Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 9.1898

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Das Conde-Museum in Chantilly.

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vorbei durch das monumentale, mit Löwen und Wappen
geschmückte Thor hindurch über den Ehrenhof ge-
schritten und in das Vestibül eingetreten sind, haben
wir die Wahl zwischen drei Wegen. Geradeaus und
zu ebener Erde führt uns eine Thür in das erste Stock-
werk des tiefer gelegenen Chäteletoder derCapitainerie,
des alten Teiles des Schlosses, der vielleicht von Jean
Bullant, dem Erbauer des Schlosses von Ecouen, her-
rührt. Es enthält die sogenannte „Wohnung des
Prinzen", d. h. des grossen Conde, zum Teil noch in
dem Zustande, in dem dieser sie in den letzten Jahren
seines Lebens bewohnt hat. Links gelangen wir an
der hier mündenden grossen Treppe vorbei, deren
schönes schmiedeeisernes Geländer von den Brüdern
Morcau gearbeitet ist, zur Kapelle, rechts einige Stufen
hinauf zur Gemäldegalerie. Die Wohnung des Prinzen
hat vornehmlich historisches Interesse, enthält indes
auch eine Anzahl wertvoller Kunstwerke. Im Vor-
zimmer finden wir, ausser chinesischem Porzellan und
solchem von Sevres und Chantilly, sowie Roueneser
und spanischen Fayencen, mehrere Jagdstücke von
Otidty, Desportes und Hackert und eine Anzahl Email-
porträte französischer Könige. In der Salle des Gardes
ziehen zwei van Dyck, das Porträt des Grafen
de Berghes und besonders das der Prinzessin von
Brabant, unsere Hauptaufmerksamkeit auf sich; nächst-
dem ein Porträt des grossen Conde von Justus van
Egtnont, Emailporträte von Leonard Limoasin, ein
Herkulaner Mosaik mit dem Raube der Europa, Möbel
und Trophäen. Das Schlafzimmer und das Arbeits-
zimmer enthalten Malereien von fiuet und wertvolle
Möbel des 18. Jahrhunderts. Die höchst amüsanten,
übrigens oft reproduzierten Wandmalereien des „Äffen-
salons« — Genrescenen, bei denen die Rollen von
als Marquis und Marquisen verkleideten Affen dar-
gestellt werden — erregen auch dann unser Interesse,
wenn wir die völlig unbegründete Hypothese fallen
lassen, die sie auf Watteau zurückführen wollte. Das
kleine Zimmer daneben enthält hauptsächlich Familien-
bildnisse. Die ganze Westseite des Chätelet wird von
der langen Galerie eingenommen, in der Sauveur
Lecomte von 1686— 1692 die Thaten des grossen Conde
verherrlicht hat. Links vom Vorzimmer gelangen wir
endlich durch eine Thür in die Bibliothek, die etwa
15000 ältere, zum Teil höchst seltene Druckwerke
fasst. Unter den Manuskripten befinden sich einige
Denkmäler von allerhöchstem Werte, vor allem der
Psalter der Königin Ingeburge von Dänemark (f 1236),
der unglücklichen Gemahlin Philipp Augusts; sodann
das mit 184 Miniaturmalereien geschmückte Breviarium
der Königin Jeanne d'Evreux (f 1371), der Gemahlin
Karls-des Schönen, und die von vlämischen Meistern
illustrierten „tres riches heures" des Herzogs von Berry
(t 1416).

Die Kapelle, übrigens ein vortreffliches Werk des

Schlossbaumeisters Daumet, im Renaissancestile, ist
hauptsächlich durch den früher in Ecouen befindlichen
Altar von Jean Ooujon und die ebendaher stammenden
Fenster und Holzschnitzereien merkwürdig. Der kleine
Vorraum enthält einige Handzeichnungen von Ra-
phael, Scbastlano del Piombo und Oiulio Romano.

Wir gehen über das schon erwähnte Treppen-
haus, dessen wichtigsten Schmuck ein paar Gobelins
nach Boucher und de Troy bilden, nach dem Vestibüle
zurück und gegenüber nach der „Galerie des Cerfs",
dem grossen Speisesaale, hinauf. Die Erwerbung der
prachtvollen, im 17. Jahrhundert nach Zeichnungen
van Orley's hergestellten Gobelins, die „schönen Jagden
des Kaisers Maximilian" darstellend, war vielleicht
das beste Geschäft, das der Herzog von Anmale je
gemacht hat. Sie haben ihm nämlich die lächerlich
geringe Summe von 6000 Frks. gekostet; jetzt würde
man für einen von ihnen mindestens das Zehnfache
bezahlen. Die Felder über den Thüren und dem
Kamine sind von Baudry gemalt. Die anstossende
Galerie de Peinture ist einer der am wenigsten be-
friedigenden Räume des Schlosses. Zu sehr wird
man an ein Museum und obendrein an ein Museum
zweiten oder dritten Ranges erinnert. Unter den alten
Gemälden, die die Eingangswand und die linke Längs-
wand einnehmen, befindet sich kaum ein wirkliches
Meisterwerk, wenn man nicht die „Jungfrau mit dem
Stifter" von Palma vecchlo ausnehmen will. Die riesige
Venus von Annibale Carracci wirkt viel trockener,
als man nach den Abbildungen vermutet, von den
zahlreichen Bildern Poussln's gehört keines zu den
Hauptschöpfungen des Meisters, und auch die „Ver-
kündigung" Francia's gewährt keinen starken Genuss,
von den anderen Meistern ganz zu schweigen. Mit
den modernen Bildern (18. und 19. Jahrhundert) ist
es besser bestellt; doch befinden sich auch unter ihnen
einige Werke von höchst zweifelhaftem Werte, wie
der schon erwähnte Meissonnier, wie das „ländliche
Konzert" von Corot, bei dem nur der Hintergrund
den Meister zeigt, wie zumal der aller Qualitäten bare
„Hirt in den Pyrenäen" von Rosa Bonheur. Ein
prachtvolles Bild, das alle die glänzenden Vorzüge
des Meisters vereinigt, ist dagegen Fromcntin's „Al-
gerische Falkenjagd"; schlicht und gross, wahr und
schön, dabei von wunderbarer Leuchtkraft Dupre's
„Sonnenuntergang". Die kleine Wiederholung der
„Pestkranken von Jaffa" von Gros ist besonders da-
durch interessant, dass sie uns über das ursprüngliche
Kolorit des so stark nachgedunkelten Louvrebildes
Aufschluss zu geben vermag. Erst so können wir
den Enthusiasmus der Zeitgenossen verstehen. Gerard's
Bild „Die drei Lebensalter" ist ein echtes Werk der
Davidschule, aber es ist so tadellos in der Zeichnung
und zart in der Farbe, und die Köpfe sind trotz aller
Weichheit so ausdrucksvoll, dass man wohl seine
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