Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Zwei Galerie-Publikationen Johann Nöhring's.

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eine Rubens'sche Komposition bekannt geworden war.
Aus der sehr grossen Zahl von Marinen des Amster-
damers L. Backhuijsen, die Schwerin besitzt, bringt
die Lieferung zwei gute Specimina.

Gleichzeitig mit der Publikation der Schweriner
Galerie beginnt Nöhring die Ausgabe eines ebenfalls
auf mehrere Lieferungen berechneten Werkes, das
einer der grössten und reichsten deutschen Privat-
sammlungen gewidmet ist, nämlich der Galerie des
Konsuls Ed. F. Weber in Hamburg. An Vielseitig-
keit übertrifft diese relativ junge Privatsammlung die
übrigen vornehmen und reichen Sammlungen älterer
Gemälde Deutschlands, da die Herren Baron Oppen-
heim (Köln), v. Carstanjen (Berlin), Schubart (Mün-
chen) und Ad. Thiem (jetzt San Remo) fast aus-
schliesslich oder doch ganz überwiegend den Nieder-
ländern des 17. Jahrhunderts ihr Interesse zugewandt
haben. Schon i8g2, als das wissenschaftliche Ver-
zeichnis der Sammlung von K Woermann im Druck
erschien, besass Herr Weber 300 alte Gemälde. Doch
sind der Umfang und die Universalität nicht die
einzigen Ruhmestitel der Hamburger Sammlung.
Schon die erste, uns vorliegende Lieferung der neuen
Nöhring'schen Publikation zeigt 25 hervorragende
oder doch interessante Gemälde, in buntem Beiein-
ander, aus fast allen Schulen und Zeiten.

Ich hebe von den in Lichtdruck abgebildeten
Bildern diejenigen heraus, die besonders hohes
Interesse erregen.

Das schönste Florentiner Bild der Sammlung,
eine Madonna mit zwei Engeln, stammt nicht von
Raffaelino del Garbo, unter dessen Namen es nach
einer falschen Tradition hier erscheint, sondern von
einem guten Nachfolger des Domenico Ohirlandajo,
was schon von anderer Seite bemerkt worden ist.
An Qualität steht die Tafel hinter den Arbeiten Do-
menico's kaum zurück. Von Palma Vecchio bringt
die Lieferung eine Verkündigung, die mit der voll
erblühten Pracht der venezianischen Hochrenaissance
entzückt. Eine stürmische Kreuzigung des O.B. Tiepolo
zeigt, wie viel Geist und welch reiche Erfindung
dekorativer Wirkungen noch diesem letzten Enkel
der grossen venezianischen Malkunst gegeben war.

Die spanische Schule ist durch eine thronende
Madonna Murillo's vertreten, die erst kürzlich durch
den Pariser Kunsthandel aus vornehmem spanischen
Besitze in die Hamburger Sammlung kam.

Das ebenfalls erst vor wenigen Jahren aus der
Sammlung Baudot erworbene, unter dem Namen
Broederlam publizierte Triptychon hat als nordfran-
zösische oder südniederländische Arbeit vom Ende
des 14. Jahrhunderts — abgesehen von den für
Broederlam beglaubigten Tafeln in Dijon — kaum seines-
gleichen. Dieses wichtige Monument der Stilstufe,

die die van Eyck überwanden, zeigt eine feine, keines-
wegs pedantische Symmetrie und eine schmiegsame
Einordnung der Gestalten in die Vierpassform. Ob
die merkwürdige Tafel von derselben Hand ist, wie
die Flügel in Dijon, also von Broederlam, möchte ich
bezweifeln.

Ein schönes Specimen der niederländischen
Malerei zu Anfang des 16. Jahrhunderts ist die dem
Meister vom Tode Mariae mit vollkommenem Recht
zugeschriebene Kreuzigung Christi. Die Tafel gehört
der Spätzeit des Meisters an, wie einige entsprechende
Kompositionen in Neapel und Genua. Die tiefe Em-
pfindung hat nicht mehr die Naivetät des 15. Jahr-
hunderts, schlägt selbst zuweilen in Empfindsamkeit
um, und in der absichtlich bewegten Figur des Johannes
wird ein starker Gefühlsausdruck etwa im Sinne Leo-
nardo's nicht gerade glücklich versucht.

Die oberdeutsche Malerei derselben Zeit ist mit
einer Verkündigung Altdorfer's vertreten, die durch
das Monogramm beglaubigt (datiert von 1521), doch
nicht gerade zu den charakteristischen Schöpfungen
des poetischen Malers gezählt werden darf. Die
freundlich spielende Phantasie Altdorfer's scheint hier
wie gebunden durch die Konvention, und der land-
schaftlichen Natur, in deren selbständiger Wiedergabe
des Meisters beste Kraft lag, ist hier gar kein Raum
gewährt.

Die niederländische Kunst des 17. Jahrhunderts
herrscht zwar in der Sammlung Weber nicht so un-
bedingt, wie in den allermeisten Privatgalerien alter
Gemälde, immerhin nimmt sie auch hier noch den
breitesten Raum ein.

Unsere Lieferung zeigt ein schönes, die zweite
Gemahlin des Meisters vorstellendes Bildnis von
Rubens und einen dem Jordaens zugeteilten Knaben-
kopf (den jugendlichen Johannes?), eine Arbeit, die
wohl eher van Dyck unter der Anregung des Rubens
ausgeführt hat. Von den grossen Holländern sind
Rembrandt, Frans Hals und Adriaan v. Ostade würdig
repräsentiert. Der grosse „Rembrandt11 — die Ehe-
brecherin vor Christus — entstammt der Blenheim-
Sammlung und kam erst kürzlich über Paris zu Herrn
Weber. Das nicht bezeichnete und nicht datierte
Bild, das in den achtziger Jahren des 17. Jahrhunderts
entstanden sein muss, weist einige merkwürdige, für
Rembrandt auffällige Eigenschaften in der vollen und
reichen Komposition auf und auch in einzelnen Typen.
Vielleicht wurde Rembrandt zu dieser Schöpfung an-
geregt durch ein Werk Tizian's, Rocco Marconi's oder
eines anderen Meisters der venezianischen Hochrenais-
sance. Der andere, minder bedeutende „Rembrandt"
der Sammlung stellt einen spanischen oder auch
jüdischen Knaben in sehr glatter Malweise, in fast
einfarbigem grünlichen Kolorit dar. Das Bild, das
sich eine Zeitlang im Berliner Privatbesitze befand,
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