Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 5.1888

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der königlich katholische Kirchenrat wies diese Ansprüche unter
Berufung aus das Winklersche Testament zurück. Auch die Stadt
Günzburg wurde vou diesem Rechte ausgeschlossen und das-
selbe sür die Krone Württemberg in Anspruch genommen. Die
Kaplaneistelle mußte wegen Baureparaturen, welche dieselbe
selbst zu tragen hat, 14 Jahre laug unbesetzt bleiben. Se.
Majestät König Wilhelm ernannte zum erstenmal den Priester
Joseph Rupf von Biberach am 8. November 1860 auf diese
Stelle.
Die Kapelle, aus welche diese Kaplanei gestiftet wurde,
stand dort, wo jetzt das Waschhaus im Pfarrgarten steht. Sie
war au den Berg gebaut und bildete eigentlich zwei Kapellen.
Die untere Kapelle war zu Ehren der "lieben Frau oder der
seligsten Jungfrau Maria, die obere zu Ehren St. Johann
Baptists und St. Johanns Evangelist eingeweiht. Daher rührt
auch der Name dieser Kaplaneistelle. Das Ossorium oder
Beinhaus war dieser Kapelle angebaut. In die untere Ka-
pelle war immer Wasser eingedruugeu. Auf bischöflichen Befehl
wurde diese Kapelle 1627 mit Erde ausgesüllt, die darin be-
findliche Krippe und die Statuen mit dem Marienbilde in die
obere Kapelle verbracht, diese aber enter bedeutenden Re-
paratur unterzogen, die Mauer um ca. 20 Fuß erhöht und
Neue Fenster eingesetzt. Unter der umsichtigen Leitung des
Stadtpsarrers Mancher war diese Kapelle bis 1629 wieder
hergestellt und mit Parameuten versehen worden. Der Bau-
aufwand, der aus den Gefällen der vakanten Stelle bestritten
werden mußte, war bis 1632 gedeckt und konnte die Stelle
wieder besetzt werden.
Diese Kapelle, das Denkmal edelmütiger Stifter, welche
während einem halben Jahrtausend so viele Stürme der Zeit
überlebt hatte, wo manche fromme Gebete zum Himmel ge-
bildet nnd viele bittere Thräuen mit warmen Gefühlen für
Pie teuern Verstorbenen geflossen sind, mußte leider auch dem
Zahne der Zeit weichen. Dieselbe wurde wegen abermaliger
Baugebrecheu auf höhere Anordnung anfangs dieses Jahr-
hunderts abgebrochen.
Das Kloster und die Klosterkirche in Neresheim.
Von Pfarrer A. G.
(Fortsetzung.)
Bevor wir nun durch das Hauptportal eintreteu in den
Tempel, möge es gestattet sein, das Urteil zweier Professores
Und Doktores über den Eindruck, den das Innere auf sie
wachte, auzuführen, hauptsächlich deswegen, weil diese Urteile
einander ganz diametral eutgegensteheu. Professor F. Deutinger,
früher in München, durch die 48 er Wirren und die Lolla-
uffaire nach Dillingen verschlagen, machte öfters mit seinen
Studenten Exkursionen nach Neresheim, und um seine Meinung
befragt, was er vou der Klosterkirche halte, sagte er: „Sie ist
ein schön dekorierter Speisesaal, weiter nichts, ausgenommen
bie Gemälde." Diesen Worten gegenüber sprach sein Kollege
Professor Uhrig, ein Kunstkenner und Besitzer einer ansehnlichen
Gemäldesammlung (so viel wir wissen lebt er noch als Pen-
sionär) : „Was heißt Kritik, kritisieren kann jeder. Die Kloster-
kirche und besonders ihr Inneres betreffend, mußte ich jedes-
wal, wenn ich in dieselbe eintrat, und es geschah dies sehr
oft, nur Ein Wort ansrnfen, und darin soll meine ganze
Kritik liegen, nämlich ah!" Gewiß dürfen wir annehmen,
Unter hundert geben nennnndneunzig diese Kritik ab, welche
w dem Worte des Staunens „ah!" liegt, wenn das wirklich
Majestätische Innere des Tempels dem Auge sich auf einmal
Repräsentiert. Der Eindruck, den das Ganze macht, ist in der
That ein imponierender, wie dies ein Kunstkenner primae

classis unseres Landes, der öfters die Klosterkirche besuchen
muß, selbst gestanden hat. Trotz der gewaltigen Raumver-
hältnisse ist das einzelnste fein angelegt nach den striktesten
Regeln der Baukunst. Dazu die prachtvolle Beleuchtung,
welche durch 50 Fenster verbreitet wird, die in doppelter
Reihe angebracht sind und welche die Beleuchtung auch des
entferntesten Bildes ermöglichen. Vielleicht ist es noch erlaubt,
zwei Sätze betreffs des ganzen anzuführen aus der neuesten
Beschreibung des Oberamts Neresheim. Es heißt dort wört-
lich: „Ein wirklich genialer Gedanke kam hier zur Ausführung,
nnd man darf wohl behaupten, daß hier in einer Beziehung
eine Höhe erreicht wurde, die als die letzte Entwicklung der
Baukunst bezeichnet werden muß. Wenn man bedenkt, daß
hier die von den früheren Baustilen gefundenen Mittel noch
gesteigert und unter sich zu einem neuen Ganzeil verbunden
wurden, so darf es uns nicht wundernehmen, daß eine ganz
außerordentliche Wirkung erlangt wurde, ein Jnnenranm ent-
stand, der, mit seinen Dimensionen verglichen, das möglichste
leistet an lichtvoller und erhabener Weite, desgleichen an ge-
fälligem Gange der Linien und an wohlthuender Einfügung
von Werken der Skulptur und Malerei; ja und eben die hier
angebrachten Fresken tragen ihrerseits noch mächtig zur Ver-
größerung des Raumes bei, indem sie Ausblicke fast ins Un-
endliche eröffnen und selbst wieder riesenhafte Bauten schauen
lassen, die ganz ungezwungen mit der wirklicheil Architektur
Zusammengehen."
Durch das Westportal eingetreten in den Tempel be-
finden wir uns in einein nicht gar breiten Gang, und ein
sehr schön gearbeitetes eisernes Gitter, das mit vergoldeten
Guirlanden, Sterilen, Urnen mit Blumen und Früchten ge-
schmückt ist, trennt uns von dem Schisse der Kirche, deren
Läilge 300 Fuß beträgt, während die Breite in der Krenzes-
mitte 175 Fuß ist. Die Höhe unter der Hauptkuppel beträgt
105 Fuß, unter den andern sechs 70 Fuß. Beginnen wir
mit dem Zentrum jedes katholischen Gotteshauses, mit dem
Chor nnd dem Hochaltar. Hinter dem eigentlichen Chor be-
findet sich ein größerer Raum, in welchem seiner Zeit die
Chorherrn ihre Tageszeiten beteten. Die Chorstühle, sehr-
bequem, sind einfach gearbeitet, denn an seinen Untergebenen
sparte ?. Benedikt. Nur zwei Reliefbilder kleiner Fasson aus
Gips und vergoldet gewahren wir, rechts die Geburt des
Heilandes, links die Anbetung der hl. drei Könige darstellend.
Die beiden Orgeln, welche wir rechts und links gewahren,
sind blind und taub, während sie früher ein prächtig lebendiges
Ganzes gebildet haben. Vor uns ist in der Wand ein ca.
12 Fuß hoher Kruzifixus angebracht aus Gipsalabaster, auf
beiden Seiten von großen vergoldeten Urnen umgeben, während
oberhalb desselben sich zwei Engel befinden. Vom Westportal
aus gesehen glaubt der Besucher, dieser Krnzifixns sei der
Aufbau des Hochaltars, obwohl seine Entfernung von dem-
selben eine beträchtliche ist. Endlich gewahren wir in diesem
Raume einen Granitblock von bedeutender Höhe und Breite,
auf welchem seiner Zeit der berühmte Christus von Dannecker
stand mit der Inschrift „durch mich zum Vater". Dannecker
verfertigte dieses Meisterwerk im Jahre 1830 und befindet
sich dasselbe gegenwärtig in der fürstlich Thurn und Taxiöschen
Gruft zu Negensburg. Das Christnsbild ist 17 Fuß hoch.
Der Hochaltar, ganz freistehend, ist ans Marmor auf-
geführt, wie überhaupt sämtliche zwölf Altäre des Tempels.
Der Tabernakel, herrlich schimmernd in seiner Feuervergol-
dnng, erhebt sich zwischen acht jonischen Marmorsäulen. Ans
der Kuppel, welche sich ans den Säulen befindet, gewahren
wir eine wunderhübsche Gruppe von Engeln ans Gipsalabaster,
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