Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

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Bücherschau.

Das Gesetz der Formenschönheit, erfunden
und systematisch dargestellt von Johannes Bo-
c hen ek, Verfasser des »Kanon aller menschlichen
Gestalten und der Tiere«. Unter Mitarbeit von
Paul Lerch; mit einem Vorwort von Prof. Gustav
Eberlein, Berlin. Grofsfolio-Format, 6 Bogen Text
mit Abbildungen und 35 doppelseitigen Tafeln. In
eleganter Mappe. Preis 25 Mk. Dieterich'sche
Verlagsbuchhandlung (Theodor Weicher), Leipzig.
Dieses aus zahllosen Berechnungen und Abmessun.
gen, sowie mit ihnen versehenen Zeichnungen mensch-
licher Gestalten und antiker Kunstwerke zusammen-
gesetzte, elegant ausgestattete Werk tritt mit dem
Anspruch auf, den von den alten Griechen gekannten
und gepflegten, später verloren gegangenen, bis in
unsere Tage vergebens gesuchten Kanon für die
Schönheitsverhältnisse wieder aufgefunden zu haben.
Diesen Anspruch unterstützt die von Bildhauer Eber-
lein auf Grund sorgsamer Prüfungen und praktischer
Erfahrungen beigegebene Empfehlung, und ihn be-
stätigt der nähere Einblick, der auf Schritt und Tritt
„den goldenen Schnitt" angewandt findet, wie
in den Gliederungen der menschlichen Leiber, so in
den Gebilden der altgriechischen Künstler. Das Recht-
eck, welches der Verfasser konstruiert, um auf seinen
Rahmen jenes uralte Schönheitsmafs mittelst eines
Doppelzirkels in häufiger Wiederholung einzu-
tragen, wird ihm durch die Linienkreuzungen zum
Schema für die menschliche Gestalt, die männliche
und weibliche, die je ihre besondere, alle Formen und
Organe bestimmende Einmafslichkeit zeigt. Zahl-
reiche Tafeln mit eingetragenen Linien, Zahlen
und Buchstaben erläutern dieses System, wie am
lebendigen Körper, so am Skelett (unter Ausdehnung
auf die Tierwelt) und beleuchten sogar das Geheimnis
der körperlichen Entwicklung. — Dank einer unsäg-
lichen Fülle von Rechenexempeln und Nachweisen, die
den Eindruck einer mühevollen Lebensarbeit machen, hat
die Durchsicht des Werkes eine überzeugende Wirkung,
die durch die fachmännische Prüfung der Einzelheiten
wohl noch bekräftigt wird, wie im Interesse der
wissenschaftlichen Ästhetik, so namentlich auch des
künstlerischen Schaffens. Dafs dieses wesent-
lich abhängig ist von der Schönheit der Linien, viel-
mehr von der Richtigkeit der Proportionen, leugnet
keiner, und dafs diesen wiederum ganz bestimmte,
in der Natur vorgebildete Gesetze zu Grunde liegen,
wird wohl ebensowenig bestritten werden, trotz der
Souveränität, die heutzutage stärker wie früher für den
Künstler von manchen Seiten gefordert wird. Je mehr
der Künstler diesen Kanon durch Studium sich ange-
eignet hat, um so sicherer wird er von ihm bei seinen
Entwürfen geleitet werden, an der Hand seines ein-
geborenen Schönheitssinnes. Zu diesem aber mufs
unbedingt die Kenntnis der Gesetze hinzukommen, so
dafs also das vorliegende, höchst verdienstvolle Werk
als Lehr- und Leinbuch für den praktischen Kunst-
unterricht aufs wärmste empfohlen werden darf.

__________ Schnütgen.

Ästhetik der Baukunst. Von Gerhard Giet-
mann, S. J. Mit 26 Tafeln und 100 Abbildungen

im Text nebst einem Sach- und Namenregister zu
allen fünf Bänden der Kunstlehre. Herder, Frei-
burg. 1903. (Preis 6 Mk.)
Mit diesem V. T e i 1 schliefst die vorzügl. „Kunst-
lehre' ab, die seit 1899 erscheint, und mit Ausnahme
des IV. Teils: Malerei, Bildnerei und schmückende Kunst
(vgl. Bd. XIV Sp. 159/160 dieser Zeitschrift) nur von
Gietmann bearbeitet ist, der ästhetischen Seele dieses
ganzen Unternehmens. Dafs er sich die Baukunst
für das Ende aufbewahrte, begreift sich, denn ihrer
ästhetischen Beleuchtung fehlt es nicht an Dornen.
Aber sie verlieren ihre Schäife an der kritischen
Schärfe des geschickten Philosophen, der mit klaren
bestimmten Grundsätzen an die Beurteilung herantritt
und als nüchterner Beurteiler keiner Voreingenommen-
heit, oder gar Marotte zum Opfer fällt — In 5 Teilen
entwickelt er seine ideal gehaltene, aber mafsvolle
Theorie, die er in logischer Entwicklung und edler,
auf jede Phrase verzichtender Sprache durchfuhrt.
Zuerst werden Begriff und Elemente der Architektur
geprüft, dann die drei grofsen Entwicklungsstufen der-
selben dargelegt, also die handwerklichen, vorgeschicht-
lichen etc. Vorstufen vor der griechischen
(und römischen) Baukunst, endlich die alt ehr ist-
lichen und mittelalterlichen Baustile nebst der
Renaissance. — So entfaltet sich unter seiner
geschickt sondernden Hand an der äufseren Geschichte
der Baukunst ihre innere Ausgestaltung, wie dem Be-
dürfnisse der Bau, dem Material die Form, der Kon-
struktion das Ornament entspricht. Bis ins einzelne
weist der Verfasser die Formbildungen, ihre Notwen-
digkeit, ihre Berechtigung nach, und dafs die kirch-
liche Baukunst dabei im Vordergrund steht, hat seinen
Grund nicht nur in seiner Vorliebe für dieselbe, sondern
auch in ihrer vielseitigen Bedeutung. — Trotz des Vor-
herrschens der Theorie fehlt es nicht an praktischen
Hinweisen, und hierbei ist die Einheitlichkeit der
unverkennbare Vorzug, deshalb der Magnet für den
Leser. Schnütgen.

Geschichte der kirchlichen Kunst von
Richard Bürkner. Freiburg i. B. und Leipzig
1903. Verlag von Paul Waetzel. gr. 8°. 404 Seiten
mit 74 Abbildungen. Ladenpreis geheftet 10 Mk.,
gebunden 12 Mk.

Das vorliegende Werk Bürkners verfolgt populäre
Zwecke. Vom Standpunkt des evangelischen Gegen-
wartstheologen aus geschrieben, hat es sich die Auf-
gabe gestellt, vor einem weiteren Kreise kirchlich
interessierter Leser ein kurzes Gesamtbild der kirch-
lichen Kunstentwicklung zu entrollen, wobei der Haupt-
wert auf die Aufdeckung der zahlreichen Verbindungs-
fäden gelegt wird, welche die künstlerische Betätigung
mit der allgemeinen jeweiligen kirchlichen Zeitvor-
stellung und mit den liturgischen Bildungen und An-
forderungen der gottesdienstlichen Gemeinde ver-
knüpfen. Es kann nicht geleugnet werden, dafs
Bürkner diese Aufgabe mit Geschick zu lösen ver-
standen hat, indem er weniger auf eine gelehrte
Darstellung, als auf eine flüssige, leicht verständliche
Schreibart ausging. In der Auswahl des überreich
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