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Moderne Kunst: illustrierte Zeitschrift — 9.1895

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https://doi.org/10.11588/diglit.19627#0115

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22

MODERNE KUNST.

as moderne

Handschuhen und Fechthauben Halt, die uns neidisch allzuviel Schönheit ver-
hüllen. So lange noch die Mehrzahl der illustrirten Journale von Männern
geleitet wird, sind Sie Ihrer Toilettenerfolge im Sportkostüm sicher, denn es ist
zwar ein Redactionsgeheimniss, aber wir werden es Ihnen ausnahmsweise ver-

Von Georg Malkows y. rathen: Wir machen unseren Lesern gern die unbändige Freude, Frauenschön-

,, „ L >i c 11 a r ii c k verboten.]

heit in ungewönlich kleidsamer Tracht zu bewundern. Dass wir uns die Modelle
Sport und Arbeit. unserer Radfahrerinnen erst aus Paris holen müssen, ist bedauerlich, aber mit

fjn Paris hat ein Velociped-Wettfahren von Damen der Welt stattgefunden, die den deutschgründlich im Linnenhabit riegenweise turnenden Damen ist nun ein-
* angeblich die Bretter bedeuten, und jener andern, die nur halb zählt, in
Szegedin hat sich ein weiblicher Ruderclub gebildet, und selbst auf der nüch-
ternen Spree will man vor Kurzem seltsame Nixen in einer alten Gondel
bemerkt haben. In Amerika boxen die Damen, in Paris und Wien fechten sie,
kurz, die sportlichen Liebhabereien erfreuen sich bei modernen Frauen und
Jungfrauen einer Gunst, gegen die vom hygienischen Standpunkte um so weniger
etwas einzuwenden wäre, als man bekanntlich den zukünftigen Müttern unserer
Kinder kein Uebermaass robuster Gesundheit zuschreibt. Da fällt es jüngst dem
ehrsamen Bürgermeister von Klyndale in Schottland ein, sechs Bicycle fahrende
Damen verhaften zu lassen, weil sie Hosen anhaben und es den Frauen ver-
boten ist, in Männerkleidung auf der Strasse zu
erscheinen. Der brave Mann hat in seiner Nai-
vität den Nagel auf den Kopf getroffen, denn der
weibliche Sport ist — eine Toilettenfrage. Ja,
meine Damen, wenn Sie einmal in die fashionablen

Wochen- und Monatsschriften hineinsehen, muss .
Ihnen nothgedrungen vor Ihrem eigenen sport-
lichen Ernst bange werden. Wir lassen Sie nur
zu gern zu Nutz und Frommen unserer Leser
zeichnen und malen, denn die Matrosenhütchen
und Seglermützcn, die Jockeykäppchen und Lawn-
tennis-Hüte stehen Ihnen entzückend, und unser
weitherziger Geschmack macht erst vor den Faust-

mal nichts anzufangen — des Hosenschnitts wegen, der unerlaubt
hässlich ist. Soll das männliche Kleidungsstück, auf das wir als
Machtsymbol nicht wenig stolz sind, wirklich weibliches Gerneingut
werden, wie es ein ernsthafter Sportbetrieb unerlässlich erscheinen
ässt, so muss es sich unbedingt eine verschönernde Umwandlung
gefallen lassen.

Am Ende ist die Emancipation der Frau auch ohne Hosen
möglich, sobald es sich nicht um eine Toilettenfrage handelt, son-
dern um ehrliche Arbeit. Stand da jüngst vor dem Inhaber der
Möbeltischlerei Siebert und Aschenbach in Berlin ein weibliches
Wesen im einfachen Wollkleid, mit kurzgeschnittenem Haar und
Willensstärken! Gesichtsausdruck. „Sie wünschen?" „Arbeit." „Als
was?" „Als Tischlergeselle." Der Chef mochte ein wenig erstaunt
ausgesehen haben. „Hier sind meine Zeugnisse." Catharina
Horsböl, geboren den 10. Juni 1872 in Ribe bei Kopenhagen. Da-
gegen liess. sich nichts einwenden. Sie hatte nach Handwerks
y fl, Brauch und Sitte ihre Lehrlingsjahre abgemacht und war nun mit
y#Q/Tl£' Unterstützung der Regierung nach dem Festland gekommen, um
--.--sich in der Möbeltischlerei weiter auszubilden. Ein weiblicher

MODERNE KUNST.

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Und nun, meine Damen, eine kleine Nutzanwendung zum Schluss!
So willkommen Sie auch den illustrirten Journalen in ihren geschlechtslosen
Costümen sein mögen, für den Sportbetrieb sind sie noch nicht reif. Im
„Sport" steckt nämlich der Hauptbegriff" des vom Zweck losgelösten freien
Spiels der Kräfte im zwanglosen Wettbewerb. Nur der Ueberschuss der
Leistungsfähigkeit soll sich hier bethätigen. Es wäre beispielsweise garnichts
Pariser Radfahrerinnen. dagegen einzuwenden, wenn der Tischlergeselle Catharina Horsböl in den
Spindlersfeldcr Ruderverein einträte und sich nach gethaner Arbeit auf der
Geselle, das war ein Spree erginge. Die Damen, die da sonst herumrudern oder die Landstrassen
wenigungewöhnlich,aber, auf dem Velociped befahren, sind für uns nur decorativ verwendbar, denn an
man konnte es versuchen. Und den Ueberschuss ihrer genügend in Anspruch genommenen Kräfte glauben
da steht sie nun Tag für Tag, wir nicht,
wie wir sie abconterfeit, an der Und doch, warum sollten wir mit ihnen rechten? Der Kampf der Schön-

Hobelbank und sägt und hobelt heit um Anerkennung ist so unendlich schmeichelhaft für die, vor deren Forum
ganz wie ihre männlichen Ge- er ausgefochten wird. Je seltsamere Formen er annimmt, um so interessanter
nossen. Im übrigen fühlt sie sich in ihrem Frauen- wird er. Ob eine schöne Frau seit- oder rittlings auf dem Pferde sitzt, sie
rock ganz wohl und zeigt nicht die mindeste Lust, bleibt immer schön. Was ihr ein kokettes Spiel ist, mögen die „Anderen"
sich äusserlich und innerlich zu emaneipiren. Sic Emancipation nennen. Der Name thut's freilich nicht, und für den Umsturz
hat eben gefunden, was sie gesucht: ehrliche Arbeit. der physischen Gesetze und der Conventionellen Weltordnung sind zarte Frauen-
Den Ausdruck „Emancipation" kennt sie nicht einmal. bände noch auf lange Zeit hinaus zu schwach.

poanerwetter.

Skizze von Ernst Lenbach.

-.—»- [Nachdruck verboten.]

nten am Niederrhein war es, in einer sehr traurigen Gegend, wo der von vornherein auf jede nachhaltige Wirkung seiner Rede verzichtet

ich ihn zuerst traf. Weit und breit dieselbe graugelbe dürre Ebene, und gewohnt ist, mit sich selbst zu sprechen.

nur von kümmerlichem Haidekraut bewachsen, über welchem Ich liess mir den Gegenstand seines Studiums zeigen und erklären,

summende Bienen schwärmten. Die schmalen, ungepflegten Wege sahen wir kamen in ein botanisches Gespräch, und da konnte ich Manches von

aus, als ob sie aus der Unendlichkeit kämen, um sich zwecklos ins Unend- ihm lernen. Er kannte die winzige Lebewelt der Haide und sprach von

liehe zu verlieren; nur hier und da zeigte sich am Sehkreise ein dürftiges ihr mit vieler Liebe, mit einer sanften lyrischen Begeisterung.

Gebüsch oder ein niedriger Kirchthurm inmitten einiger rothgedeckten Schliesslich lud ich ihn ein, mich gelegentlich einmal in der Stadt

Bauernhäuschen, und dahinter, ganz fern, zeichneten sich kaum noch er- aufzusuchen. Ich besass einige Bücher, die er gern nachgeschlagen hätte,

kennbar die höchsten Thürme der grossen Stadt ab, aus der mich die Mit der üblichen kurzen Verbeugung nannte ich ihm meinen Namen,

nie erlöschende Lust am Gegensätzlichen auf einen Tag in diese Oede „Donnerwetter!" anwortete er. Ich sah ihn wohl etwas erstaunt an,

verlockt hatte. denn bis dahin war mir an meinem Namen nichts aufgefallen, was einen

Da sass mein Mann unter einem der Bäume und studirte emsig ver- so lebhaften Ausdruck der Verwunderung rechtfertigte,

mittelst einer Lupe irgend ein zierliches Haideblümchen. „Donnerwetter!" wiederholte er. „Ich bin Lehrer in dem Dorfe da

Was mir zuerst auffiel, als er meinen Gruss höflich aufstehend er- drüben und heisse Gottlieb Donnerwetter."

widerte, war die merkwürdige Aehnlichkeit zwischen ihm und der Birke. „So, so!" sagte ich. „Sehr angenehm."

Eine schlanke Gestalt, aber schief und vornüber gebeugt, mit dünnen „Ich sage es nicht gern," fuhr er fort, „es klingt so . . ."

flachsblonden Haaren und einem langen, blassen Gesicht, aus dem ein Es klang allerdings „so", besonders wie er den Namen aussprach,

Paar grosse wasserblaue Augen mit einer gewissen friedlichen Hoffnungs- mit starker Betonung der ersten Silbe und einer Pause danach: „Gott —

losigkeit in die Welt starrten. Er sprach leise und undeutlich, wie Einer, lieb Donnerwetter!"
 
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