Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 5.1888

Page: 16
DOI article: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dioezarchivschwab1888/0021
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
16

und Besserung betonte. Er besaht, daß in alleil Ordensstädten
und Orten mittags 12 Uhr die größte Glocke gelautet werde,
um jedermann zum Gebet und zur Buße zu mahnen. Gegen
die Zuwiderhandelnden sollte mit aller Ungnade und mit
Strafen verfahren werden. Auch baute er das Dominikaner-
kloster wieder ans und errichtete die neue Kanzlei.
(Fortsetzung folgt.)

Das Kloster und die Klosterkirche in Neresheim.
Von Pfarrer A. G.
(Fortsetzung.)
General Lorenz Hofkirch, der nunmehrige Inhaber des
Klosters Neresheim, schaltete und waltete nach echt schwedischer
Manier, und nicht „aus Pflicht, sondern aus christlicher Liebe"
hatte er Besitz genommen von dem ihm zugesprochenen Eigen-
tum. Diese „christliche Liebe" bewies er bald dadurch, daß
er anfangs die Klosterherrn ordentlich hungern ließ und bald
die meisten sortjagte. Zu diesen Bedrückungen und Plagen
seitens der weltlichen Usurpatoren gesellten sich auch noch
Plagen seitens der Natur, wie Mißwachs und Seuchen, so
daß eine Neresheimer Chronik vom Jahre 1634 schreiben
konnte: „um diese Zeit stund es um diese Resier allenthalben
übel, stürben viele Leut vor Hunger, und sehen auch so übel
vor Hunger auS, daß sie keinem Menschen gleich sehen, Hund
und Katzen aufsingen, und aßen, und Luder reissendweis hin-
wegnahmen, und aßen, Graß und Wurzel suchten" n. s. w.
Nach der Schlacht bei Nördlingen 1634 suchte der ver-
triebene Abt sein Kloster wieder aus und fand es entblößt
von den früheren Bewohnern, die Güter zerstört, manche
Patronatspfarrei mit schwedischen Predigern besetzt. Bier der
ehemaligen Bewohner sollen noch dagewescn sein.
Erwähnenswert mag ein Brief des Abtes Meinrad sein,
den er in lateinischer Sprache an den Bischof von Augsburg
gesandt hat. Der Inhalt desselben geht dahin: „Im Jahre
1647 wurde ich in Augsburg zum Abte erwählt, kam nach
Neresheim und fand nicht einen Heller Geld, wenig Getreide,
ein oder zwei Gesässe Wein und 22 000 Gulden Schulden.
Nach erlangter Einsegnung mußte ich, leider! im Weinmonat
wegen Armut ins Österreichische reisen und hier wie ein
Bettler von einem Benediktinerkloster zum andern Almosen
sammeln. Im Jahre 1648 (also bei Friedensschluß! wie
mag es erst in der ärgsten Zeit des Durcheinanders gewesen
sein!) wurde ich in meinem Kloster nicht nur rein ausge-
plündert, sondern auch von den Schweden oder Franzosen ge-
fangen, bis aufs Hemd ausgezvgen, tödlich am Kops und an
der linken Hand verwundet und zum andernmale ins Elend
gejagt. 38 Wochen lang war ich vertrieben und mußte in
Klöstern um Gottes willen betteln, daß man mich mit Klei-
dern und sonst Notwendigem versehen möchte. Im Jahre 1640
kam ich nach Hanse und lebte wiederum in so großer Armut,
daß ich mit meinen Religiösen — es ist schanervoll zu sagen!
— vom Aas des krepierteil Niehes gegessen. Niemand war
in den Dörfern, niemand auf den einzelnen Höfen, niemand
in den Pfarrgemeinden; nichts war auf den Äckern, alles ver-
lassen, das ganze Härdtsseld eine Einöde. Vieles habe ich
gearbeitet, vieles gelitten, Hitze und Kälte erduldet. Wo sich
nur 15—20 Psarrkinder befanden, da eilte ich hin; sechs
oder sieben Pfarreien, auch fremde nebst den unserigen ver-
sah ich wechselweise" n. s. w. Unter dem folgenden Abte Bene-

dikt II. ging cs wieder besser, der materielle Wohlstand nah'"
zu, bis wieder ein neues Unglück Hereinbrack, nämlich du-'
Abtei samt eines Teiles des Klosters abbranme. Jntcresch^
mag auch ans jener Zeit die Nachricht sein, daß man einen
ordentlichen Bauernhof um 4—8 Gulden kaufen konnte. J"^
französisch-bayerischen Kriege mußten die Klosterherrn wieve*
flüchten, und Brandschatzungen im Betrage von 22 000 Guh
den mußten bezahlt werden (1702.) Zwölf Jahre daran!
war der Wiederaufbau des abgebrannten Klosters vollendet.
Wie wir oben bemerkt haben, schalteten bis zum Jah^
1764 die Herren von Ottingen-Öltingen und Öltingen-Walle^
stein nach Behagen im Kloster. Besonders muß es während
der Jagdzeit sehr lebhaft zugegangen sein. Nach einer Aus-
zeichnung wurde diese Zeit den Konventsmitgliedern stets ^
lang, obwohl die großen Herren „bei tages Zeit mit der JasF
(also nicht im Kloster) zu Nachts aber mit anhörnng musi-
kalischer Concerten divernret". Es war stete Aufgabe de§
Klosters, während der Jagdzeit die Herren mit nötiger Speill
und Trank zu versehen, „wohingegen auch dieses hochlöblicke
Gotteshaus des Jahres hindurch eine gewisse Anzahl Wild-
prel von dem hhl. Krafen gratis bekommt". Ein Kloster
wie das andere hielt an solchen Stipulationen aus das minu-
tiöseste fest, und ging kein Pünktchen vom jemaligcn Vertrage
— und ganz mit Recht — ab. So ist hinterlegt, daß das
Kloster Neresheim für des „Krasen Jagdhunde dreiviertcl
Jahr lang die Fütterung an Geld und Getraid zu fournieren
hat", anderseits aber muß „das Hochlöblichc Gottes-Hano
und Kloster Deggingen besagte hoch Gräfl. Jagdhunde ein
Vierteljahr, nehmlich von dem Heiligen Obrist oder Drei-
königtag bis ans Gcorgii im Futter erhalten".
(Fortsetzung folgt.)

Miszellen.
Woher führt das oberschwäbische freiherrlich v. U l >m
Erbachsche Geschlecht das „Prädikat „Ulin"? In dem Kriegs
zwischen Herzog Friedrich von Österreich und Pfalzgraf Lndwig vo»
Bayern um die deutsche Königskrone hatte in der — damals von inneren
Wirren zwischen Geschlechtern und Zünften arg heimgesuchtcn — Reichs
stadt Ulm ein Teil der Einwohnerschaft für den Habsburger Partei er-
griffen, während ein anderer auf bayerischer Seite stand. In der Nacht
vom 12. April 1315 sollte die Stadt durch einen heimlichen Überfall
für letzteren gewonnen werden. Mit Hilfe der in der Stadt befindlichen
Partei war es den Bayern bereits gelungen, sich in den Besitz einH'
Thores zu setzen und in die Stadt einzudringen. Hier entspann smi
ein sehr hartnäckiger -Ltrayenkampf, in welchem sich die Marner- oder
Grautncherznnft — die stärkste und wohlbewafsnetste — durch Tapfer,
keit besonders anszcichnete. Trotzdem wäre die Habsbnrgsche Parte'
unterlegen, wenn nicht Graf Ulrich aus dem (längst ausgestorbeneiO
Geschlechte v. Schclklingen und Ritter Burk har dt v. Erbach
unterstützt hätten. Diese beiden Ritter befanden sich — wie die EhrvnikeN
erzählen — noch bei einem fröhlichen Gelage in der Stadt, als eiP
Stunde vor Mitternacht das Alarmhorn ertönte. Schnell eilten sie Msj
ihren Reisigen auf den Kampfplatz, hieben, schlugen und stachen nw
Löwengriinm um sich und jagten im Vereine mit den habsburgisch gE
sinnten Ulmern die Bayern wieder zur Stadt hinaus. Seit dieser Zr.'s
führte Ritter Burkhardt und seine Nachkommen znm Andenken an düV
ruhmvolle Waffenthat und die Errettung Ulms den Beinamen „Ulm')
Diesen alten Ruf ritterlicher Tapferkeit und der Anhänglichkeit an das Ha"s
Habsburg hat das oberschwäbische Geschlecht derer v. Ülm, über welätz'
es zurzeit leider noch an einer Hausgeschichte gebricht, noch langehin be-
wahrt; fast in allen Kriegen der österreichischen Monarchie stellten die
v. Ülm ihren Mann. Einer der Tapfersten aus diesen noch altkaiserliche"
Zeiten war Oberst Baron Joseph v. Ülm, des k. k. Regimentes Wen)'
heim, welcher sich namentlich in der Schlacht bei Stockach i. I. 1?iw
auszeichncte. ir e c tz-

Stuttgart, Buchdruckerei der Aktiengesellschaft „Deutsches Volksblatt".
loading ...