Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Wettbewerbe. — Vermischtes. — Vom Kunstmarkt.

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Harrach erwiesen hat, seinem auf der grossen Ausstellung be-
findlichen Gemälde „Kaiser Wilhelm der Grosse auf dem
Sterbelager" zu verdanken hat.

*»* Zum Präsidenten der Akademie der Künste in
Berlin für das am 1. Oktober beginnende Geschäftsjahr ist
wiederum Geh. Regierungsrat Prof. Hermann Ende gewählt
worden.

* * * Dr. Paul deinen, Privatdocent der Kunstgeschichte
an der Universität Bonn und Konservator der Kunstdenk-
mäler der Rheinprovinz, ist zum Professor ernannt worden.

*, * Der Geschichts- und Bildnismaler Ludwig Fahren-
krog in Berlin ist als Lehrer für Komposition und Figuren-
zeichnen an die Kunstgewerbeschule in Barmen berufen
worden.

WETTBEWERBE.

A. R. Der Wettbewerb um eine Hochzeitsmedaille oder
-piakette, den das preussische Kultusministerium ausge-
schrieben, hat zwar zu keinem vollkommen befriedigenden
Ergebnis geführt, ist aber in Anbetracht, dass dieser Zweig
der Kunst seit fast einem Jahrhundert keine ernstliche Pflege
in Deutschland gefunden hat, noch günstig genug ausge-
fallen. Vor allem bemerkt man, dass sich die Mehrzahl der
Bewerber durch das Studium besonders moderner franzö-
sischer und alter italienischer Muster Klarheit über die sti-
listische Behandlung des Reliefs bei Plaketten und Medaillen
und über das Mass verschafft hat, das die bildliche Dar-
stellung auf beschränkten Flächen halten muss. Die Zahl
der kindischen, dilettantischen Arbeiten ist in der Minder-
heit, und nur wenige Bewerber haben geglaubt, dass eine
Medaille ein figurenreiches Gemälde mit sinnvollen Be-
ziehungen ersetzen müsse. Um so erschreckender ist aber
die Armut an Gedanken. Es ist seltsam, dass sich fast alle
87 Entwürfe in drei grosse Gruppen einteilen lassen, deren
Leitmotiv ein sehr trivialer Gedanke ist: 1) Adam und Eva
in allen möglichen Abwandlungen, die sich die neueste
Kunst erdacht hat, 2) der gewappnete Recke Siegfried, der
die schutzsuchende Kriemhild an seine breite Männerbrust
drückt, 3) die Allegorie des Lebensschiffleins, in das der
Jüngling die Erkorene zu gemeinsamer Fahrt geleitet. Das
letztere Motiv hat der eine der beiden Künstler, die einen
zweiten Preis erhalten haben, Hermann Dürrich, gewählt.
Er hat es vielleicht noch zu bildmässig ausgestaltet, da sich
im Hintergrunde das Meer, durch das sie der Nachen führen
soll, weit ausdehnt, und im Vordergrunde eine Terrasse mit
Architektur sichtbar ist. Der Revers zeigt zwei knieende
Engel, die einen Schild halten, in den die Namen der Neu-
vermählten eingegraben werden sollen. Die Behandlung des
Reliefs geht auf kräftige Wirkungen aus; dagegen hat sich
Wilhelm Giesccke, der auch einen zweiten Preis erhalten
hat, auf ein Flachrelief im strengsten Stile der Friihrenais-
sance beschränkt: rechts und links von einem streng stilisierten
Orangenbaum, der eigentlich aus zwei Stämmen zu einem zu-
sammengewachsen ist, steht der Jüngling und die Jungfrau
mit verschlungenen Händen in keuschen Renaissancekleidern.
Auf der Rückseite taucht die Sonne der Zukunftshoffnung
strahlend aus dem Meere auf. Diejury hat mit der Prämiierung
dieser beiden Arbeiten offenbar sagen wollen, dass sie beiden
darin vertretenen Richtungen gleich wohlwollend gegenüber
steht. Weniger klar ist, wassie mit der Verteilungder acht dritten
Preise beabsichtigt hat. Es sind manche unter den dadurch
Ausgezeichneten, deren Entwürfe sich ganz und gar nicht
von denen der Durchgefallenen unterscheiden, einige sogar,
die einen scharfen Protest herausfordern, wie z. B. die

von Maas, der auf der Bildseite zwei nackte, mit riesigen
Flügeln behaftete Menschen, Männlein und Weiblein, dar-
gestellt hat, die wie zwei Delphine durch die Luft gesegelt
sind und in einem Kusse aufeinanderstossen. Eine nicht
geringe Schuld an dem unbefriedigenden Ergebnis des Preis-
ausschreibens trägt seine unbestimmte Fassung. Sonst wären
nicht einige Bewerber auf den Gedanken gekommen, ihre
Medaillen nur gewissen Ständen anzupassen. Einer stellt
ein Feldarbeiterpaar im Stile von Liebermann mit einer
Kirchenvision im Hintergrunde, ein anderer das Liebesleben
eines Offiziers (in Uniform) in drei Stadien (Verlobung
Trauung, Hochzeitsreise!) auf einer Art von Triptychon in
Plakettenform dar. Vielleicht haben aber gerade diese Be-
werber unbewusst eine Kritik üben wollen. Es ist nicht zu
verkennen, dass sich der Gedanke an eine Hochzeitsmedaille
für alle Stände schwer verwirklichen lassen wird. Wenn
wir auch auf die Standesunterschiede dabei gar keinen Wert
legen, so werden doch die Bildungsunterschiede immer eine
unübersteigbare Kluft bilden. Es wird noch sehr lange
dauern, bis die Medailleurkunst, wie man es wünscht und
hofft, eine Volkskunst werden wird.

VERMISCHTES.
Rom. — Eine ausserordentlich dankenswerte Einrichtung
hat das deutsche Archäologische Institut getroffen. Es ver-
öffentlicht in dem Jahrbuch des Kaiserl. deutsehen Archäo-
logischen Instituts (September 1897) ein über 700 Nummern
umfassendes Verzeichnis von photographischen durch das
Institut vorgenommenen Aufnahmen, die zum billigen, den
italienischen Verhältnissen entsprechenden Preise von 40, 60
und 80 Pfg. je nach Grösse von dem Sekretariat in Rom,
Prof. Petersen, zu beziehen sind; Zahlung ist entweder dort-
hin oder an die Centraidirektion in Berlin zu leisten. Die
Sammlung archäologisch wertvoller Bildwerke oder Skulptur-
fragmente umfasst Rom (Vatikan, Lateran, Kapitolinische
Museen, Nationalmuseum, neue Sammlung im botanischen
Garten, die Villen Albani und Pamfili, Kunsthandel, Varia),
Neapel (Nationalmuseum), das übrige Italien, Sizilien
(Nationalmuseum von Palermo und Syrakus), Deutschland,
England (British Museum, Windsor Castle) und Frankreich.
Wünschenswert erscheint die Herausgabe besonderer Ver-
zeichnisse, da die einzelnen Hefte des Jahrbuches auf 4 M.
zu stehen kommen. ''• a-

VOM KUNSTMARKT.

Paris. — Die Versteigerung der Sammlung Goldschmidt
am 14., 16. und 17. Mai im grossen Saale von Georges Petit
hatte von nah und fern ein zahlreiches Publikum angezogen.
Für die 104 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen, von
denen reichlich zwei Drittel bedeutend oder mindestens
interessant waren, während es bei den übrigen kaum glaub-
lich erschien, dass derselbe Kunstfreund sie gesammelt hatte,
kamen annähernd 600000 Frks., für die 198 übrigen Kunst-
gegenstände fast genau 200000 Frks., insgesamt 796904 Frks.
ein. Am heissesten umstritten wurde die grosse „Allee" von
Hobbema, die 1832 mit 4410, 1874 mit 69500 , 1882 mit
19100 Frks. bezahlt worden war. Bourgeois-Köln erstand
sie für 51000 Frks. Diesem fiel auch Ostade's „Inneres einer
Kneipe" für 9500 Frks. zu. Im übrigen waren die wichtigsten
Preise für die älteren Bilder: Bellini, „Die Beschneidung",
7100 Frks. (Sedlmeyer). — Breughel, „Allegorie des Über-
flusses" und „Die Schätze der Kunst und Wissenschaft",
grosse trefflich erhaltene Pendants, je 7500 Frks. (1867:3600
I ur,d 3550 Frks.). — Cima da Conegliano, Johannes der
Täufer, 2150 Frks. (1868: 500 Frks.). — Gonzales Coqucs,
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