Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Spaziergänge durch zwei hanseatische Kunstausstellungen.

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Fritz von UMe's „Verkündigung bei den Hirten"
erhebt sich weit über seine ersten Werke durch
den Zug ausgereifter Abklärung und harmonischer
Einheitlichkeit; namentlich auch dadurch, dass der
Künstler von der Hellmalerei diesmal absieht. Er
scheint allmählich einzulenken in allgemein verständ-
liche Bahnen und der „Schönheit" nicht mehr mit
Halsstarrigkeit aus dem Wege zu gehen. Also auch
Uhde hört endlich auf, mit jener falschen Originali-
tätshascherei zu kokettiren, die schon zu lange
an so manchen tüchtigen modernen Werken einen
ungetrübten Kunstgenuss nicht aufkommen ließ.
Ein gutes Vorzeichen für die Zukunft! Das große
Gemälde atmet eine hinreißende Intensität und Wärme
und in einigen Köpfen ist eine seelische Vertiefung
von seltener Kraft und Schönheit zum Ausdruck
gebracht. Leider hängt es recht unvorteilhaft, sonst
würde die herrliche Gesamtstimmimg der Erschei-
nung des Engels bei Nacht deutlicher zum Aus-
druck gelangen. Eine außerordentlich ehrlich be-
obachtete Studie eines Interieurs mit dem in Schmerz
versunkenen, über den Küchentisch gebeugten Weibe,
sowie der an Franz Hals erinnernde Kopf einer alten
zahnlosen Hexe zeigen Uhde's Können auch von der
besten Seite.

Ein Uhde nicht unverwandter und doch selb-
ständiger Künstler ist der energische junge Ludwig
Dettmann. Sein großes Tryptichon ,1. Mose, Ka-
pitel III" ist ganz in grauem Lichtton gemalt und
enthält einen entschiedenen Stimmungszauber von
allerdings trübem Charakter und erbarmungsloser
Wahrheit. Links ist am Eingange des Paradieses
der Engel mit dem Schwert, vorne die Schlange;
das große Mittelstück zeigt einen in Regenstimmung
vorbeiziehenden ärmlichen Leichenzug von ergreifen-
der Trostlosigkeit und auf dem Felde schwer arbei-
tende Tagelöhner. Merkwürdig ist hier der beglei-
tende Bibeltext in englischer Sprache geschrieben,
während die beiden andern deutsch sind, eine Eigen-
tümlichkeit, deren Ursache nicht erkennbar ist. Ob
das: „Du sollst im Schweiße deines Angesichtes
dein Brot essen" sich besser in der englischen Über-
setzung macht? — Der rechte Flügel enthält die
Erlösung durch den Heiland: „Kommet her zu
mir" etc. Ein tüchtiges Kunstwerk, worin Dett-
mann's Individualität seine eigene kräftige Sprache
redet.

Meister Franz von Lcnbach hat eines seiner
Hismarckporträts gegeben und außerdem eine famose
Porträtskizze von Liszt, welche gleich in Privatbe-
sitz überging. Kein Wunder! An Porträtstücken ist

sonst nicht viel vorhanden. Gut ist Hans Fechner's
Rudolph Virchow und Gerhard Hauptmann. Ein
dänischer Maler ist von einem Landsmann recht
ähnlich, aber unangenehm trocken und kalt im Ton
gemalt.

Gabriel Max hat die Ausstellung reich beschickt.
Dass er auch Humor hat, beweist das Bild „Bewusste
Ziele", wo eine Hüterin der Schweine ganz energisch
mit einem Schrubber Ferkelchen abzubürsten be-
müht ist. Den ganz durchseelten Ausdruck mit
dem hellen durchsichtigen, etwas kranken Fleischton
zeigen die „Abendglocken" (ein inbrünstig knieendes
Weib, im Hintergrunde liegt im Abenddämmernebel
eine Stadt) und „Seelenkämpfe". Braucht die Ge-
schichte dieses jungen Geschöpfes einen Kommen-
tar? Alles menschliche Leiden spricht aus ihm. Das
Haupt bintenübergebeugt, die Hände in Verzweif-
lung zusammengekrampft so zeigt sich das erschüt-
terte Stück Frauenleben, das dieser Künstler kraft
seiner seelischen Vertiefung und Phantasie zu ver-
körpern berufen ist.

Ein moderner Maler von großer Tüchtigkeit
und sicherem Können ist Gotthardt Kuehl. Publi-
kumsbilder malt er nicht. Er hat sich darin ganz
gegen seine frühere Periode geändert. Seine Indi-
vidualität ist kräftig und die Technik ungesucht und
einfach. Zwei, von dem Museum in Lübeck ange-
kaufte Bilder fielen mir als besonders tüchtig auf:
„Die Segelnäher" und „Ave Maria"; aber auch die
„Kirche in Altenbruch" ist eine interessante Studie.
Wer soviel kann wie Kuehl darf getrost pleinair
oder „sonst was" malen, er wird immer etwas Künst-
lerisches geben. — Max Liebcrmanns Individualität
steht heute zweifellos fest. Als Bahnbrecher und
Anreger haben die meisten andern, auch Uhde, ihm
zu danken. Er ist hier mit einer Reihe von inter-
essanten Arbeiten, die durch Beiträge aus Privat-
besitz verstärkt sind, außerordentlich reich vertreten.
Da ist u. a. das Dünenbild mit dem Wagen (das
Seitenstück zu der Frau mit der Ziege), die bekann-
ten Amsterdamer Waisenmädchen und eine Reihe
feingetönter Landschaftsbilder, Studien und Ein-
drücke. Naturtreue und Stimmungsgehalt, diese
beiden großen malerischen Hauptfaktoren, sichern
den besten Arbeiten Liebermann's bleibenden Wert.
Charakteristischer und vorteilhafter als auf dieser
Ausstellung sieht man ihn wohl schwerlich wieder.

Thoma ist ein Sonderling von seltsam poetischer
Anlage, in die man sich erst hineinfinden muss.
Ich sah ihn noch kaum besser als in den hier ausge-
stellten Landschaften und musste ihn lieb gewinnen.
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