Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 20.1909

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Personalien — Wettbewerbe

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Buddhistische Architektur, die in drei Perioden einzu-
teilen ist, deren erste von 250 v. Chr. bis 50 n. Chr., die
zweite von 50 bis 350 n. Chr., die dritte von 350 bis 650
n. Chr. zu rechnen ist. Drei Klassen von Gebäuden sind
zu unterscheiden: Stupas (Topes), Chaityas (Versammlungs-
hallen oder Gebethallen), Klöster. Die Stupa, eine Weiter-
entwickelung des niederen Grabhügels, war ursprünglich
eine halbsphärische (Wasserblasen-) Struktur, um Buddha-
reliquien einzuschließen. Auf der Spitze war ein Ornament
(Hti, birmanisch »Schirm«), das in einen oder zwei Schirme
ausläuft. In aufeinander folgenden Entwickelungsperioden,
die durch Lichtbilder illustriert waren, wurde nachgewiesen,
wie Stupa und Hti so verlängert wurden, bis sie die Turm-
form annahmen. Die Stupa wurde später erniedrigt, wäh-
rend der Hti in die Höhe wuchs und die Schirme zu
Dächern wurden, bis das Gebäude seine endliche Entwick-
lung in der neunstöckigen chinesischen Pagode erreichte, in
der der Stupateil vollständig verschwunden ist. Die Ver-
sammlungshallen, Gebäude mit waggonförmigem Aufsatz
mit Seitenflügeln (Schiffen) und einer Apsis, haben auch
eine besondere Entwickelung; maßgebend ist für sie, daß
eine kleine Stupa als Gegenstand der Verehrung hinein-
gestellt war. Die frühesten Beispiele sind in die Felsen
im 3. Jahrhundert v. Chr. eingeschnitten. Hier zeigt sich
offenbar, daß Holzgebäude nachgeahmt werden sollten.
Die Stupa war ursprünglich ganz glatt; später wurde ein
Buddhabild an die Frontseite in Schnitzarbeit angebracht,
und endlich um 600 n. Chr. wurde daraus eine Zelle, in
die das Buddhabild gestellt wurde. Hier begann dann der
Übergang zur Hinduarchitektur, und in zwei frühen Bei-
spielen zeigte sich die Zelle als Halbrund. — Die buddhisti-
schen Klöster, die in Indien selbst nur zu Takht-i-Bahai
teilweise noch stehen, wo ihre Ruinen an die mittelalter-
licher Raubritterburgen erinnern, waren ursprünglich aus
einer viereckigen Halle, die mit Schlafräumen umgeben
waren, bestehend. In dieser ältesten Form sind aber nur
Felsbauten erhalten, von denen ungefähr 900 nachzuweisen
sind. In der ersten Periode fehlt die Figurenskulptur voll-
ständig und erst gegen ihr Ende wurden vier Pfeiler ein-
geführt, welche die Bedachung tragen. In der zweiten
Periode wächst die Anzahl der Pfeiler von 12 auf 28; am
Ende der Halle wurde dann ein Heiligtum mit der Figur
des Buddha errichtet. Die spätesten Beispiele von Ellora
führen zu dem frühesten Hindustil über, von dem sie
kaum zu unterscheiden sind.

Der dravidische Stil. Alle Belege zeigen, daß die reli-
giöse Architektur der Hindus von frühen buddhistischen
Typen abgeleitet ist. Die ältesten Beispiele sind aus dem
Beginn des 6. Jahrhunderts n. Chr. Zwei Stile können
genau unterschieden werden, von denen jeder von Anfang
an seinen bestimmten Charakter hat. In Südindien herrscht
der dravidische, im Norden der indoarische Stil. Der dra-
vidische Tempel ist von dem buddhistischen Kloster ab-
geleitet. Eine viereckige Basis trägt die Zelle, in der das
Götterbild aufbewahrt ist. Die Zelle ist immer von einem
pyramidalen Turm bedeckt, der in Stockwerke abgeteilt ist.
Die Spitze wird von einem kleinen Rund- oder Pyramiden-
dom gebildet. Die späteren dravidischen Tempel stehen
in einem von einer Mauer umgebenen Hof, die als Cha-
rakteristikum den Gopuram oder großen Torweg gegen-
über dem Tempel hat. Der Gopuram war von einem
Etagenturm bedeckt, der dem des heiligen Schreines durch-
aus gleicht. Das beste Beispiel für diese Architektur ist
der große Tempel zu Tanjore, der im Jahre 1025 n. Chr.
errichtet ist. In späteren Perioden wurden weitere Höfe
angefügt, von denen jeder seinen Gopuram hatte. Je weiter
nach außen man fortschritt, um so größer in Umfang und
Höhe wurden die Torwege, so daß sie zuletzt den Turm

des Zentralschreines vollständig verdeckten. Dieser Fehler
zeigt sich am besten in dem Srirangam-Tempel bei Tri-
chinopoly, dem größten Tempel in Indien. Diese süd-
indischen Tempel zeichnen sich auch durch von Säulen-
hallen umgebene Tanks (Weiher) aus. Der große Tempel
von Ramesvaram hatte ganz prächtige Säulenhallen, von
denen eine eine Länge von 230 Metern erreichte. Die
Pfeiler in diesem Tempel waren von sorgfältigster Aus-
arbeitung. Um 1300 v. Chr. hatte sich ein Pfeilertypus
ausgebildet, stilisierte Tiere mit daraufsitzenden Reitern.
Eine Varietät des südindischen Stils war der Chalukyan-
Hindustil (in Mysore z. B.), dessen beste Beispiele aus
dem 12. und 13. Jahrhundert stammten.

Der indoarische Stil, der sich nur nördlich vom zwölften
Breitegrad findet. Hier war die viereckige Zelle von einem
schneckenlinigen, Spiralen Aufbau mit einem Vertikalband
auf jeder Seite bekrönt. Bei den frühesten Beispielen findet
sich eine Vorhalle vor der Zelle, die aber nicht immer auf-
tritt. Die frühesten Beispiele sind aus Bhuvanesvar in
Orissa und beginnen um 600 n. Chr., dauern jedoch bis
ins 11. Jahrhundert n. Chr. fort. Ein Charakteristikum der
Entwickelung bei den nordischen Tempeln war das fort-
schreitende Wachsen in der Zahl der Vorhallen, bis zu
vier. Der Ursprung des indoarischen Spiralaufbaues ist
schwer zu eruieren. Er kann ebensowenig in Verbindung
mit dem pyramidalen dravidischen Turm als mit dem
waggonförmigen Aufbau der buddhistischen Versammlungs-
halle gebracht werden. Das Prototyp ist wohl in der Stupa
zu finden; denn am Ende der buddhistischen Periode war
die Stupa eine hohle Zelle mit viereckiger Basis und ver-
längertem Dom geworden. In dem indoarischen Turm
wurde dann der Dom noch weiter verlängert und die Ecken
der viereckigen Basis wurden zu der Spitze auf dem
schneckenlinigen Aufbau hinaufgezogen, wodurch der hori-
zontale Teil desselben auch viereckig wurde. Auf diese
Weise hat man das merkwürdige Resultat, daß die bud-
dhistische Stupa sich sowohl in die chinesische Pagode
wie in den indoarischen Tempel entwickelte, während das
buddhistische Kloster den Prototyp für den Hindutempel
des südlichen Indiens abgegeben hat. — Der Vortrag von
Macdonell wird in seiner Bedeutung erst gewürdigt werden
können, wenn er mit den zugehörigen Abbildungen in den
»Proceedings of the British Academy« erscheint. Dann
wird man auch sehen können, inwieweit er bei dem indo-
arischen Architekturstil den griechischen und persischen
Einflüssen gerecht geworden ist, die auf die Skulptur der
Buddhisten (Gandhara) so wirksam waren. m.

PERSONALIEN

o Zum Geschäftsführer des Kölnischen Kunstvereins
ist Dr. Arnold Fortlage, bisher Volontär am Wallraf-
Richartz-Museum, gewählt worden.

oAm städtischen Suermondt-Museum in Aachen wurde
Dr. Edwin Redslob vom Germanischen Museum in Nürn-
berg als Direktorialassistent angestellt.

WETTBEWERBE

Für das Denkmal des Großherzogs Friedrich I.
von Baden zu Mannheim, für welches 350000 Mark zur
Verfügung stehen, wird der Wettbewerb demnächst mit
Preisen von 5000, 4000 und 300 Mark ausgeschrieben werden.

Einen neuen Wettbewerb zur Erlangung künstlerischer
Entwürfe der Kabinetts- und Kleinplastik, insbesondere
solcher, die sich zur Aufstellung in Innenräumen öffent-
licher Gebäude eignen, hat der akademische Rat in Dresden
unter den in Sachsen lebenden oder Staatsangehörigen Künst-
lern ausgeschrieben. Die Bildwerke sind, möglichst in
echtem Material, bis zum 16. Oktober in der Akademie
der bildenden Künste in Dresden einzuliefern.
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