Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 42,1.1928-1929

Seite: 234
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Llutor und Publikum

Von A. Halm

^b^er Künstler von priesterlicher 2lrk, l>er Jdee der Musik selbst zugewandt,
^^gleichsam des Hochamts der Musik waltend, wird von allem, was Zu-
hörerschaft heißL, von der Masse, dem Publikum, den edlen Empfänglichen und
MusikbedürfLigen, endlich, und erst rechL, von den Kennern so wenig abhängen,
als dies eben überhaupL menschenmöglich ist. 2lls Schasfender, verstehL sich, das
ist in HinsichL aus RichLung und EigenschafLen seines Werkes. 2lus der mensch-
lichen SeiLe sreilich siehL die Sache selbst bei ihm etwas anders aus.

Denken wir wieder an 2lnLon Bruckner. Wir dürfLen ohne weiLeres vermuLen,
er sei gegenüber von Anerkenmmg und Ablehnung keineswegs gleichgülLig ge-
wesen; denn wie sollLe eine so zarLe Nakur von Nerven nichL stark empfinden,
wie sollte überdies eine so kräftige Natnr des Willens sich in der Verein-
samung bescheiden oder gar noch gefallen? Es wäre also nichL einmal erforder-
lich, daß wir von Augenzeugen sowie auch aus Außerungen Bruckners wissen,
wie schwer ihn gehässige Angriffe, und sogar auch ganz dumme Angrisfe, leiden
machLen und in seinem körperlichen Befinden sowohl als auch in seinem Schasfen
schädigLen, wie ihn umgekehrt einzelne und selbst kleine Zeichen von Berständnis,
Zustimmung, Teilnahme und DankbarkeiL erfreuLen und belebLen. Solches
haLLe er wirklich nöLig; auf das BewundcrLwerden war er ja nichL aus.
Znsofern also bestehL auch hier, bei dem Pfleger und Betreuer absoluter
Musik, noch eine AbhängigkeiL von der Ilmgebung. Anders gesehen: es besteht
gerade hier die allergrößte VeranLworLlichkeiL auf seiLcn der Zeitgenossen.
Gewiß haL sich Bruckner immer wieder an seiner eigensten Aufgabe, an seiner
Musik-Religion zurechtgefunden und an ihr gestärkt. 2lber es verhält sich nicht
nur so, daß, wie sich ohne weiteres verstehL, eine rechkzeitige und breite 2lner-
kennung ihm die MöglichkeiL des ungestörken Schastms gewährt und die vielen
Ablenkungen und Hemnnmgen durch Ämter und PrivaLunLerricht ihm er-
spart häkten; sondern man hat ihm zu wenig von der Kraft zugeführt, die man
durch Ermutigen und Teilnehmen häLLe zu vergeben gehabt, und es würde
schwer sein, zu entscheiden, welcher von den beiden Mängeln der schlimmere
war. Jch glaübe, Bruckner häLLe uns mindestens einige Symphonien mehr
schenken können, wäre er mit GlücksgüLern gesegneL gewesen — die in einem
solchen Falle wirklich ein Segen sind — und hätte er sich von sciner Um-
gebung, nein: von seinem Volk getragen gefühlt. Er hat keine Kompronnsse ge-
schlossen, hat nichts getan, um Gefallen zu finden, und so hätte er auch unr-
gekehrt, wäre er von Anfang an anerkannL worden, seine Musik in ihrer Rein-
heit bewahrL; das Mehr seiner Werke, das nun für immer verloren ist, hätke
nichts von Verdünnung seiner musikalischen Substanz bedeuLeL; angesichts
seines inneren ReichLums kann dies mit Sicherheik gesagt werden.

Zn einem Punkt freilich scheint ein direkter Einfluß auf seine Musik von
anderer Seite her ausgeübt worden zu sein; ein Einfluß nichk nur auf das
Schasten selbst, das heißt nichL auf die TaLsache der QuanLiLäL, sondern auf
die ArL des Schastens. Sind wir recht berichtet, so hat Bruckner seine zweiLe
Symphonie in der AbsichL geschrieben, nunmehr gewiß etwas Klarcs, Ver-
ständliches und einleuchtend Einfaches von Musik sich abzuringen; und zwar
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