Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Florentiner Brief — Von den Kgl. Kunstsammlungen zu Dresden

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liehen Darstellungen dem Schaffen Donatellos ganz
nahe. Die merkwürdigen politischen Schicksale der
Glocke hat Carocci im Bolleüino d'arte erzählt (Heft VII,
S. 256).

Im Archäologischen Museum sind fünf neue Räume
des Erdgeschosses eröffnet worden, eine Fortsetzung
der Sammlung etrurischer Gräberfunde, geordnet nach
den Fundstätten. Der erste Raum umfaßt, anschließend
an die vorhergehenden, Gegenstände aus dem Gebiet
von Chiusi, der zweite solche aus dem Gebiet von
Orvieto und Bolsena, die beiden folgenden aus Cor-
neto Tarquinia und der letzte aus Toscanella. Als
besondere Prachtstücke fallen die Büste eines heroi-
sierten Kriegers aus Tuffstein im zweiten, die be-
malten Sarkophagdeckel aus Terrakotta im letzten
Saal auf. —

In Santa Maria Novella hat man endlich die
Rucellaikapelle definitiv geordnet. Neben der großen
Madonna von Cimabue-Duccio, die an klaren Vor-
mittagen prachtvolles Licht hat, hängen kleinere Bilder,
die zum Teil früher in der Sakristei in unzugänglicher
Höhe angebracht waren. Auch jenes seltene kleine
Täfelchen eines schwächeren Meisters aus Orcagnas
Gefolgschaft mit der Krönung Mariä und zahlreichen
Heiligen des Dominikanerordens (Abb. L'Arte IX,
S. 147), früher versteckt in einem Sakristeischrank, ist hier
bequem sichtbar gemacht. — Die Grabplatte von
Ghiberti ist von ihrem Platz vor dem Hochaltar ent-
fernt und in die Kapelle Gondi überführt worden,
wo sie von dem stets schmutzigen Glas befreit werden
konnte. — In der Sakristei hat das große Abendmahl
von Alessandro Allori, das einst das Refektorium des
Klosters von Santa Maria Novella schmückte, seinen
Platz gefunden (denn jener Raum dient jetzt passender-
weise als städtische Turnhalle). Man hat es aus dem
großen Bilderdepot von San Salvi herausgeholt: auch
dieses ein erfreuliches Beispiel, das hoffentlich nicht
vereinzelt bleibt. Allori zeigt hier viel gute Einzel-
heiten in den Bewegungen; selbst das Kolorit ist nicht
unerfreulich, wenn auch das Ganze die wenig sym-
pathische Periode des späteren Cinquecento, als Michel-
angelo der Abgott war, allzu deutlich verrät (abgebildet
Rivista d'Arte III, S. 97).

Eine hocherfreuliche Neuerung steht im Palazzo
Vecchio bevor. Man hat sich endlich entschlossen,
die Bureaus der Stadtverwaltung an eine andere
Stätte zu verlegen und hat das sogenannte Quartiere
degli Elementi geräumt. Damit wird eine ganze Flucht
von Zimmern mit schönen Friesen und Decken, die
unter Oberleitung Vasaris gemalt worden sind, ge-
wonnen, die zudem eine herrliche Aussicht auf Stadt
und Umgebung gewähren. Die alte Kapelle der
herzoglichen Familie wird durch die Wiederaufstellung
der drei Bilder Bronzinos auf dem Altar ihren ur-
sprünglichen Charakter wieder erhalten. Und aus
dem gleichen Geiste einer »restitutio in integrum« ent-
springt ein Vorgang, der sich in eben diesen Tagen
vollzieht: die Rückgabe der Marmorfiguren, die Bene-
detto da Majano für die Tür des Audienzsaales des
Signoriepalastes geschaffen hat, aus den Sammlungen
des Bargello an die Stadt, zur Wiederaufstellung an der

Stelle, für die sie geschaffen worden. Es handelt
sich um die Figur des Täufers und die beiden Kan-
delaber mit je einem Paar von Putten. Dieser Vor-
gang, welcher der Initiative des Florentiner Bürger-
meisters — eines für künstlerische Fragen wahrhaft
interessierten Mannes — und dem verständnisvollen
Eingehen des Ministers zu verdanken ist, muß als
erster dieser Art hervorgehoben und freudig begrüßt
werden. Denn in einer älteren Zeit, als man sich
Kunstbetrachtung nur in Museen vorzustellen ver-
mochte, sind einzelne Kunstwerke in oft so sinnloser
Weise von ihrem Platze entfernt und ist so oft ein
schönes Ganzes mutwillig zerstört worden, daß es
jedem, der Kunstwerke nicht lediglich als Studienobjekte
betrachtet, unbegreiflich ist. Hoffentlich beginnt die
Zeit, in der man solche Sünden der Vergangenheit
systematisch wieder gut macht. Gerade in Florenz
könnten auf diese Weise bedeutende Gesamtschöpfungen
wieder als geschlossene Einheit hergestellt werden;
ich führe als Beispiel die Kapelle des Kardinals von
Portugal in San Miniato an, die völlig intakt erhalten
blieb, deren Altarbild von Pollajuolo jedoch in den
Uffizien zu finden ist.

Nicht ganz unberührt endlich darf hier die Polemik
bleiben, die sich an den glücklichsten Ankauf Corrado
Riccis für die Uffizien, das Madonnenbild von Jacopo
Bellini (vgl. Zeitschrift für bild. Kunst 1906, S. 266)
im Lauf dieses Sommers angeschlossen hat. Es fand
sich jemand, der aus welchen Gründen immer dieses
auch durch ungewöhnliche Erhaltung ausgezeichnete
Meisterwerk für eine Fälschung erklärte. Man sollte
meinen, daß diese Ungeheuerlichkeit mit allgemeinem
Hohnlachen aufgenommen worden wäre. Wohl fand
sich in Dr. Poggi ein wackerer Verteidiger; aber wie
die Dinge in Italien einmal liegen, wo auch in wissen-
schaftliche Fragen gar zu gern persönliche Momente
hineingetragen werden, ist die Behauptung trotz ihrer
Absurdität nicht ohne geheime Wirkung geblieben.
Darum scheint es mir wertvoll, hier noch einmal zu
betonen — worin sich alle kompetenten Beurteiler
einig sind —, daß jenes Bild nicht nur unbestreitbar
echt, sondern auch daß es nachweisbar eine Arbeit
der reifsten Zeit des Ahnherrn der venezianischen
Malerei ist. O. Gr.

VON DEN KGL. KUNSTSAMMLUNGEN ZU
DRESDEN

Die Oeneraldirektion der Kgl. Sammlungen für Kunst
und Wissenschaft zu Dresden hat dem sächsischen Land-
tage eine Denkschrift zugehen lassen, die einerseits Stellung
nimmt zu allen den Kritiken und Vorwürfen, die der Ver-
waltung in den letzten Jahren gemacht worden sind, und
die andererseits ein Programm für die weitere Entwickelung
der Dresdner Museen in größeren Zügen entwickelt. Bei
der Beurteilung dieses 14 Folioseiten starken Schriftstückes
muß man sich gegenwärtig halten, daß der Oeneraldirektion
außer einem Vertreter des Königs der Staatsminister Dr.
von Rüger Exz. und der vortragende Rat Dr. von Seidlitz
angehören, deren Ansichten über Kunst, ihre Notwendig-
keit und die Verwaltung der Museen zum Teil weit aus-
einander gehen, daß wir es daher offenbar mit einem
Kompromißwerk zu tun haben, das der Minister von dritter
Seite nach seinen Wünschen hat ausarbeiten lassen. Auf
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