Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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KUNSTCHRONIK

WOCHENSCHRIFT FÜR KUNST UND KUNSTGEWERBE

Verlag von E. A. SEEMANN in Leipzig, Querstraße 13

Neue Folge. XX. Jahrgang 1908/1909 Nr. 12. 8. Januar.

Die Kunstchronik erscheint als Beiblatt zur »Zeitschrift für bildende Kunst« und zum »Kunstgewerbeblatt« monatlich dreimal, in den Sommer-
monaten Juli bis September monatlich einmal. Der Jahrgang kostet 8 Mark und umfaßt 33 Nummern. Die Abonnenten der »Zeitschrift für bildende
Kunst« erhalten die Kunstchronik kostenfrei. — Für Zeichnungen, Manuskripte usw., die unverlangt eingesandt werden, leisten Redaktion und
Verlagshandlung keine Gewähr. Alle Briefschaften und Sendungen sind zu richten an E. A. Seemann, Leipzig, Querstraße 13. Anzeigen 30 Pf. für
die dreispaltige Petitzeile, nehmen außer der Verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von Haasenstein & Vogler, Rud. Mosse usw. an.

»STARYJE GODY«
DIE AUSSTELLUNG VON GEMÄLDEN ALTER
MEISTER AUS PRIVATBESITZ IN ST. PETERSBURG.

Über dem Unternehmen der Zeitschrift »Staryje Gody«
schwebte ein Unstern: in dem Momente, wo es seine
Türen den Petersburger Künstlern und Kunstfreunden
öffnete, erfolgte die Schließung für das große Publikum
aus technischen, bau- und feuerpolizeilichen Gründen.
Ob diese rigorose Anwendung des Ausstellungsreglements
begründet war oder nicht, entzieht sich ebenso der Er-
örterung an dieser Stelle, weil es sich um rein technische
Dinge handelt, wie die Frage, ob bei dieser Anwendung
und ihrer Plötzlichkeit nur sachliche Bedenken obgewaltet
oder ob mißgünstige Scharfmacher in Kunstdingen auch
ein Wort mitgesprochen haben. Genug, die Eröffnung
der Ausstellung bei elektrischer Beleuchtung erwies sich
als unmöglich und gerade auf sie hatte ihre Leitung
besonders gerechnet, ist doch das Tageslicht während
der Monate November und Dezember in Petersburg das
denkbar ungünstigste für Kunstbetrachtung. Das Komitee
der Ausstellung, dem am materiellen Erfolge nichts ge-
legen war, verzichtete daher auf Eröffnung für das Pu-
blikum im allgemeinen und machte die Ausstellung nur
für geladene Gäste zur Mittagszeit zugänglich.

Die »Staryje Gody« wollen in erster Linie Organ
für Amateure sein, sie stellten daher auch bei Veranstaltung
der Ausstellung allgemeine ästhetische und qualitative
Gesichtspunkte gegenüber den spezialistischen, historisch-
kritischen in den Vordergrund. Durch die hohe Qualität
der Ausstellungsobjekte wurde ihnen diese Auffassung
wesentlich erleichtert, desto mehr kam es bei ihr auf die
Aufmachung an. Nicolas Lanceray hatte nach einer Idee
von Alexander Benois die ihm gestellte dekorative Aufgabe
ganz ausgezeichnet gelöst. Ohne in dekorative Mätzchen zu
verfallen, die anderen nahe genug gelegen hätten, hatte
Lahceray für die Dekoration der Hauptsäle späte Barock-
motive gewählt; in den Seitenkabinetten wollte er nur
durch Farbenvariationen von Wandbespannung und Boden-
belag wirken, denen als eigentlich dekorative Faktoren
Möbel und Bronzen zur Seite traten. Diese, fast ohne
Ausnahme dem Louis XVI. und Empire angehörig, bildeten
das Entzücken aller Kenner, waren aber mit klugem Bedacht
so verteilt worden, daß sie nirgends die Wirkung der Ge-
mälde schädigten. Das dem Charakter der Ausstellung
Gemäße blieb bewahrt, nirgends drängte sich das Wohn-
raumartige vor, selbst nicht in den russischen Kabinetten,
für deren Ausstattung Motive aus der Epoche Alexanders I.
vorbildlich waren; wiederum waren für die holländische
Trinkstube, den Erfrischungsraum der Ausstellung, Bilder
gewählt worden, die keinen Anspruch auf Isolation erhoben,
sondern mehr von dekorativer Wirkung waren. An der Ver-

teilung derBilder arbeitete der ganzeStab der »StaryjeGody«,
und mit geeinten Kräften gelang es, ein eindrucksvolles, ästhe-
tisch geschlossenes Ganzes unbeschadet der Wirkungsfähig-
keit des Einzelnen zu schaffen. Die Aufmachung im all-
gemeinen war ein schönes Zeugnis für die Leistungsfähig-
keit russischer Innenkunst, das Zusammenwirken von
Amateuren, Künstlern und Kunsthistorikern hat einen
praktischen Beitrag zur brennenden Installierungsfrage ge-
schaffen, der gern die Kritik der Fachwelt erwartet, wenn
er auch nur ein erster Versuch auf diesem Gebiete ist.
Da alle Interieurs der Ausstellung photographisch fixiert
sind, bleibt ihre Ausstattung für die Kritik mobil.

Obgleich im Bestände der Ausstellung ziemlich alle
Richtungen und Schulen vom Trecento bis zur Bieder-
meierzeit vertreten waren, erforderte die verschiedene
Qualität der Stücke häufig ein Abweichen von dem histo-
rischen Schema, das der Anordnung im allgemeinen
zugrunde lag. Der unmittelbare ästhetische Effekt ge-
wann durch solchen Mangel an zünftiger Pedanterie un-
geheuer viel. Selbst das sonst so heftig bekämpfte Prinzip
der »Tribuna« erwies sich im Oktogon der Ausstellung
als lebensfähig. Die Besucher empfingen den Eindruck,
hier faktisch im Allerheiligsten zu stehen und dank der
wohlbedachten Verteilung machten sich hier Rembrandt
und Boucher ebensowenig Konkurrenz, wie Verspronck,
Tiepolo, Coypel im anschließenden großen Saale. Ein, auch
räumlich, abgesondertes Kapitel bildete die religiöse Malerei
der Primitiven, denen ein etwas nüchterner, aber gut be-
leuchteter Saal eingeräumt wurde; in diese kleine Welt
der Hausaltärchen und Flügelbilder war als glückliche
Dominante ein mächtiger, dem Alonso Cano zugeschriebener
Kruzifixus gesetzt worden, der der bunten und doch so
intimen Mannigfaltigkeit den inneren Halt gab.

Einen kritischen Überblick über den Bestand der Aus-
stellung bereits jetzt zu geben, wäre entschieden verfrüht.
Die nahezu fünfhundert ausgestellten Gemälde sind fast
alle Nova für die kunsthistorische Kritik; es wird daher
monatelanger Arbeit bedürfen, um die vorhandene Materie
soweit notdürftig zu ordnen, um sie der wissenschaftlichen
Kritik als Rohstoff zur Verfügung zu stellen. Leider ist
der Appell der »Staryje Gody« an die Fachwelt zum Besuch
dieser Ausstellung ungehört verhallt und sie werden sich
bei der wissenschaftlichen Mobilisierung ihres Materials
auf die eigenen Kräfte ohne den Beirat europäischer
Autoritäten verlassen und sich mit dem horazischen »s/
quid novistia rectius istis* trösten müssen. Die erste, vor-
läufige, unverbindliche Sichtung brachte der kleine Aus-
stellungskatalog, der alle zweifelhaften Taufen der Besitzer
ablehnte, ohne indes gleich Vollwertiges an ihre Stelle
setzen zu können, was in Anbetracht der Eile bei seiner
Drucklegung mehr als verständlich ist.
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