Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 5.1888

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jünger Johannes. Es liegt eine hohe, tragische Größe in
dieser anmntsoollen Gestalt der Mntter Gottes, in dem Ringen,
den änßcrsten, furchtbarsten Seelenschmerz, wie er in Bewe-
gung, Gebärde und Miene heroortritt, wie er in den empor-
gezogenen Brauen, den halbgeschlossenen Augen, den angstgc-
öfsneten Nüstern, den gesenkten Linien des Mnndes dieses
gramdnrchsnrchten Antlitzes, den trampshast geschlossenen Händen
spielt, in des Busens Tiefen zurückzndrängen. Johannes er-
hebt das von reichen Locken umwallte Haupt voll süßen Aus-
drucks in innigster Bewegung, die Linke wie beteuernd fest an
die treue Brust drückend, zur Mntter des Herrn empor. In
den Fingern der Rechten, welche den um die rechte Schulter
geschlagenen Mantel unter dem linken Arm znsammenfaßt,
hält er ein Buch. Zn Füßen des Gekreuzigten aber kniet
mit Inbrunst, den harten Kreuzesstamm umklammernd und
an ihren Busen drückend, das Haupt sehnsuchtsvoll zu ihm
erhoben, Maria Magdalena, die schmerzbeladene Patronin der
Büßenden. In ihrer Gestalt scheint der Künstler die Stis-
terin, Klara Mager, personifiziert zu haben. Das geht ohne
Zweifel hervor ans den individualisierten porträtartigen Ge-
sichtszügen und ans dem Zeitkostüme, der Haube, dem Mieder,
den langen Herabsallendcn Ärmeln und den unter dem Mantel
hervorgnellenden Zöpfen. Die ganze Darstellung ergreift
mächtig durch die Unmittelbarkeit der Empfindung, die den
glücklichen Ausdruck gefunden und durch die darin waltende
stille Bescheidenheit, über die zugleich eine herzenbehcrrschendc
Majestät ausgegossen ist. Durch das ganze Werk geht das
Streben nach edler naturalistischer Durchbildung, verbunden
mit einem hohen Sinn für Schönheit. Die Anordnung, so-
wohl im Ganzen als im Einzelnen, ist schön und im Eharakter
des statuarischen anfgefaßt und gehalten; die Zeichnung ver-
rät, neben einem gewissen Zug nach Großheit, eine tüchtige
Kenntnis des Nackten, wie es sich namentlich in dem Körper
des Erlösers kundgiebt. In der Gestalt der Mntter des
Herrn vereinigt sich in Haltung, Stellung und Bewegung ernste
Würde mit hoher Anmut; Maria Magdalena erscheint von
einem edlen, leidenschaftlichen Gefühl durchdrungen; nur in
der Gestalt des Johannes ist die Innigkeit der Empfindung
etwas ungeschickt ansgedrückt, daher sie etwas ungelenk, ja
beinahe geziert erscheint. Die Gewandung ist im ganzen groß-
artig geworfen, zuweilen aber unterbrechen unschöne Brüche
und Ecken ihren Wurf und stören durch den Eindruck des
Stillosen. Die Behandlung verrät eine geübte Hand; sie ist
zart und körnig, breit und fleißig, wie es der Stoff erheischte,
in einzelnen Teilen mit vielem Geschmack durchgeführt."
Es lohnt sich schon ein bloßer Gang vom Bahnhof zu
dieser Blüte spätgotischer Kunst: keiner, der sich gerne einen
Ehristen nennen lassen will, wird, ohne mächtig von ihm er-
griffen zu sein, von ihr scheiden! (Fortsetzung folgt.)

Dilder aus der Geschichte Mergentheims.
Bo» Pfarrer Prof. Sanibcth i» Ailingen.
(Fortsetzung.)
Im Sommer 1636 konnte das ganze Werk schon unter
Dach gebracht werden. Abermals ließ nun der edle Stifter
unter den Hochaltar, dessen Fundamente neu gelegt worden
waren, eine neue silberne Platte einmanern, deren erste Seite
folgende Inschrift in lateinischer Sprache trug: „Dem höchsten
und besten Gott, der allerseligsten Jungfrau Maria, dem
hl. Franziskus Seraphikns und allen Heiligen hat diesen Al-
tar, dieses Gotteshaus und Kloster 1628 neu errichten, und
nachdem sie von den Schweden, den Feinden des Glaubens
und des Vaterlandes, gänzlich zerstört worden waren, im Jahre

1636 wieder anfbanen lassen." Die Fortsetzung stand ans
der zweiten Seite und lautete also: „Johann Kaspar, von
Gottes Gnaden des erlauchten Deutschen Ordens Hochmeister,
Administrator des Hochmeistertnms in Preußen, Meister in
deutschen und wclscben Landen, Herr zu Frendenthal und Eulen-
berg, der Kaiserlichen Majestät Geheimer Rat, im 69. Jahr
seines Lebens."
In der Mitte war eingraviert das Stadionsche Familien-
Wappen mit dein Kreuze und den drei Ankern.
Auch eine Pergamentrolle wurde wieder beigelegt, wie
das erstemal. Sic verkündet: „Gott sei Lob und Ruhm,
Ehre und Preis in alle Ewigkeit! Mein Bruder, mir gleich,
aber älter und kleiner, hat, nachdem er kaum das Licht der
Welt erblickt hatte, auch das Leben schon verloren. (Gemeint
sind die erste Platte und Pergamentrolle.) Ich gehe unter
die Erde, nicht um zu sterben, wie ich von Gottes Gnade
hoffe, sondern ich bitte vor allem, daß ewig leben möge der
alles Lobes würdige Stifter dieses Altares, Gotteshauses uud
Klosters, der erlauchte Fürst nud Herr Johann Kaspar ans
dem uralten Nittergescbleckste von Stadion n. s. w." (wie ans
der alten Pergamentrolle). Nur ist noch weiter augefügt:
„Nachdem er im Jahre 1628 diese» Altar, das Gottes-
haus uud Kloster zur Ehre der allerheiligsteu Dreifaltigkeit,
der seligste» Juugfrau Maria, des seraphischen hl. VatcrS
Franziskus und aller Heiligen für die ehrwürdigen Väter
Kapuziner neu geballt hatte, wurde er 1631 von fremden und
benachbarten Feinden aus seiner Residenz vertrieben und die
Heiligtümer in demselben Jahre 1631 von den schwedischen
und irrgläubigen Feinden von Grund ans zerstört. 'Nach drei
Jahren, nämlich im Jahre 1634 wurden die Feinde bei Nörd-
lingen geschlagen und die Stadt kam wieder in die Hände
ihres rechtmäßigen Herrn. Da wurde schnell alles zur Wieder-
anfbannng des Heiligtums Notwendige zugerichtet und in diesem
Jahre 1636 mit Gottes Hilfe alles nicht bloß in den frühern,
sondern in einen bessern Stand glücklich versetzt. Möge der
barmherzige Gott in stukunst den ganzen Ban vor jedem Un-
fall bewahren!
I. E. V. Sall, beider Rechte Doktor, Hoch- und Deutsch-
meister. Kanzler. "
Im Sommer 1637 war nun der ganze Bau vollendet.
Nach der eigens hierüber geführten Rechnung kostete er, ohne
die noch vorhandenen Materialien, die Fronen lind freiwil-
ligen Dienstleistungen 13 000 sl.
Jetzt fehlte dem Ganzen nur noch die Krone, die Konse-
kration oder Einweihung. Zu dieser Festlichkeit wurde der
20. Oktober 1637 bestimmt. Geladeu war dazu der Bischof
von Würzburg nud Bamberg Franz aus dem gräflichen Ge-
schlechte von Hatzfeld. Er sandte seinen Weihbischof Zacha-
rias, der am bestimmten Tage die Einweihung unter dem
Jubel der Bevölkerung vornahm.
Die frommen Väter bezogen nun das Kloster und be-
sorgten ihre Obliegenheiten zur allgemeine» Zufriedenheit und
Freude des Stifters wie der Bevölkerung, zum Glück uud
Heil der ganzen Umgegend.
Der Hoch- und Deutschmeister selbst errichtete alsbald
eine Bruderschaft des hl Franziskus, d. h. er führte durch
die Kapuziner den dritten Orden ein. Zn diesem Zwecke ließ
er eine Knpserplatte stechen, welche den hl. Franziskus dar-
stcllte, wie er aufgerichtet iu seinem Grabe stand. Ein Papst
und ein Bischof betrachten die Wunde seines linken Fußes,
und Stadion selbst liegt unten am Bilde ans seinen Knieen
mit einem Harnisch bekleidet. Jedes Bruderschastsmitglied er-
hielt einen Abdruck.
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