Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Nekrologe

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(S. 180) das Verzeichnis alles dessen, was von 1443
bis 1519 ihrem Altar gewidmet worden war. Darin
heißt es: »Anno 1488 haben die Brüder S. Sebastian
die Tafel auf den Altar Corporis Christi gekauft um
90 rheinische Gulden. Anno 1515 haben die Brüder
die neue Tafel in S. Sebastians Capell von Meister
Lucas kauft um 65 Gulden.« Diese »neue Tafel« ist
unser Bild. Es wird nicht oft vorkommen, daß eine
aus innern Gründen so genau angesetzte Datierung,
wie die Woermannsche, nachträglich durch ein äußeres,
urkundliches Zeugnis so erfreulich bestätigt wird.

An eine Pest als unmittelbaren Anlaß zu der
Stiftung des Altarbildes ist also nicht zu denken. Da
aber, wenn die Chroniken recht berichten, in der Tat
1515 auch eine ansteckende Krankheit in Leipzig
herrschte — schlimm kann sie zwar nicht gewesen
sein, denn es findet sich weder in den Stadtrechnungen
noch in den Ratsbeschlüssen eine Spur davon, aber auch
die harmloseste Seuche nannte man ja damals »Pestilenz«
— so wird man die drei Sterbenden haben hinzufügen
lassen, um so den Heiligen Sebastian beiläufig auch
als Schutzpatron gegen Seuchen zu kennzeichnen.

Leipzig. G. WUSTMANN.

NEKROLOGE

Am 19. Februar starb in Dresden wenige Tage vor
Vollendung seines 81. Lebensjahres der Landschaftsmaler
Heinrich Gärtner, der letzte Vertreter der historischen
Landschaftsmalerei, die in Deutschland im ig. Jahrhundert
in ihm, in Karl Rottmann, Friedrich Preller dem Vater und
dem Sohn und Kanoldt ihre bedeutendsten Vertreter ge-
funden hatte. Er war am 22. Februar 1828 in Neustrelitz
geboren, hatte sich in Berlin unter Wilhelm Schirmer, in
Dresden unter Ludwig Richter ausgebildet und dann in
Italien, namentlich in Rom, wo er eine Reihe von Jahren sich
aufhielt, die entschiedene Richtung seiner Kunst gewonnen.
Nach Deutschland zurückgekehrt, ließ er sich in Berlin nieder,
bis er in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts
nach Leipzig übersiedelte, wo er aber nur wenige Jahre
weilte, um dann nach Dresden zu gehen, wo er die letzte
Zeit seines Lebens meist in Siechtum verbracht hat. Seine
Hauptwerke sind Wandmalereien, die sich großenteils in
öffentlichen Gebäuden befinden. Zu Anfang der sechziger
Jahre des vorigen Jahrhunderts konkurrierte er mit bei der
Ausmalung der einen Loggia im Museum der bildenden
Künste in Leipzig, wobei er den zweiten Preis errang,
während Theodor Große den ersten und die Ausführung
der Arbeit erhielt. Hierfür ward er später aufs schönste
durch einen ihm nahestehenden und sehr befreundeten
Leipziger Kunstfreund entschädigt, den im vergangenen
Jahre verstorbenen bekannten Verlagsbuchhändler Alphons
Dürr, der von Gärtner in seinem Auftrage den mittleren
der südlichen Skulpturensäle im Museum der bildenden
Künste mit einem friesartig unterhalb der Decke herum-
laufenden, durch Pilaster tektonisch gegliederten Zyklus
von vierzehn Landschaften ausmalen ließ, die, in Wachs-
farben ausgeführt, vierzehn Hauptstücke der Plastik dar-
stellen. Der Zyklus wurde 1879 vollendet (vgl. Zeitschr.
f. b. K. 1879, p. 259; Kunstchronik 1879, Sp 317). Weiterhin
befinden sich Wandgemälde von ihm im Landwirtschafts-
ministerium in Berlin, im Gymnasium zu Elbing (die Akro-
polis von Athen und der Festplatz des alten Olympia), im
Vestibül der Königl. Hofoper in Dresden (Lünettenbilder),
in Landhäusern des Grafen Lanna in Prag und Gmunden
und anderwärts. Seine liebenswürdigste Schöpfung ist die

Ausmalung eines kleinen, idyllischen Raumes in einem
Landsitz in Connewitz bei Leipzig, den er im Auftrage
seines Gönners Alphons Dürr mit einer Ruhe südlicher
Landschaften ausschmückte, die er mit Slalfagefiguren nach
Apulejus' bekanntem Märchen »Amor und Psyche« belebte.
Ölgemälde seiner Hand besitzen u. a. die Königl. Gemälde-
galerie in Dresden und das Museum der bildenden Künste
in Leipzig. Die Stärke seiner Kunst lag, wie bei den meisten
Vertretern seiner künstlerischen Richtung, in der Darstellung
der südlichen, klassischen Landschaft, deren Reize in Foim
und Farbe sein Auge mit der ganzen Liebe eines echten
Künstlers erfaßt hatte. v.

Am 7. März ist in München Professor Aloys Hauser,
der berühmte Bilder-Restaurator, achtundsiebzig Jahre alt,
gestorben. Seit 1875 war er Restaurator an der Alten Pina-
kothek. Bekannt war seine Vertrautheit mit maltechnischen
Fragen, die ihn in Verbindung mit einer außerordentlichen
Geschicklichkeit zu seinen verantwortungsvollen Arbeiten
in so hohem Maße befähigte. Er war am 17. Februar 1831
in Hohenzollern in einfachen Verhältnissen geboren. Sein
Sohn wirkt, dem Vater ebenbürtig, als Restaurator der
Berliner Galerie.

August Mau f. Das Deutsche archäologische Institut
in Rom hat einen schmerzlichen Verlust erlitten durch das
plötzliche Hinscheiden August Maus, welcher drei Tage
nach dem Tode seiner Frau im achtundsechzigsten Lebens-
jahre gestorben ist. Als zweiunddreißigjähriger Mann war
er aus Gesundheitsrücksichten, sein Lehreramt am Gym-
nasium in Glückstadt verlassend, aus dem fernen Holstein
nach Rom gekommen und bald als Hilfsarbeiter Henzens
in das Archäologische deutsche Institut eingetreten, dem
er bis in seine letzten Tage hinein als tätiges Mitglied an-
gehört hat. Seine wissenschaftliche Tätigkeit entfaltete
sich vornehmlich in der Schilderung Pompejis und aus
diesem emsigen Studium der toten Stadt entsprang sein
großes Werk über die campanische und tömische Malerei,
welches grundlegend ist für diesen Zweig der klassischen
Altertumswissenschaft. Der vorzügliche Gelehrte war aber
nicht minder als Mensch geachtet und geliebt. Der Ein-
ladung zur Totenfeier zu seinen Ehren, kann man sagen,
folgte alles, was in Rom sich mit Altertumswissenschaft
beschäftigt. In dem großen Saale der Bibliothek des Archäo-
logischen Instituts auf dem Kapitol, wo die Leiche zwischen
herrlichen Blumen aufgebahrt war, hatten sich die Leiter,
Mitglieder und Stipendiaten der verschiedenen atchäologi-
schen Institute versammelt und die Direktoren der giößeren
staatlichen italienischen Museen und Galerien Roms. Von
Monsignor Duchesne bis Professor Pigorini, von Professor
Gatti, dem getreuen Mitarbeiter Maus unter Henzens Leitung,
bis zu Geheimrat Kehr fehlte keiner. Alle waren gekommen,
um dem hochgeschätzten Gelehrten, dem lieben Freund die
letzte Ehre anzutun. Die schmerzdurchbebte Rede, mit
welcher Professor Studniczka dem Verstoibenen das letzte
Lebewohl sagte, fand in allen Herzen einen aufrichtigen,
tiefempfundenen Nachklang. Federico Hermanin.

X In Berlin ward am 12. März der Bildhauer Ferdi-
nand Lepcke im Alter von 43 Jahren von einer Lungen-
und Rippenfellentzündung hinweggerafft. Mitten aus em-
siger Arbeit und neuen Plänen hat der Tod ihn abberufen.
Lepcke war am 23. März 1866 in Koburg geboren. Er
gehörte dann zu den wenigen Berliner Bildhauern, die
vom Handwerklichen her ihren Weg genommen haben.
Seine erste Ausbildung erhielt er im Atelier der Gebrüder
Biber und auf dem Berliner Kunstgewerbemuseum. Dann
erst (1883—90) besuchte er die Akademie, wo er besonders
Fritz Schaper nahe trat. Lepcke gehörte nicht zu den Pfad-
findern und Revolutionären der Kunst, aber in seinen Ar-
beiten lebte ein gesundes, sicheres Können und ein unge-
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