Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

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ständigen Geschmackes darstellt. Indem Schack der
Knnst und dem Geiste anderer zur Anerkennung
verhelfen wollte, hat er, eben durch die Wahl seiner
Neigungen, seinem eigenen, persönlichen Geiste und
Charakter ein Denkmal geschaffen.

Von Lenbach's Porträt des Grafen liest man jenes
Hochstrebende seiner Seelenanlage ab, das in einem
förmlichen Kultus schöner schwungvoller Gedanken
und Empfindungen auch in seinen Werken sich
äußert, und findet gleichzeitig um den Mund einen
Zug reservirten Stolzes. Im Umgang, sagt man, hat
er ihn nicht bewiesen; aber besessen hat er jenen
Stolz der großen Seele, die über die engen Kreise
des Ichs in dem großen All der Welten ihr Vater-
land sucht, wie er selbst sagt, und darum allem
Alltäglichen, Kleinen recht herzliche Verachtung
entgegenbringt. Daraus erklärt sich die Abneigung,
die Schack allezeit, in Kunst und Litteratur, gegen
die Tagesmode hatte, der Spott, mit dem er das
Triviale und Gemeine übergoss; aber ebenso auf der
anderen Seite die Verkennung und Gleichgültigkeit,
welche die, wenn nicht an Urteil, so doch an Zahl
starke Menge seinem eigenen Schaffen und Streben
entgegenbrachte. Auch die Auswahl seiner Bilder
traf er im entschiedensten Gegensatz gegen den
Modegeschmack, und hatte die Genugthuung, diesen
in seinen Wandlungen mehrmals Bankerott machen
zu sehen, während das Ansehen seiner Sammlung
allmählich stieg. War es das Verständnis des eigent-
lichen Kunstkenners, das seinem Urteil diese Selb-
ständigkeit verlieh? Wohl nicht. Als groß ange-
legte Natur hatte er ein Gefühl für Seinesgleichen
auch in der Kunst. Als Dichter, Romantiker wollte
er nur jene als Künstler gelten lassen, die über die
Wirklichkeit und ihre Wiedergabe hinaus ein Ideal,
sei es ein stofflich romantisches, klassisches, oder
eine ideale Farbenanschauung, in ihrer Phantasie
aufzuweisen hatten. Er hatte nur an solchen Ge-
mälden Gefallen, die „auch seinem Geist und seiner
Empfindung etwas sagten", und wollte von jedem
Kunstwerk „jenes Letzte, Geheimnisvolle, das nur
geahnt, nicht in Worte gefasst werden kann". Durch
vieles Anschauen der besten älteren Meisterwerke
hatte er einen sehr persönlichen und selbständigen
Geschmack sich erworben, der aber seinen Grund-
lagen nach über eine einseitige Kunstauffassung nicht
hinausführen konnte. Schon früh empfand Schack,
im Widerspruch mit seinen Zeitgenossen, die süß-
liche Sentimentalität der Düsseldorfer, das Theatra-
lische der Pilotyschule als unkünstlerisch: ein Beweis
für die Selbständigkeit seines Urteils; zeitlebens

unterschätzte er das rein Künstlerische, Malerische
an den Bildern: ein Beweis für die Einseitigkeit des-
selben. „L'art pour Part" in der Auffassung, wie sie
uns geläufig, hat er nie gekannt. Die alten Hollän-
der in ihrer rein malerischen Feinheit konnte er
nicht voll würdigen, und empfand ihnen gegenüber
etwas von dem: „ötez-moices magots!" des Louis XIV.
Selbst Rembrandt schien ihm, gegen die Größten
des italienischen Cinquecento gehalten, in die zweite
Linie zu gehören. Menzel, Leibi, Pettenkofen sucht
man vergebens in seiner Galerie; die Richtung neue-
rer Franzosen hielt er für eine verkehrte, die mit
echter Kunst nichts gemein habe. Eine geistreiche
Naturinterpretation, ein interessant erfasstes Stück
Wirklichkeit konnte er in diesem Sinne nicht als
Kunstwerk anerkennen. Es ist verständlich, dass
seine Anschauung in einer Zeit sich nicht durch-
ringen konnte, die für dichterische Anschauung re-
lativ wenig übrig hatte und geneigt war, die Worte
von dem Hohen, Idealen, für Schack's Streben so echt
und bezeichnend, überhaupt als Phrasen aufzufassen,
seit man der Romantik überdrüssig wurde und Heine
behauptet hatte, es sei in der Dichtkunst zu viel
gelogen worden, als dass man ihr weiter blind ver-
trauen wolle.

Heute aber, wo wir auf Komantik und Phan-
tastik, trotz aller Aufklärung, wie auf eine erste,
unzerstörbare Liebe des Menschengeschlechtes doch
wieder zurückkommen, fängt man auch jene Be-
dauernswerten zu schätzen an, die lange Zeit ver-
kannt waren oder denen der Uberschuss an Phan-
tasie und Seelengröße, ungeeignet für ihre Zeit und
Welt, im Leben mehr Nachteil als Vorzug war.
Man' sein, dass wir aus einer Einseitigkeit in die
andere verfallen und dass die volle Gerechtigkeit
erst da einsetzt, wo die Kraft, zu lieben und zu
hassen, überhaupt aufhört: heute können wir Schnorr.
Steinle, Führich schon wieder mit Gefühl betrachten.
Schwind wird wohl jederzeit und unter jeder Rich-
tung zu genießen sein, so viel Größe ist in seiner
bescheidenen, innerlichen Phantasiewelt. Glücklich
wer, wie Böcklin, mit der Urkraft seiner Natur die
Bitterkeit des Verkanntseins verwinden und sich zu
einem Lebensabend reich an Anerkennung durch-
ringen kann! Feuerbach, Deine stolze, schwermut-
kranke Seele trug es nicht! Vielleicht wird auch
Deine schmerzvolle Größe noch besser verstanden
und gewürdigt werden! Auch Genelli, dem freilich
das Handwerk mehr als irgend einem fehlte; aber
in ihm, der in sein Kämmerchen eingeschlossen ein
Dasein voll Bitterkeit führte, lebte der Rhythmus
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