Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Korrespondenz.

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Höhepunkt erreicht hat, wie er aus den reifsten
Werken der großen neueren englischen Efcadirer be-
kannt geworden ist. Unter den übrigen Blättern
der Ausstellungen haben uns namentlich die Original-
radirungen C. 77*. Jfe/er's-Basel nach landschaftlichen
Motiven vom Bodensee gefallen, der von Jahr zu
Jahr auf diesem Gebiete neue und immer vollkom-
menere Früchte mit heimbringt. Neben Meyer
ragt II. E. von Berlepsch hervor, dessen malerische
Ansichten aus Italien nicht minder interessiren, als
seine Wiedergabe der Lenbach'schen Villa in Mün-
chen. Bei dem Bestreben unserer Zeit, auch in der
bildenden Kunst die Phantasie in ihre Hechte wieder
einzusetzen, kann es nicht Wunder nehmen, dass
wir unter den Mitgliedern des Vereins außer den
Realisten auch einigen zu phantastischen Schöpfun-
gen hinneigenden Künstlern begegnen. Unter ihnen
ist Max Dasio, der sich auch in der Lithographie
versucht hat, am bekanntesten geworden, doch ver-
mögen wir seinem »Eros, Allsieger im Kampf be-
titelten Cyklus keinen Geschmack abzugewinnen, da
wir es hier bei aller Bravour der Mache bisher nur
mit tastenden Versuchen und einem nicht ganz be-
rechtigten Streben nach Originalität um jeden Preis
zu thun haben. Nur wirklich hervorragende Künstler,
wie Böcklin oder Klinger, dürfen es wagen, die For-
men und Vorgänge der Wirklichkeit zu verlassen
uud sich dem Spiele ihrer Einbildungskraft anzu-
vertrauen. Geringer veranlagte Künstler aber thun
gut, sich an das Leben und die sichtbare Natur zu
halten, sonst laufen sie Gefahr, unverständlich, wenn
nicht gar lächerlich zu werden.

Diese Betrachtung drängte sich uns mit erneuter
Stärke auf, als wir, gleichfalls in der Arnold'schen
Ausstellung, eine Anzahl Märchenbilder des norwe-
gischen Malers Gerhardt Munthe erblickten. Der
Künstler, der sich bisher unter den norwegischen
Landschaftsmalern neuerer Zeit eine geachtete Stel-
lung erworben hat, ist auf den sonderbaren Einfall
geraten, durch diese „Märchenstimmungen", wie er
seine Versuche nennt, „die Phantasiezeit, die nach
seiner Ansicht zwischen der Edda und den Volks-
märchen liegen soll, also die Zeit, in der die Bal-
laden und die Legenden herrschen", durch Werke
der bildenden Kunst auszufüllen. Um diesen Zweck
zu erreichen, vermied er absichtlich jede naturalisti-
sche Darstellung und suchte sich dagegen „eine Art
von romantischen Stil, sowie gewisse grelle Farben-
gegensätze" aus, die, wiederum nach seiner Ansicht,
für die ältesten Vorstellungsweisen in Norwegen
charakteristisch waren und die daher die Phantasie

von vornherein in das Altertum leiten sollen. Wir
gestehen, dass wir diese schriftlichen Erläuterungen
des Malers ebenso unverständlich finden, wie die
mehr als kindlichen Bilder selbst, deren an und für
sich schon seltsam genug erscheinende Titel, wie
z. B. „Die drei Böcke", „Blutspuren", „Drei Prinzes-
sinnen", „Schwarze Apfel" u. s. w. trotzdem der
Phantasie einen unbegrenzten Spielraum frei lassen.
Es kann ja sein, dass, wie Munthe versichert, diese
Bilder bereits im vorigen Jahre im Pariser Mars-
feldsalon Aufsehen erregt und dass einzelne Stücke
davon in den Galerieen zu Christiania, Stockholm
und Gothenburg Aufnahme gefunden haben. Aul-
sehen werden sie vermutlich in Deutschland auch
erregen, aber dass sie bei uns jemand verstehen oder
gar Gefallen an ihnen finden sollte, möchten wir
vorerst noch ernstlich bezweifeln.

Glücklicherweise sind Munthe's „Märchenstim-
mungen" nicht allein nach Dresden gelangt, sonst
würde man sich hier, wo die norwegische Kunst noch
wenig bekannt ist, leicht einen ganz falschen Begriff
von ihr machen. Vielmehr ist es dem äußerst rüh-
rigen Leiter der Arnold'schen Kunsthandlung ge-
lungen, eine ziemlich umfangreiche Sammlung von
Arbeiten norwegischer Maler zusammenzubringen,
die überhaupt zum erstenmal in Deutschland öffent-
lich gezeigt wird und erst später in München zur
Ausstellung gelangen soll. Da die Leser der „Kunst-
chronik" die Eigenart der modernen norwegischen
Malerei aus früheren Berichten bereits kennen, ge-
nügt der Hinweis darauf, dass die gegenwärtige
Sammlung kaum weniger bedeutend ist, als die, die
im Jahre 1891 auf der Münchener Jahresausstellung
zu sehen war. Die Meister, die damals in München
vertreten waren, begegnen uns zum Teil auch hier
wieder, und zwar mit Werken, die hinter ihren
früheren Bildern nicht zurückbleiben. Diesmal steht
Erik Werenskiold, der Schöpfer des trefflichen „Bau-
ernbegräbnisses", das schon 18S6 in Berlin Aufsehen
erregte, entschieden obenan. Wir lernen ihn in drei
Werken als Porträtmaler kennen und glauben nach
diesen Proben gern der Versicherung Mnther's, dass
Werenskiold's Bildnisse in ihrer schlichten Einfach-
heit zu den besten Leistungen der norwegischen
Kunst gehören. Am meisten interessirt uns, weil
wir den Dargestellten aus seinen Schöpfungen ken-
nen, das Porträt des Komponisten Edvard Grieg, doch
sind die des Malers Fr. Collet und der Malerin Fräu-
lein Kittg Kieücmd gleichfalls so frisch und lebendig
und dabei so plastisch und lebhaft in der Farbe ge-
| halten, dass wir auch ohne die Originale oder ihre
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