Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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Zur Erinnerung an Julius Meyer.

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seine Gymnasialbildung genossen. 1848 begann er,
ohne noch ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben,
seine Universitätsstudien in Göttingen und nahm
nach einigen Semestern einen längeren Aufenthalt
in Paris, wo ihm zuerst das Interesse an Werken
der bildenden Kunst aufgegangen zu sein scheint.
Nach Deutschland zurückgekehrt, widmete er sich
jedoch vorerst noch in Heidelberg philosophischen
und literarischen Studien, aus denen er das Rüst-
zeug für seine späteren Arbeiten gewann. Einen
entscheidenden Umschwung in seinen Studien führte
seine 1859 erfolgte Übersiedelung nach München
herbei, wo durch die reichen Kunstsammlungen
und durch den anregenden Verkehr mit Dichtern,
Schriftstellern und Gelehrten seine eigenen An-
schauungen und Erfahrungen auf den Gebieten
der bildenden Künste gereift und zu literarischer
Darstellung gedrängt wurden. Seine ersten Arbeiten
galten der französischen Malerei, die er wie kein
anderer Schriftsteller vor ihm mit gleicher Gründ-
lichkeit an der Quelle studirt hatte. Seit 1861 er-
schien in den „ Grenzboten" eine Reihe von Aufsätzen,
aus denen sich im Laufe weniger Jahre die „Ge-
schichte der französischen Malerei" (in zwei Abtei-
lungen 1866 und 1867 erschienen) entwickeln sollte.
In jener Münchener Zeit trat Julius Meyer auch iu
Beziehungen zu dem jetzigen Herausgeber der „Zeit-
schrift für bildende Kunst", der damals neben seiner
Lehrthätigkeit an der Münchener Hochschule seine
Hauptarbeit der Publikation der „ Münchener An-
tiken" widmete. Als C. v. Lützow später nach Wien
ging und dort mit mehreren Fachgenossen in den
„Recensionen und Mittheilungen" das erste wirkliche
Centraiorgan für Kunstwissenschaft im modernen
Sinne schuf, fehlte auch Julius Meyer nicht unter
den Mitarbeitern, und außer einigen Abschnitten aus
seiner „Geschichte der französischen Malerei" hat
er darin auch einmal eine archäologische Abhand-
lung über die knidische Aphrodite, angeregt durch
ein seltsames Ereignis in der Münchener Glyptothek,
veröffentlicht.

Wiederholte Reisen nach Italien hatten ihn in-
zwischen auf ein neues Studienfeld geführt, das der
„gedankenbepanzerte Mann", wie ihn Vischer nach
seiner ersten Arbeit treffend genannt hat, ebenso
schnell eroberte wie das der modernen Kunst. Als
1871 seine Biographie Correggio's erschien, wurde die
künstlerische Vollendung der Darstellung, die Fein-
heit des Urteils, die geistvolle Analyse der Schöp-
fungen des Meisters ebenso sehr bewundert wie die
souveräne Beherrschung der gedruckten und unge-

druckten Quellen, die umfassende Gelehrsamkeit in
allem literarischen Nebenwerk. Die deutsche Kunst-
literatur hatte, soweit die italienische Kunstgeschichte
in Betracht kommt, bis dahin kein zweites litera-
risches Denkmal gleichen Ranges hervorgebracht,
und im Laufe von fünfundzwanzig Jahren hat die
internationale Kunstforschung nur wenig neue Bau-
steine hinzugetragen, um das Werk Julius Meyers
auszubessern oder zu vervollständigen. Das Meiste
davon hat Morelli gethan, der, beiläufig bemerkt, vor
Julius Meyer stets eine aufrichtige, nicht mit Ironie
gemischte Hochachtung gehabt hat.

Die Biographie Correggio's hat wohl die Ver-
anlassung dazu gegeben, dass der Privatgelehrte im
Herbste 1872 als Direktor der königlichen Gemälde-
galerie, die seit Waagens Tode verwaist war, nach
Berlin berufen wurde. Mit großer Freude wurde
diese Berufung zu einer Zeit begrüßt, wo noch viele
öffentliche Galerieen unter der Misswirtschaft von
Maler-Direktoren zu leiden hatten, und in fast zwan-
zigjähriger Amtsthätigkeit hat Julius Meyer denen
Ehre gemacht, die die Berufung veranlasst und
durchgesetzt haben. Der Kunstwissenschaft wurde
er freilich durch seine Amtsthätigkeit, wenn auch
mit ihr gelegentlich literarische Arbeiten verbunden
waren, mehr und mehr entfremdet. Er war noch mit
großen literarischen Plänen nach Berlin gekommen.
Unter seiner Leitung sollte Nagler's Künstlerlexikon
zu neuem Leben erwachen. Der erste Band erschien
auch mit einer schwungvollen Widmung an den
Kronprinzen des deutschen Reiches, den Protektor
der königlichen Museen, aber bald erlahmte die Ar-
beitskraft des Leiters, und nach vielen Verdriesslich-
keiten und Wiederbelebungsversuchen liegt jetzt ein
Torso in drei Teilen vor, dessen Hauptmasse eine
verbesserte Wiederholung der Correggio-Biographie
Julius Meyers bildet.

Unendlich besser sind die zwanzig Jahre des
Galeriedirektors verwendet worden, dessen erstes
Debüt mit neuen Ankäufen im Jahre 1873 noch
einigem Misstrauen, auch sogar einer Missbilligung von
hoher Stelle begegnete, der aber im folgenden Jahre
mit dem Ankaufe der Suermondt'schen Sammlung
seine Stellung so sicher begründete, dass sie auch
später, selbst bei dem etwas gewagten Ankaufe
des großen Rubens aus der Galerie Schönborn in
Wien, nicht mehr erschüttert werden konnte. Was
für dieses dekorative Bild zuviel gezahlt worden
ist, ist bei anderen Erwerbungen durch kluge Aus-
nützung der Konjunkturen reichlich eingebracht
worden. Wie viel von diesen neuen Erwerbungen,
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