Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 5.1894

Page: 483
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1894/0251
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
483

Preisverteilungen. Denkmaler - Sammlungen und Ausstellungen.

484

überrascht, in der Kunsthalle zu Hamburg, Pandora vor
Prometheu« und Epiiuetheus, in der Berliner Nationalgalerie),
wurde am 21. Juni in seinem Atelier in Rom, wo er seit
dem Ende der sechziger Jahre ansässig war, erhängt auf-
gefunden. Schlösser, der aus Elberfeld stammte und ein
Schüler der Düsseldorfer Akademie gewesen war, stand im
62. Lebensjahre.

PREISVERTEILUNGEN.

%* Von der Berliner Kunstakademie. Das Ergebnis
der für das laufende Jahr auf dem Gebiete der Bildhauerei
und der Architektur ausgeschriebenen Wettbewerbe um den
großen Staatspreis im Betrage von 3300 M. zu einer ein-
jährigen Studienreise ist folgendes gewesen: der für Bild-
hauer bestimmte Preis ist dem Bildhauer Fritx Klinisch
aus Frankfurt a. M., zur Zeit in Berlin wohnhaft, der für
Architekten bestimmte dem Regierungsbaumeister Kail
Moritx aus Berlin zuerkannt worden. Gleichzeitig wurde
dem Bildhauer Peter von Woedtke aus Schlawe, z. Z. in
Berlin, dem Architekten Regierungsbaumeister Bernhard
Hertel aus Kevelaer, Kreis Geldern, z. Z. in Münster i. W.,
und dein Architekten Regierungsbaumeister Julius Will/dm
Boethke aus Könitz in Westpreußen, z. Z. in Leipzig wohn-
haft, für ihre zu den Bewerbungen eingereichten Arbeiten
eine ehrenvolle Erwähnung zuerkannt. Den Preis der Paul
Schultze-Stiftung hat der Bildhauer v. Woedtke davon-
getragen, während der Bildhauer Wilhelm Wandschneider
durch eine ehrenvolle Erwähnung ausgezeichnet wurde.

DENKMALER.

* Denkmal für Giovanni Man Iii. Eine Anzahl von
Freunden und Verehrern des berühmten Kunstforschers
haben sich verbunden, um Giovanni Morelli's Andenken
durch eine Bronzebüste zu verewigen, welche in der Galerie
der Brera zu Mailand ihre Aufstellung finden soll. Sie laden
durch ein uns mitgeteiltes Zirkular auch die zahlreichen
nicht italienischen Bewunderer des Verstorbenen ein, sich
durch Spenden an dieser Widmung zu beteiligen. Ein ge-
schickter Mailänder Bildhauer, Prof. Lod. Pogliaghi, ist mit
der Ausführung der Büste betraut, und das bereits in der
Arbeit vorgeschrittene Modell verspricht das beste Gelingen.
Beiträge nimmt Herr Dr. Gustav Frixxoni in Mailand, Via
Pontaccio 1 I, entgegen.

SAMMLUNGEN UND AUSSTELLUNGEN.

%* '/Air akademischen Kunstausstellung in Dresden sind
über 2000 Kunstwerke angemeldet worden. Das Ministe-
rium des Innern hat die Verleihung von drei goldenen und
neun silbernen Staatsmedaillen in Aussicht genommen.

* Die Neuordnung der kaiserlichen Galerie xu Wien
hat kürzlich für die Abteilungen der italienischen, spanischen
und französischen Meister ihren Abschluss gefunden, und
für diesen Teil der Sammlung ist soeben auch eine Neube-
arbeitung des offiziellen „Führers" zur Ausgabe gelangt.
Wir freuen uns, beiden Leistungen unseren vollen Beifall
spenden zu können. Die durchgreifende Veränderung in der
Aufstellung der Bilder bringt das Zusammengehörige in ge-
bührenden Zusammenhang, bietet von der Entwickelung der
Schulen und Meister, soweit es der Galeriebestand ermöglicht,
ein übersichtliches Bild und stellt alle Hauptwerke der Ga-
lerie in die ihnen entsprechende volle Beleuchtung. Bei

einigen derselben sind auch die geschmacklosen Rahmen
mit den eckigen Vorsprüngen durch neue, sehr schöne und
ansprechend variirte ersetzt. Der „Führer" ist - abgesehen
von seiner nicht systematischen, sondern räumlichen Anord-
nung - ein vollständiger kleiner Katalog nach dem von
der modernen Kunstwissenschaft aufgestellten Muster. Er
bietet kurze Beschreibungen der Bilder, die Monogramme,
Wappen u. dergl., die Angabe des Malgrundes und giebt an
der Stelle, wo der Künstler zum erstenmale vorkommt, auch
alle wissenswerten Daten über das Leben und den Ent-
wickelungsgang desselben. Bei der Bestimmung der Meister
sind die Resultate der neueren Forschung aufs Gewissen-
hafteste verwertet, und insbesondere die von Mündler und
Lermolicff schon vor Jahren gemachten Vorschläge gebüh-
rend berücksichtigt. Auch die Benennung der Gegenstände
wurde, wo ein glücklicher Fund dazu nötigte, entsprechend
abgeändert. Wir dürfen daher mit Genugtuung konstatiren,
dass der neue Geist, der sich durch die Berufung eines
jungen Kunstgelehrten an die kaiserliche Galerie vor Jahr
und Tag ankündigte, nun auch wirklich in die ganze Ver-
waltung derselben eingezogen ist, und somit von den wei-
teren Fortschritten der neuen Organisation in der Zukunft
das Beste erhoffen. Nachdem die niederländischen und
deutschen Meister ebenfalls ihre Neuanordnung erfahren
haben werden, werden wir auf die Resultate der umfassenden
Arbeit im einzelnen zurückkommen.

Über die Einerausstellung des Herrn Ptulor lässt sich
ein Satiriker der Frankf. Zeitung so erbaulich und ergötz-
lich aus, dass wir uns nicht versagen können, diese treffliche
Behandlung menschlicher Schrullen hier wiederzugeben:
Um die Einerausstellung des deutschen Dichters, Denkers,
Musikers, Bildhauers, Malers und Komikers Heinrich Pudor
zu sehen, kletterte ich die Treppen des Viktoriahotels
(Unter den Linden) hinan; denn man muss sich über die
bedeutenderen kulturmenschlichen Ereignisse auf dem Lau-
fenden erhalten. Ich sah zahlreiche hübsche Rahmen, ein-
fach gebeizt oder in Silberglanz strahlend, die an der Wand
hingen und mehrfach von buntem Stoff umgeben waren.
In einem derselben erblickte ich eine grüne, eine gelbe, eine
rote Fläche. Es schien sich hier lediglich der Farbensinn
Heinrich Pudors, in der ihm eigenen Schlichtheit, kundzu-
thun, ohne dass offenbar der Gesamteindruck durch die be-
sondere Darstellung eines Gegenstandes beeinträchtigt werden
sollte. Allein der Katalog belehrte mich, dass eine „Vor-
stadtstimmung (Brüssel)" auf sinnige Weise zum Ausdruck
gebracht worden war. Auf einem zweiten Bild sah ich
einige Wolken, beziehungsweise Cigarettendampfringe. Nach
dem subjektiven Empfinden unseres Künstlers — und er
hat ein Recht, in seiner individuellen Auffassung der Gegen-
stände von der Menge abzuweichen — waren es Landschafts-
stimmungen aus der Normandie (tjuiberville). Die Land-
schaftsstimmung aus der Normandie (Quiberville) kehrt noch
einmal in dem Bilde Nr. S wieder, welches ungeübte
Beobachter für eine Rennbahn halten. Die nordfranzösischen
Landstriche sind in jedem Falle zu den allerinteressantesten
Gegenden des Kontinents zu zählen; der Strand von Dieppe
beispielsweise hat ganz die Gestalt einer Figur aus einem
anatomischen Lehrbuch; immerhin liegt die Möglichkeit
vor, dass das betreffende Bild Pudors verkehrt aufgehängt
ist. Auch Stilllebon malt der begabte Mann, z. B. eine
Prinz Pückler-Speise, die in der Mitte zerschnitten ist, —
aber auch hier zeigt sich sein stark individuelles Empfinden,
indem er sie „Traumbild" nennt; er ist und bleibt in allem
eine selbständige Natur. Unter den Bleistift- und Kohle-
zeichnungen ragen sechs „Skizzen aus einem Eisenbahn-
loading ...