Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

Seite: 117
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Nekrologe

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getaucht ist Diese unheimliche Einförmigkeit des
Tones und Eintönigkeit der Form, und wiederum
das lehmige Etwas, mit dem alle Farben gemischt
scheinen, kurz man denkt gleich an allerlei Ein-
schlägiges, meinetwegen sogar an die gewissen »tönernen
Füße«; Auch diese Landschaft ist sehr eigenartig.
Wasnjetzow, Bakst und andere schildern die gescheckte
Welt der Birken, Sjerow dagegen setzt einen Teich in
ein förmlich Daubignysches Grün. Man muß eben
bei diesen eingefleischten Lernern auf alles gefaßt sein.
Ein Pariser Cafe mit bunten Lichtern in whistlerisie-
render Feinheit oder eine Pariser Gasse im Abend-
dämmer, von Doßjekin, wird kein Mensch für russisch
halten. Das ist internationales Paris. Und dann
kommt jener ganz feine Landschafter Nikolaus Kjynow,
der die Natur nur so hinhaucht. Den Schein ihres
Sonnenscheins, den Duft des Frühjahrsregens, und
wiederum die Lehmigkeit ihres Lehms. Er geht ins
Ätherische, ins Körperlose, und dennoch sind seine
homöopathischen Verdünnungen nie zu mißdeuten,
ihre Undeutlichkeiten haben schon ihre eigene Art
Deutlichkeit, die man sich, wie aus Eugene Carrieres
Graubildern, heraustasten muß. Es grenzt freilich an
Atelierulk, wenn ein Viereck voll hellgrünlicher Leere,
in dem man nur einen goldigen Punkt und ein weiß-
liches Komma unterscheidet, sich als komplette Land-
schaft entpuppt; nämlich der gelbe Punkt als Licht
im Fenster einer Hütte, das weißliche Komma als der
Stamm einer landesüblichen Birke.

Solchem Augenspuk sind sie überhaupt hold; eine
ganze Gruppe von jungen Phantastikern. B.Anisfeld
nennt es »Spiegelbild«, wenn er aus dem Spiegel
einfach einen Wirrwarr von Farben herauskopiert, dem
man keinerlei sachlichen Sinn mehr ansieht. Kjymow
selbst, der doch aus dem gemeinverständlichen 18. Jahr-
hundert herkommt und manches Bild noch ganz wie
eine Bouchersche Szenerie (ohne Figuren) oder wie
einen Gobelin arrangiert, stürzt sich plötzlich in einen
Wirbel von Farben, den man mit einem Wortwitz
den »Malstrom« nennen möchte. Das heißt einfach
»Wogenspiel«.< Die Farben ulken durcheinander, wie
auf einem sogenannten »Kammpapier«, und man
möchte so ein Bild als Vorsatzblatt für einen Phan-
tasieeinband verwenden. Und hie und da wirft sich
ein menschenhaftes Profil auf oder sonst etwas An-
thropomorphes, dem der Katalog, wenn er gerade
will, auch einen Namen gibt. In Venedig sah ich
viele solche Phantasmagorien; auch Milliotis »Ver-
kündigung«, wo der Engel überhaupt nur noch eine
lodernde Flamme ist und die Jungfrau ein in sich
versunkener Strauß verblühender Blumenfarben. Für
das Theater sind diese klexographischen Variationen
dankbar genug; für Feerien, Ballette. Köstliche Sachen
dieser Art waren in Venedig. Feuerwerke aus Wasser,
mit allen Kombinationen von Fontäne. Tropische
Waldpartien aus schneeweißem Zuckerwerk. Milliotis
»Rosa Mystica« ist bloß noch ein rhythmisches Ge-
wirbel von Goldigkeit. Andere suchen anders aus-
zusehen. Sudejkin läßt in einer paradiesisch um-
gedeuteten Fiesole-Landschaft die leibhaftigen Gold-
grundengel Fra Beato Angelicos in Freiheit herum-

fliegen. Jakulow macht einen russischen Kakemono,
ein Wettrennen mit tollen Pferden und Toiletten,
japanisierend und voll Verve. Sarian, Sapunow, die
Zeichner Theofilaktow und Bilibin lassen ihre unter-
schiedlichen Temperamente spielen. Es ist wirklich
ein Anblick von Mannigfaltigkeit und vielerlei künst-
lerischer Eignung. Die großen Ursprünglichkeiten
sind überall selten gesät. In Rußland selbst, sagt man
mir, hält man jetzt Roerich und Sjerow besonders hoch.
Kustodijew stelle ich jedenfalls als Dritten zu ihnen.
Wien, 11. November.

NEKROLOGE

X Am 21. November ist in seiner Vaterstadt Leipzig
der Maler Alexander Schmidt-Michelsen im Alter von
49 Jahren gestorben. Er war in Berlin, wo er seit langer
Zeit ansässig war, ein geschätztes Mitglied des Skarbina-
Kreises. Wie er seinen Wohnsitz in der »Skarbina-Burg«
in der Königin-Augustastraße aufgeschlagen hatte, dem
großen Atelierhause, wo neben dem Meister selbst mehrere
seiner treuesten Schüler sich einquartiert haben, so folgte
er dem älteren Künstler in den letzten Jahren auf manchen
Studienfahrten. So nach dem malerischen Städtchen Dinkels-
bühl in Mittelfranken, das mit seinen altertümlichen Mauern
und Gräben, Türmchen und Oassen an dankbaren Motiven
reich ist. Oder nach Rheinsberg, dessen Rokokograzie
Schmidt-Michelsen ebenso wie Skarbina, Menzelscher Ten-
denzen eingedenk, in jüngster Zeit besonders gern studierte.
Eine Ausstellung bei Schulte führte vorm Jahre die reifsten
Arbeiten des Verstorbenen aus diesem Kreise vor und gab
aufs neue Zeugnis für sein unablässiges Streben zur Ver-
feinerung seines malerischen Könnens. Schmidt-Michelsen
war kein starkes Talent. Wie sein schwächlicher Körper,
der manche schwere Krankheit zu überwinden hatte, war
auch seine Kunst von einer Zartheit, die sich große Auf-
gaben nicht zutrauen durfte. Aber die vornehme Ge-
sinnung, die in ihm lebte, die feine, behutsame Art, mit
der er über Menschen und Dinge urteilte, und der tiefe
Lebensernst, der ihm aus langen Leiden erwachsen war,
spiegelten sich auch in seiner Malerei. Bezeichnend für
ihn sind besonders kleine Landschaftsausschnitte von leb-
hafter Farbigkeit, in denen sich zahllose dünne Pinsel-
strichelchen wie bunte Fäden ineinander verschlingen, mit-
unter auch verwirren. Es fehlte ihm die rechte sinnliche
Plastik des Ausdrucks, doch gab er dafür oft ein diskretes
malerisches Spiel, das zumal mit dem Prickeln und Schillern
hüpfender Lichter und Reflexe gern operierte. Lange Zeit
hielt sich Schmidt-Michelsen am liebsten an die Pastell-
und Aquarellmalerei, der ja auch Skarbina stets eine leb-
hafte Neigung entgegenbrachte; die Societe royale des
aquarellistes beiges ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglied.
In Berlin gehörte er seit ihrer Begründung der Sezession
an; noch auf der Ausstellung dieses Jahres war er mit
einer sehr lebendigen Impression »Herbststimmung im
Park« vertreten. Im Sommer hat er dann noch fleißig am
Bodensee gemalt. Schmidt-Michelsen war am 5. November
1859 in Leipzig geboren, war dann, nachdem er vom Kaüf-
mannsberuf zur Kunst abgeschwenkt war, zuerst Schüler
der Münchner Akademie (1880—82) und schloß seine
Studien in Paris (1883—85) in der Akademie Julian unter
Bouguereau und Fleury ab. Auch dem in Paris lebenden
Wiener Eugene Jettel trat er nahe. 1892 ließ er sich in
Berlin nieder, wo ihm der künstlerische Ernst seiner Arbeit
und sein persönlicher Takt allseitige Sympathien gewann.

Der in München lebende Genremaler Julius Viktor
Carstens, 1849 in Lübeck geboren, ist in Pasing gestorben.
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