Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Spaziergänge durch zwei hanseatische Kunstausstellungen.

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Humor und intimster Beobachtung zusammengesetzte
Malweise mag dem nordischen Sein und Geschmack
besonders zusagen. Vor dem Böcklin'sehen Bild:
„Gott Vater zeigt Adam das Paradies" sieht man
eine fortwährend kichernde oder laut lachende Menge.
Es ist so überaus kindlich empfunden, wirkt so auf
das Zwerchfell in seiner märchenhaften Naivetät, dass
man meint, ein Kind habe einen Traum gehabt und
beim Erwachen, ohne Scheu, ohne Bedenken seinen
Traum gemalt. Der große rote Mantel Gott-Vaters mit
den vielen Sternen, der blaue Grund dahinter, Adam s
jugendlich verblüffte Gestalt mit den dünnen Bein-
chen, das alles ist fast unwiderstehlich komisch.
Böcklin's seltsamer Sinn schafft wie ein großes Kind
die Gebilde einer nie dem leiblichen Auge sichtbaren
Welt, und darin liegt eben etwas Heiliges, Rühren-
des, wie wenn Kinder sich die Welt ausmalen in
ihrer unschuldigen Unwissenheit. Wenn man dies
Bild auch so betrachtet, lacht man nicht mehr. —
Franz v. Lenbach's Porträt Richard Wagners hat
keinen besonders günstigen Platz und wirkt sehr
gelb. Von dem verstorbenen Meyer von Bremen sind
zwei kleine Meisterstücke ausgestellt, die in ihrer
Art zu den subtilsten der Ausstellung gehören:
„Großmutter erzählt" und „Guten Morgen". Pro-
fessor Gustav Oracf (jetzt in München) sandte ein
sehr tief gehaltenes Bild „Irrlicht", das wohl zu
seinen besten zählt. Rudolph Eichstädt's „Finale"
zeigt sein bedeutendes Talent von einer neuen Seite.
Ein junges Mädchen, das in einem Spreekanal den
Tod gesucht und gefunden, wird eben herausgeholt
von einem alten Bootsmann unter der Brücke. Neu-
gierige aller Stände drängen sich heran. Das Bild
ist inhaltsvoll und spricht seine eigene Sprache.
Auch Waller Firle ist mit tüchtigen Genrebildern
vertreten. Professor Ferdinand Brütt's großes Bild
des „Bahnhofslebens" zeigt den tüchtigen und lie-
benswürdigen Künstler in dem ihm eigenen, feinen,
satten Kolorit, während es auch interessant ist, ihn als
„Italienmaler" in dem breit hingeworfenen „Markt-
platz von Capri" kennen zu lernen. Ausgezeichnet
ist eine große Studie von einer Dogge und einem win-
zigen Kätzchen, welche friedlich bei einander liegen,
von 0. Eerelmann im Haag. Professor Ed. Grützner
ist im Genre („Beim Frühschoppen") und mit einem
Porträt des Sängers Francesco dAndrade vertreten.
Damit wären die Genremaler so ziemlich erschöpft.
An Landschaften ist eine große Zahl vorhanden; in
der Marine treten Hans Gude (Berlin) mit dem „Re-
gatta in Christiansfjord" und „Auf Arran" (Schott-
land) und Hans Dahl, Hans Bohrdt, mit einer stim-

mungsvollen Mondscheinmarine und Prof. Bücher
mit dem fein beobachteten, aber ziemlich lang-
weiligen holländischen Strandbild (Egmond an Zee)
hervor. Themistokles von Eckenbrecher's schwere und
trockene Ölbilder bleiben weit hinter seinen Aqua-
rellen zurück. Unter den Landschaftsmatadoren ist
Wenglein wie immer groß und kühn in der Auf-
fassung und nobel im Ton; Ilenrici's „Mondaufgang"
ist ein weich gehaltenes tüchtiges Stimmungsbild. Zu
erwähnen wären noch Hans Hermanns (Berlin) „Hol-
ländisches Hafenbild", Irmcr mit drei Landschaften
voll künstlerischen Ernstes, Fr. Hochmann's (Berlin)
„Strand von Vilm' und Fr. KaUmorgcn (Karlsruhe).
Von modernen Freilichtmalern fielen mir die „Necki-
schen Worte" des talentvollen Max Uth in Berlin
auf. Am Ufer eines Baches sind Wäscherinnen be-
schäftigt, die sich einander etwas zurufen, Sonnen-
strahlen spielen durch das Laub der Bäume. Auch
Hugo König's „Am Gartenzaun" ist eine Lichtstudie
von so feinem Gefühl und solcher Bravour, dass die
Künstler ihre helle Freude dran haben. Die „valeurs"
sind richtig eingesetzt, alles farbenfrisch, durch das
Laub bricht und funkelt das Sonnenlicht und um-
spielt das reizende Köpfchen des Kindes.

Unter den Aquarellen fiel mir eine interessante
Serie von A. Stichart in Dresden auf: „Der Schmied
von Jüterbogk". Sie behandelt die verschiedenen
Abenteuer des ehrbaren treuen Handwerkers mit
Beelzebub, welcher schließlich den kürzeren zieht.
Als vorzügliche Techniker bemerkte ich einige Spa-
nier, so F. Martin's (Madrid) breit und flott gemalte
„Balletteuse".

Zwei interessante Skizzen in Öl von Anton von
Werner zu den Bildern: „Die Eröffnung des Deut-
schen Reichstages durch S. M. Kaiser Wilhelm II.
am 25. Juni 1888" und die Krönung Friedrich's II.
(soll wohl Friedr. I. heißen?), König von Preußen"
enthalten eine Unzahl kleiner Porträtköpfe. Werner's
charakteristische Stärke (und Schwäche) tritt schon
in diesen Studien deutlich genug hervor.

Einen Vergleich der Summen künstlerischen
Wertes zwischen beiden Ausstellungen möchten wir
diesmal uns — und den Lesern — schenken. Das
Hauptunterscheidungsmerkmal ist nur, dass man in
Bremen im großen und ganzen dem schon Erprob-
ten und Bewährten, also sagen wir „dem Alten", in
Hamburg „dem Neuen" und Werdenden und den
Revolutionsmännern den Vorzug gegeben zu haben
scheint. —nn.
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