Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Vor allem genießen die Schüler der Fachschulen
für Malerei und Architektur die Früchte dieses
Kurses. Unter den ersteren ragt die des Professors
Karger für figürlich-dekorative Malerei hervor. Die
Gemälde für das Stiegenhaus des Schlosses Neubruck
mit den lebensgroßen Figuren könnten jeder Schule
für Historienmalerei nur zur größten Ehre gereichen.
Vorzüglich vertreten ist die Schule durch Porträts.
Die Schule Rössler's glänzt mit einer meisterhaften
großen Anbetung der Madonna durch Heilige. Pro-
fessor Jiiharz als Vorstand der Fachschule für deko-
rative Blumenmalerei und Stillleben pflegt neben
der Oltechnik besonders das Gouache und die Feder-
zeichnung, und wenn wir auch das Manierirte in
der Konturirung von Blüten und Blättern nicht
übergehen können, so lässt sich doch in der elegan-
ten Sorgfalt der Ausführung und geschmackvollen
Komposition der Arbeiten jener gewisse prickelnde
Beiz der französischen Schule, in der sich der Meister
bildete, nicht verkennen. — Die Schule William
I 'iii/i /s ist eigentlich eine Vereinigung von Meistern
des Stiftes und der Radirnadel; eine Publikation, wie
die vorliegende von farbigen Radirungen, einer
Technik, die einen wahren Dornröschenschlaf ge-
schlafen, gehört zum Besten, das geleistet werden
kann. Es ist eine würdige Widmung an den Pro-
tektor des Museums, Seine Kaiserliche Hoheit den
Herrn Erzherzog Rainer. Das Hervorragendste lie-
ferten W. Schulmeister, A. Kaiser und Th. Alphons,
dessen dem Werke beigegebene Landschaft in ■ der
ersten Nummer des laufenden Jahrganges der Zeit-
schrift für bildende Kunst zu sehen ist.

Unter den Bildhauerschulen ist es schwer, der
einen vor der anderen die Palme zu geben. Die
Vorbereitungsschule des Professors Kühne über-
rascht durch ornamentale und figürliche Dekorationen
ebensosehr, wie durch ausgezeichnete Reliefporträts
und Büsten, die größtenteils weit über das gewöhn-
liche Mittelmaß von Schüleiieistungen hinausgehen.
Das bedeutendste Talent aber zeigt ein Schüler
Professor Königs, Namens Franges, in seiner Büste
eines Alten. — In der Ciseleur- und Kleinplastik-
schule des Professors Sehwartz ist der neue be-
lebende Strom unverkennbar, den wir der vor-
jährigen Ausstellung von Werken des genialen
Franzosen 0. Roty verdanken; Prof. v. Lüt/.ow hatte
kaum durch einen interessanten Artikel in der
N. Fr. Presse die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf
Roty gelenkt, als auch schon sämtliche damals ex-
ponirte Medaillen und Reliefs des Meisters durch
das Museum dank dem Entgegenkommen Roty's er-

worben wurden, und heute schon genießen wir die
Früchte davon. Die Holzschnitzereischule unter
Professor Klotz, die am engsten mit der kunst-
gewerblichen Produktion in Fühlung steht und be-
rufen ist, von der Plastik zur Innendekoration der
Architekturschulen hinüberzuleiten, frappirt durch
Gruppen, Einzelfiguren, Porträts in Relief und Büste
und durch Rahmen, Panneaux etc., wobei wir nur
die von der Hand des Künstlers selbst in ausgedehn-
terem Maße vorgenommene Polychromirung und Ver-
goldung ungern vermissen.

Während die bisher besprochenen Schulen nur
zu häufig berufen sind, Kunstwerke im besten Sinne
des Wortes zu schaffen, bei denen wir an Kunst-
handwerk kaum mehr denken können, die auch oft
nicht dem täglichen Bedürfnis zu dienen brauchen,
sondern rein nur der Freude am Schönen, haben die
Fachschulen für Architektur, mit ihren Abteilungen
für Ameublement, Weberei und Spitzenfabrikation,
die Schule für Keramik und Email unter Professor
Macht oder die chemische Versuchsanstalt unter Pro-
fessor Dr. Linke die eigentliche Aufgabe, den Namen
Kunstgewerbeschule zu rechtfertigen. Unter der
Oberleitung des Hofrates Direktor Storch werden
für geklöppelte und genähte Spitzen Kompositionen
gearbeitet, die unter Aufsicht der Lehrerinnen Pleyer
und Richter ausgeführt werden: das Ausgestellte zeugt
von ebenso großem Geschmacke wie technischer
Vollendung, der keine Aufgabe zu schwer ist und
die immer Neues zu bringen sucht, wie die ungemein
reizvolle Garnitur mit in die Spitze eingenähten
Perlmutterplättchen zeigt. Die Teppichmuster aus
derselben Schule für die Firma Haas verdienen
gleiches Lob. Die Schulen der Professoren Herdtie
und Beyer waren durch vorzügliche Aufnahmen nach
einer Reihe von Gegenständen im Besitze des Museums
sowie durch Originalentwürfe vertreten. Professor
Macht's Schüler lieferten neben schönen keramischen
Arbeiten — unter denen wir auch von der Hand
des Professors Griepenkerl Unterglasurmalereien fan-
den, — die prächtigsten Emails, meist nach Ehr-
mann'schen Originalen. Daneben müssen wir der
chemischen Versuchsanstalt, die mit dieser Technik
in engster Verbindung steht und das Brennen der
Arbeiten besorgt, unsere besondere Anerkennung
aussprechen.

Eine bedeutende Stelle nimmt unter den Hilfs-
wissenschaften die von Baurat Professor Häuser vor-
getragene Stillehre ein; auch ihre Kenntnis eignen sich
die Schüler durch fleißiges Zeichnen großer Vorlage-
blätter, polychromirte Ausführung derselben, Auf-
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