), der durch ein junges Müd-
chen repräsentirt wird. Dies Bild zeigt alle charakteristischen
Eigenschaften des Meisters, namentlich die anmutigen Linien,
so dass es zu den typischen Beispielen seiner Kunst zu zählen
ist, während die übrigen unter einer gewissen Strenge leiden.
Sir F. Leighton hielt vor kurzem als Präsident der Akademie
bei der Preisverteilung seinen üblichen Jahresvortrag, dem
diesmal als Thema die Entwickelung der gesamten deutschen
Kunst zu Grunde lag. In den vorangegangenen Jahren hatte
er die französische, italienische und spanische Kunst be-
sprochen. Der Vortrag war ein außergewöhnlich umfassen-
der. Da er von einer so bedeutenden Persönlichkeit in amt-
licher Eigenschaft gehalten ward und uns direkt betrifft, so
ist es zu verwundern, dass fast die gesamte deutsche Tages-
und Fachpresse diese hochinteressante Rede nur sehr kurz
berührt oder totgeschwiegen hat. Wirklich objektiv vermag
leider kaum ein Engländer zu sein, da er eine zu hohe Mei-
nung von sich selbst besitzt, und so hebt denn auch Sir
F. Leighton vielfach das Gute, was er von der deutschen
Kunst in seinem Vordersatze aussagt, durch den Nachsatz
wieder auf. Da, wie bereits bemerkt, der Umfang des Vor-
trags ein ganz gewaltiger ist, so kann an dieser Stelle nicht
ausführlich darüber berichtet werden, um so weniger, als
außer der Architektur, Bildhauerei und Malerei die gesam-
ten Kleinkünste in dem Vortrag einbegriffen waren. In der Ein-
leitung der Rede findet sich wörtlich folgender Passus, der
für den Kundigen als Leitmotiv gelten mag: „Sicherlich ist
der edelste und vollste Ausdruck der tiefen Elemente von
Poesie, welche an der Wurzel der deutschen Natur liegen,
der Welt nicht durch Form und Farbe übermittelt; nicht
durch Lichtwellen, sondern durch die Wellen des Tones
haben die Deutschen uns in die reinsten Regionen des ästhe-
tischen Entzückens getragen." — Burne-Jones stellt grundsätz-
lich niemals in der königlichen Akademie seine Werke aus,
so dass als Hauptvertreter der Symbolisten Watts hier zu
nennen ist. Von seinen beiden eingesandten Porträts ist
dasjenige des verstorbenen Sir Andrew Clark, eines der be-
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