Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 42,1.1928-1929

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es sich noch, ob cs besser sei, nur Ein Ding vollkommen gründlich, vollkommen
fertig zn wissen, als mehrere wcniger gründlich, weniger fertig. — Besser? Ja
und llrein. Denn besser ift Beziehungswort, und der Beziehungen sind wenig-
ftens hier drei. Es kann besser sein in dcr einen, und fchlimmer in der anderen. —
Für wcn besser? Für den Menfchcn selbft, der das weiß? — odcr für das,

was er weiß? — oder für die, denen zum bcsten er wissen soll?-"

Die Normen für dic Vernunftswahrheiten, die Lessing hinter den Gcfchichts-
wahrhciten suchte, erfchcincn hier, in der lehten Zeit, aufgehoben, wie früher
fchon die Normen des Äfthetifchen, die er an Ariftoteles gcwonncn, frillfchwei-
gend durch ihn selbft aufgehoben waren in „Nathan dem Wcisen". Eö ift in
seincnr Dcnken eine ähnliche Entwicklung und Sublimiernng wahrzunehmcn,
wic in dem Gange der Musik Icchcmn Sebaftian Bachs, dcr in sciner Kunft
der Fugc die Grenzen der musikalifchen tonalcn Realität zu überfchreiten fcheink.
Ähnlich bei Lessing, der mit der Rcflexivbewegung der Begriffe cine Dcnk-
qualität erreichk, die, ganz unsubftankiell, der Wirkung jener Musik ähnelt.
Man kann bcgreifen, daß Iacobi im leHLen großen Gespräch über Lessings
Weltanfchauung die Neflexivbewegung seines Denkens nichk mehr hat verftehen
können. Wer Lessing in diese Spätzeik folgen will, könnte es wohl nur auf dem
Wcge tun, den einzig, als einziger, Kicrkegaard eingefchlagen hat, in dcr „Lln
wisseufchafklichcn Rkachfchrift". Er dcutet an, daß man ihn nicht dirckt bewun
dern oder durch seine Bewunderung in ein unmittelbares Vcrhältnis zu ihm
kommen kann, da scin Bcrdienft grade ift, dies verhindert zu haben: daß er sich
in der Isolation der Subjcktivität religiös abfchloß, daß er sich in religiöscr
Hinsicht nicht verlockcn ließ, weltgefchichklich oder syftematifch zu werden, son-
dern verftand und feftzuhaltcn verftand, daß das Religiöse ihn anging, ihn
allcin, wie es in derselben Wcise jedcn Menfchen angehk; daß er verftand,
daß er unendlich mit GoLL zu tuu habc, aber direkt nichts mit einem Menfchen.
Man lese nach, was Kierkegaard weiter zu sagcn hat, uud enkhalte sich auch
hier der Bcwunderung. Wenn man sich Lessing unter diesem Borzeichen zu
nähern versucht, wird man zwar nicht den Sinn seincs Lebens objektiv erfas-
sen, vielleicht aber sich subjektiv aneigncn, was in seinem Leben, iu seincm wir-
kenden Denken, in seinem durchsichtig-undurchsichtigen Gcifte so groß und exem-
plarifch ift. Des Tapferen Blick iff mehr wert, als des Feigen Schwerk.

Der Maler Daumier

Von Kurt Martin

ein Vatcr war Glasermeifter, ein unbeftändiger
Menfch, der sich als Dichter fühlte und 1816
nach Paris übersiedelte, um dork den erhofften
ff-xliterarifchen Erfolg zu suchcn. Für das früh her-
D>vorkretende zeichnerifche Talent seines Sohnes,
der r8o8 in Marseille geboren wurde, hatke er
Oic Gebuet des Oichkers wcnig Berftändnis. Daumier, der große Maler
und Karikaturiff, begann als Laufburfche bei einem Advokaten, wurde dann
Lchrling bei cincm Buchhändler, nm fchließlich durchzusetzen, daß er bei einem

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