Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Die historische Sammlung der Münchener Künstlergenossenschaft.

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und freudige Zustimmung fand. Die Vorstandsmit-
glieder v. Cederström, Bär, Zumbusch und Grönvold
bildeten ein vorläufiges Komitee, welchem sich kurz
darauf Professor Holmberg, Professor Spieß, Hein-
rich Lang, Theodor Pixis und G. A. Horst freiwillig
zugesellten, außerdem trat etwas später Maler Victor
Sieger auf Bitte des Vorstands in die solchergestalt
zusammengesetzte historische Kommission ein.

Es war eine weitaussehende und vielseitige Auf-
gabe, an deren Erfüllung man herantrat, ja mit der
Inangriffnahme derselben stellte sich gleichzeitig
heraus, wie weit man die Anforderungen ausdehnen
müsse, sollte das junge Unternehmen seinen ganzen
Zweck erfüllen. Dass eine von Künstlern angelegte
Sammlung auch nach rein künstlerischen Gesichts-
punkten geführt werden müsse, ist klar, dass da-
neben jedoch auch dem Leben und der Entwickelung
der einzelnen Künstler volle Rechnung zu tragen
sei und nicht nur fertige Kunstwerke, sondern auch
Skizzen, Studien und alles, was auf das Werden
derselben Licht werfen kann, aufgenommen werden
soll, entspricht nur dem kunst- und kulturge-
schichtlichen Zweck der Sammlung. Neben den
großen Ereignissen des Münchener Kunstlebens, den
Angelegenheiten der Genossenschaft, dem Empor-
wachsen des Ausstellungswesens in unserem Jahr-
hundert, den vielfachen Beziehungen der Künstler-
schaft zum königlichen Hofe, zu Staat und Stadt,
war auch alles zu berücksichtigen, was auf das mit
Recht weitberühmte Künstlerleben und Treiben
Münchens irgendwie Bezug hat. Wie viele herrliche
Gedenktage und Künstlerfeste hat diese Stadt gesehen
von den Zeiten des kunstbegeisterten Königs Lud-
wig I. an bis zu unseren Tagen und wie sehr haben
diese wieder zum Rufe der Isarstadt beigetragen!
Möge beispielshalber nur an das wunderbare Albrecht
Dürer-Fest des Jahres 1840, den Maskenball des
Prinzen Karneval 1852, den Jubiläumszug zur Feier
des achthundertjährigen Bestehens Münchens 1858,
das Corneliusfest 1861, den prachtvollen Maskenball
der Künstlergesellschaft Jungmünchen 1862, das von
der Allotria ausgegangene, Kaiser Karl V. verherr-
lichende Fest 1876, die Trauerfeier für König Lud-
wig I. 1868, das Maskenfest König Winter 1886 und
an den dem Prinzregenten dargebrachten Fackelzug
1887 erinnert sein, so wird jeder, dem es vergönnt
war, an solchen Festen teilzunehmen, begrüßen,
wenn auch sie dem Gedächtnis erhalten bleiben und
dass durch das, was in der Sammlung schon jetzt
an Kostüm- und Arrangementskizzen vorhanden ist,
ein anschauliches Bild derselben hervorgerufen wird.

Das Gleiche gilt von den unzähligen Maifesten, die
allen Teilnehmern ebenso unvergesslich geblieben
sind. Unter diesen mögen das große Drachenfest
1856 in Pullach an der Isar, bei welchem zum ersten-
mal der bekannte Maikäferzug auftrat, die nicht
minder großartige Maifeier des Jahres 1860, die sich
durch die Aufführung des Schauerdramas Heinz von
Höllenstein auszeichnete, und das herrliche Waldfest
1879 hervorgehoben sein, bei welch letzterem ein
Kriegszug aus dem Bauernkriege in malerischster
Art unübertrefflich vorgeführt wurde.

Wird durch das über die größeren Veranstal-
tungen Gesammelte das Künstlerleben Münchens in
seinen großen Zügen in das Gedächtnis zurück-
gerufen, so gilt doch ein ebenso bedeutender, wenn
nicht der größere Teil der Sammlung dem Leben
der Künstler selbst, ihren gesellschaftlichen Ver-
einigungen und dem, wie sie in Ernst und Scherz
zusammenlebten.

Was das erstere betrifft, so sucht man einesteils
durch die Werke der Künstler, die in sorgfältiger
Weise zusammengetragen werden, andererseits aber
durch gemalte oder gezeichnete Bildnisse derselben,
soweit irgend möglich, sie und ihr künstlerisches
Werden und Schaffen wiedererkennen zu lassen.
Durchblättert man die schon jetzt sehr inhaltreichen
Mappen, so zieht ein Bild der Vergangenheit an
unserem inneren Auge vorüber, wie es klarer nicht
gedacht werden kann. Wie viele haben gerungen

! und gekämpft, wie verschieden waren die Wege und
wie deutlich scheiden sich in den chronologisch ge-
ordneten Blättern die nacheinander kommenden und
wieder verschwindenden Zeitrichtungen. Vom An-
fang unseres Jahrhunderts, in welchem noch die Re-
miniscenzen des Zopfes nachwirkten, bis zum Auf-
tauchen der klassischen Richtung, von Cornelius bis

I zur Zeit Kaulbach's, von dieser bis zum Wirken

I Piloty's und seiner Schüler und endlich zu den
neuesten Erscheinungen der modernen Kunst wird
die Sammlung in ihrer einstigen Vollendung eine
ununterbrochene Kette der Erinnerungen bieten. So
wird in ihr eine unschätzbare Quelle für die Kunst-
geschichte geschaffen, sicher wie keine andere, da

( mit vollem Zielbewusstsein schon vom Beginn an
ihre Anlage darauf gerichtet ist, nicht nur das Kunst-
leben Münchens im allgemeinen, sondern dieses in
harmonischer Vereinigung mit dem Leben der Künstler
der Zukunft zu überliefern.

Das Unternehmen würde diesen kunst- und

I kulturhistorischen Zweck nur halb erfüllen, wenn
man einzig und allein die Sammlung von Kunst-
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