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Moderne Bauformen: Monatshefte für Architektur und Raumkunst — 27.1928

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450

Architekt B.D.A. Emil Heynen, Hamburg Phot. Gebr. Dransfeld, Hamburg
Die Heilandskirche in Hamburg-Uhlenhorst


ZU DER HEILANDSKIRCHE IN HAMBURG-UHLENHORST
VON EMIL HEYNEN, B.D.A.

Unter den Bauherren steht die Kirche
heute nicht mehr, wie im Mittelalter,
an erster Stelle. Andere Mächte nehmen
jetzt ihren Platz ein. Die Tätigkeit des
modernen Baumeisters wird vor allem durch
Bauten für Industrie und Handel, Wohn-
stätten und Bauten für große Korporationen,
wie Gewerkschaften und dgl. beansprucht.
An Bauunternehmungen dieser Art hat sich
denn auch der moderne Stil entfaltet, für
dessen Entwicklung die kirchliche Bau-
tätigkeit keine entscheidende Bedeutung
gehabt hat, obwohl die Kirche keineswegs
immer den modernen Strömungen der
Architektur abhold gewesen ist. Deutlich
genug prägt sich hierin die Tatsache aus,
daß die Religion nicht mehr in dem Maße
wie früher das öffentliche Interesse be-
herrscht, daß vielmehr wirtschaftliche und
soziale Fragen an erster Stelle stehen. Das
religiöse Leben ist in einer früher nicht vor-
stellbaren Weise zur,,Privatsache“geworden.
Es ist ein Zeichen für das richtige Ver-
ständnis dieser Sachlage, wenn der heutige
Architekt seinem Kirchenbau einen intimen

Kruzifix von Bildhauer Ludwig- Kunstmann,
Hamburg-, in der Heilandskirche zu
Hambui g--Uhlenhorst


Charakter zu geben sucht. Ein Beispiel
dieser Art ist die hier abgebildete Heilands-
kirche in Hamburg-Uhlenhorst von Emil
Heynen: außen ein schlichter Bau, dessen
Formen bei aller Bescheidenheit doch un-
verkennbar die Würde seines Zwecks zum
Ausdruck bringen, innen ein Raum, der
mehr den Charakter eines Saales als den
eines Kircheninnern im alten Sinne trägt,
und doch wieder durch die Strenge seiner
Verhältnisse, durch die Feierlichkeit seiner
Ornamentik und seiner Farben als ein Raum
höherer Bestimmung gekennzeichnet ist.
Den einzigen bildlichen Schmuck bildet der
von Kunstmann geschaffene Cruzifixus.
Auch hierin prägt sich, wenigstens für mein
Gefühl, die Stimmung unserer Zeit aus, die
historisch-kritisch geschult, zwar der wunder-
erfüllten christlichen Überlieferung nicht
mehr so gläubig wie frühere Zeiten gegen-
überstehen kann, doch aber ehrfürchtig auf
den gekreuzigten Jesus blickt als auf die
Verkörperung edelster Humanität und un-
beugsamen Heroismus.
Martin Feddersen
 
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