Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Wir sahen beide heuer in München vertreten:
die erste, die konservative, vorzugsweise im Glas-
palast, in der deutschen Abteilung wenigstens.
Denn was die Kunst des Auslandes betraf, so sah
man ja auch im Glaspalast wider Erwarten viel
kühne und beachtenswerte Schritte nach vorwärts,
ja selbst extrem liberale Leistungen fehlten nicht.
Freilich gab es auch in der deutschen Abteilung
Werke genug, die einen bewussten oder unbewuss-
ten Kompromiss zwischen Altem und Neuem dar-
stellten; und vortreffliche Leistungen, die aber zu-
meist die Kunst um nichts vorwärts brachten. Die
Ausstellung im Glaspalast trug einen wesent-
lich retrospektiven Charakter; sie war nicht die
künstlerische That dieses Jahres, nicht diejenige
Leistung, welche einmal die Kunstgeschichte ver-
zeichnen wird. Das war vielmehr die Sezessionisten-
ausstellung.

Wir wünschen den Sezessionisten Glück, dass
der materielle Erfolg ihrer Ausstellung nichts zu
wünschen übrig gelassen hat. Aber ein anderer
Erfolg, dessen Umfang sich allerdings jetzt noch
nicht ermessen lässt, scheint uns bedeutender. Wer
die Pressstimmen durchgeht, welche über diese Aus-
stellung laut geworden sind, der findet eine fast
überraschende Einmütigkeit in der warmen Sym-
pathie, mit der man sie beurteilt. Ungünstige Kri-
tiken sind seltene Ausnahmen; nur bisweilen wird
eine kühle, zurückhaltende Stellung beliebt; öfter
aber steigert sich das Wohlwollen geradezu zur Be-
geisterung. Wer das Publikum in der Ausstellung
an der Prinzregentenstraße beobachtet, wer seinen
Urteilen nachgelauscht hat, der erkennt, dass die
Presse hier das aufrichtige Echo der öffentlichen
Meinung gewesen ist. Das Eis scheint gebrochen
zu sein, der Damm gelockert, der die neuere Kunst-
eutwickelung so vielfach noch von der öffentlichen
Meinung schied. Das dürfte der schönste Erfolg
sein, den die Sezessionisten mit ihrer Ausstellung
errungen haben.

Aus den Mitteln und Wegen aber, durch die
sie diesen Erfolg ermöglichten, können wir für kom-
mende Ausstellungen beherzigenswerte Lehren ziehen.
Er scheint uns vor allem auf dem Charakter der
Ausstellung als einer Eliteausstellung zu beruhen.
Ein einmütiges Vorgehen von Gleichgesinnten, die
ihre besten Kräfte in den Dienst einer rein idealen
Aufgabe stellten, musste wohl notwendig zu einer
solchen führen. Die Vorzüge solcher Eliteausstellun-
gen, von denen so oft theoretisch gepredigt worden,
haben sich hier einmal schlagend praktisch erwiesen.

Noch nie sah man vorher in Deutschland die Be-
strebungen der Modernen so klar und bündig neben-
einander ausgesprochen. Man hatte ihre Werke so
gern für kapriziöse Launen, für Kunststückchen und
keine Kunst, für zweck- und ziellose Harlekinaden
erklärt und lernte nun alle diese Dinge als notwen-
dige Glieder einer zusammenhängenden Entwicke-
lungsreihe erst beachten, dann verstehen und wür-
digen. Das Unvollkommene und Unfertige, das ein-
zelnen Leistungen noch anhaftete, trat zurück gegen-
über der eindrucksvollen Einmütigkeit, mit der alle
für die gemeinsamen künstlerischen Ziele eintraten,
j — ohne dass die Sorge für den materiellen Erfolg
sich vordrängte, lediglich in maiorem artis gloriam.
Nirgends machte sich die Marktware breit, mit der
man so oft in sog. Kunstausstellungen die Wände
tapezirt sieht und deren gleichgültiges Einerlei den
Beschauer ermüdet und verdrießt und seine Em-
pfänglichkeit für das zwischengestreute Gute ab-
stumpft. In dieser Art Ausstellungen zieht das All-
tägliche die Ausnahmeleistungen mit hinab; das
konnten wir dieses Jahr im Glaspalast wieder be-
obachten, von dessen Bildern man ruhig zwei Drittel
l hätte eliminiren können, ohne dass der künstlerische
| Wert der Ausstellung dadurch verloren hätte. Der
bildende Wert für das Publikum aber, das sich mit
Recht nur belehren lassen will, wo es auch genießen
kann, wäre ohne Zweifel gestiegen. Darin war ihr
die Sezession entschieden über. Denn in ihr fühlte
man sich im engeren Kreise behaglich, das Herz
ging einem auf, da man so wenig Nichtigkeiten
und so viel Interessantes fand. Selbst der Beste be-
fand sich hier in standesgemäßer Gesellschaft. Von
denen aber, die hier einkehrten und genossen, wer-
den, das hoffen wir, recht viele ständige Freunde
des Hauses bleiben.

„Man soll auf unseren Ausstellungen Kunst
sehen und jedes Talent, ob älterer oder neuerer
Richtung, dessen Werke München zur Ehre gereichen,
soll seine Blüte reich entfalten können," hieß es in
dem Programm der Sezessionisten. Das war keine
Phrase. Viele, die erwartet hatten, hier ein ein-
seitiges Parteiprogramm durchgeführt zu sehen,
mochte es überraschen, dass im Gegenteil alle Stim-
men zu Worte kamen, wenn sie nur die Sprache
Kunst redeten. Aber die Überraschung konnte nur
angenehm sein. Keine aufdringliche Polemik oder
absichtsvolle Opposition störte den noblen Gesamt-
charakter der Ausstellung. Vorher das Gegenteil zu
erwarten, lag nahe; und dass die Sezessionisten diese
Klippe glücklich umschifft haben, darf man wohl
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