Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

Seite: 475
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Die Große Berliner Kunstausstellung. IT.

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sehen Jüngling gemacht hat, der erst nachdenklich zu-
hört, bevor er sich in das hitzige Wortgefecht der
Rabbis und Schriftgelehrten einmischt. Wenn diese
Auslegung der Bibel so fortgeht, darf man sich auf
die seltsamsten Sprünge der Phantasie und des
Witzes gefasst machen, von denen freilich einige
der wirksamsten schon der Franzose Jean Beraud
vorweggenommen hat. Man wird dann leicht in die
Verlegenheit geraten, die Naturalisten Max Klinger,
Franz Stuck und v. Habermann, die sich wie ihre
Gesinnungsgenossen wenigstens in den Äußerlich-
keiten an die Überlieferung und in ihren Empfin-
dungen an den heiligen Ernst der Motive halten,
als Retter in der Not zu preisen, und man wird
sogar dem Münchener Paul Schad, der eine nackte
Nymphe an einem Bache im sommerlichen Abend-
dunkel mit demselben Zweck, Lichtreflexe auf schönen
Menschenkörpern erglänzen und erzittern zu lassen,
malt, wie den Totschlag Abels, den Namen eines
poesievoll gestimmten Idealisten zuerkennen müssen.

Ein gewisses Gegengewicht gegen die Realisten
mit altem und neuem Inhalt und die sich von ihnen
abzweigenden Neu-Idealisten, die sich mit einem
aus Tradition, Mystizismus und Willkür zusammen-
gewebten Schleier umgeben, bildet eine dritte Gruppe,
die trotz ihres jungen Ursprungs ein altes und doch
interessantes Gesicht hat. Es sind die Eklektiker,
die noch unbefangen Aufnehmenden, die ihre Hoch-
achtung vor den klassischen Meistern noch nicht
unter den unfruchtbaren Rabulistereien des unzu-
friedenen, revolutionslustigen Kunstmobs verloren
haben. Was sie in diesem Jahre in Berlin ausgestellt
haben, sind ganz außergewöhnlich fleißige, von
gründlichen Studien zeugende Arbeiten, die sich
weit über die üblichen Reminiscenzen lernbegieriger
Italienfahrer erheben. I )as gilt in erster Linie von
Franz Zimmermann's „Abendmahl", das trotz deut-
licher Anlehnung an die Caraccisten sowohl in der
Komposition als auch in der Charakteristik einzelner
Figuren, namentlich des greisen, den Verräter gewis-
sermaßen mit den Blicken durchbohrenden Apostels,
eine durchaus eigenartige, selbständige Auffassung
zeigt. Neben dieser schlichten, ganz aus der Situa-
tion heraus empfundenen Schilderung erscheint die
Darstellung desselben Vorgangs von dem Berliner
Felix Possart gesucht und gekünstelt. Diesem kolo-
ristisch sein' gewandten Schilderer spanischer und
orientalischer Landschaften und Architekturen, der
sich in neuerer Zeit auch auf die Figurenmalerei
gelegt hat, war das letzte Abendmahl Christi nur
ein Vorwand, das Innere eines arabischen Hauses

mit seinen Insassen und ihre Gewohnheiten und Ge-
bräuche bei einer Mahlzeit darzustellen, in Überein-
stimmung mit jener Gruppe realistischer Maler, die
da meinen, dass sich das Leben des semitischen
Orients seit Christi Zeiten wenig oder gar nicht ver-
ändert und dass man nur nötig habe, Araber und
Syrer von heute in ihrer Umgebung, in ihren
Trachten und Lebensgewohnheiten zu schildern, um
das für Christus und die evangelische Geschichte
charakteristische Zeit- und Ortskolorit richtig zu
treffen. Nach dem, was Franzosen, Russen und Polen
nach dieser Richtung bereits geleistet haben, ist
auch dieses Gebiet anscheinend völlig erschöpft. Pos-
sart hat wenigstens nicht viel mehr als seine Kennt-
nis orientalischer Häuser und orientalischer Sitten
aufgeboten, um uns ein interessantes, von Rembrandt-
schem Helldunkel erfülltes Interieur vorzuführen, auf
dessen Estrich sich Jesus und seine Jünger zufällig
zu einem Nachtmahl niedergelassen haben. Den
idealen Standpunkt im Sinne eines geschmackvollen
Eklektizismus vertreten dagegen die Kreuzigung
Christi von dem Stuttgarter L. Glötzle, auf den
neben den italienischen Klassikern und Akademikern
auch van Dyck und Munkacsy einigen Einfluss
geübt zu haben scheinen, eine Beweinung des
Leichnams Christi vor der Grabeshöhle von dem
Wiener Hans Tichy, der in der Komposition und
in der Charakteristik den Spuren van Dyck's folgt,
aber in dem erheblich heller gestimmten und farbi-
geren Kolorit doch wieder völlig modern ist, und
eine ebenfalls an van Dyck erinnernde Pieta von
Gustav aus der Ohe in Zehlendorf bei Berlin. Auch
die Grablegung Christi von August von Brandis ist
ein Werk ernsten Strebens, das sogar in der mit
der größten menschlichen Tragödie harmonirenden
Stimmung der abendlichen Landschaft von tief er-
greifender Wirkung ist. Wenn nur die Figuren nicht
so nachlässig gezeichnet und so roh hingestrichen
wären! Aber die Sucht, schnell zu einem Namen
zu kommen oder doch in dem einen oder anderen
Sinne von sich reden zu machen, lässt den jungen
aufstrebenden Künstlern gar nicht mehr die Zeit,
gute oder doch wenigstens eigenartige Gedanken
zu sorgfältig durchgearbeiteten Kunstwerken aus-
reifen zu lassen. Davon hat unsere Ausstellung meh-
rere Beispiele aufzuweisen, von denen wir nur den
die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt ge-
leitenden Hermes von A. F. Seligmann in Wien und
den ein paar Nixlein in seinem Netze fangenden
Riesen Polyphem von Max Pietschmann in Dresden
hervorheben wollen. Das ist um so bedauerlicher,
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