Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 5.1888

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für sich zur Einfachheit hin: die drei gleich hohen Schiffe
berlangen ein großes, breites Dach. Die etwas plumpe Masse
dieses ist sehr geschickt durch die neuestens entstandenen Dach-
lucken, die so naseweis aus ihm Herauslugen, verteilt und die
stiedcrhergestellte Kreu.zblume vorn am Giebel schaut freund-
lich herunter. Die früher öde Fassade hat durch das neue
Hauptportal und die schon beschriebene Rosette (s. o.)
ein ganz anderes Gesicht bekommen. Ersteres ist eine Stif-
tung des Werkmeisters Heimsch ans den fünfziger Jahren
und nach den Zeichnungen des Malers Eberlein ausgeführt.
Es ist in cinfa'chem Wechsel aus Rundstäben, deren mittlerer
in ein birnartiges Profil ausläuft, und ans Kehlen geglie-
dert. Über dasselbe ist ein elliptischer Bogen geschlagen, wel-
cher einen Eselsrücken mit Krabben und Blumen trägt. Zwei
einfache, mit glatter Schräge abgestufte und bekrönte Strebe-
pfeiler schließen das Portal, während ihre zweite Aufgabe
ist, die Kirchengewölbe zu stützen. Dieselbe erfüllen weiter
je vier Strebepfeiler an der nördlichen und südlichen Flucht
der Kirche, sowie drei schräg gestellte an der südwestlichen, nord-
lvest- und nordöstlichen Ecke (die vierte, südöstliche nimmt
der Turm ein) der Kirche, während bei dem achteckigen Chor
dier Strebepfeiler sichtbar sind. Die letzteren haben heute ein
ganz schmuckes Aussehen. Sie sind nicht, wie die der Kirche,
nur gereinigt und angestrichen, sondern vollständig restauriert
lt880), indem sie Standbilder der vier Evangelisten, St.
Matthäus, St. Markus, St. Lukas, St. Johannes, mit hüb-
schen Baldachinen und einfachen Konsolen tragen. Gefertigt
sind sie von Bildhauer Zaiser in Stuttgart, und wie auf einer
der Konsolen zu lesen, eine Stiftung des uns wohl bekannten
Hofebenisten Friedrich Wirth. Auf der Spitze des den Chor
auf der Ostseite weit überragenden Giebels der Kirche steht
eine zierliche, noch aus dem 15. Jahrhundert stammende Kreuz-
blume.
In den viereckigen Turm gelangt man vom Chor aus
durch eine kleine Thüre mit flachem Bogen und Kreuzstäben.
Derselbe ist an die fertige (1474) Kirche (bezw. Chor) erst
1491 (s. o.) gebaut worden. Der St. Morizturm, wie er
hieß, steigt in drei hohen Stockwerken in die Höhe und ent-
hält zwei Glocken von 1462 und 1483, sowie eine Schlaguhr
aus dem Jahr 1613. (Beschr. d. K. St. D. B. Stuttgart,
1856). Das Glockenhaus, das dritte Stockwerk, hat vier
spitzbogige^ Fenster, über denen sich Giebel mit Kreuzblumen
auf den Spitzen erheben, von denen aus das achtseitige Zelt-
dach, einen Hahn auf feiner Spitze, schlank in die Lüfte
emporschießt. Ein östlich an ihn eingebautes Treppenhaus mit
Kreuzblume auf den: Helmdach begleitet ihn beinahe bis zur
Stockhöhe des Chors.
Aber all das Schöne, was wir im Vorhergehenden be-
schrieben und dargestellt haben, stellt sich in Hintergrund gegen-
über dem prächtigen Kunstwerk aus den: ehemaligen Gottes-
acker hinter den: Chor der St. Leonhardskirche. Es ist dies
der weitberühmte, mit den besten Nürnberger plastischen Ar-
beiten des 15. und 16. Jahrhunderts wetteifernde sogenannte
Dlberg. Um dies gleich abzumachen, so ist dieser Ausdruck
für eine Darstellung der Kreuzigung Christi zunächst nicht
richtig, mit dem Ausdruck Kalvarienberg wäre dieselbe besser
bezeichnet. Wir können deswegen die Zähren eines evange-
lischen Pastors wohl begreife::, der in: „Christl. Kunstblatt"
Jahrg. 1882, Nr. 1, S. 14 es bitter beklagt, daß man bis-
lang in den: „so gut biblischen Stuttgart" den Ausdruck „Öl-
berg" gebraucht, als ob Christus in Gethsemane gekreuzigt
worden wäre! Allein, wenn wir näher Zusehen, ist der Fehler
denn doch nicht so groß. Auffallend ist es schon, daß die

herrliche Gruppe, die in 13 Jahren, anno 1901, ihr vier-
hundertjähriges Jubiläum feiert, fast von allen, insbesondere
von dem Volke, einfach Ölberg genannt und so allezeit ver-
ehrt wurde, daß sie ganz wunderbarerweise all die Stürme
der Reformation, des Bauern- und des dreißigjährigen Krieges
überstand. Auf was deutet das hin? Daß man früher unter
„Ölberg" nicht den korrekten biblischen Ausdruck verstand, son-
dern unter ihm irgend einen Teil der „Stationen" begriff.
Vielleicht lag es im Sinn der Stifter, nicht bloß diese eine,
sondern mehrere Stationen allmählich zu errichten. Mit dieser
Erklärung stimmt auch überein, wenn Or. L. Gerlach, „Illu-
striertes Wörterbuch der mittelalterliche:: Kirchenbaukunst",
Stuttgart 1871, ebeu im Hinweis aus unser Werk sagt (S. 65,
Fig. 67): „Ölberg heißt ein Anbau mancher Kirchen, welcher
durch die darin aufgestellten Bildwerke an die Nacht von Geth-
semane erinnern soll. Christi Leiden, Grablegung und Aufer-
stehung finden sich dort mitunter in Gruppen von lebensgroßen
Steinbildern aufgestellt. Ihrer Bestimmung nach kann inan
die Ölberge mit zu den Stationen rechnen."
(Fortsetzung folgt.)

Lat,3.Ios'U8 8UV6I'10I'UIN 6t Usetorum LoUsZIi 8. ü.
Zott6ndurZ'6N8l3. (1648—1773.)
Unnüttelbar nach dein Ende bes 30jährigen Krieges
gründeten die Jesuiten eine Niederlassung in Rottenburg a. N.,
welche bis zur Aufhebung des Ordens (1773) bestand.
Die „Residenz" wnrde i. I. 1668 zum „Kollegium" er-
hoben: die Oberen der Niederlassung heißen von da an nicht
mehr „Superiores" sondern „RektoreS".
Die noch erhaltenen »lütterae annuae« der ehemaligen
Nottenbnrger Jesuiten (Handschrift in der Tübinger Univer-
sitätsbibliothek lVl. 1:. 676 toi. 574 SS. mit den: Titel
»I4i8toria OolleZii Uottendur§en8i8 3. ). ad bUccarum«.j
geben über diese 3uperiore8 et Uectore3 folgende Notizen:
I. Superiores.
1) ?. Jacobus Thebas 1649—1656. Dieser »primu8
Uemdentiae 3uperior« kam 1656 als Rektor nach Neuburg;
nach lOjähriger Abwesenheit kam er (1666) wieder dahin.
7^.d annum 1666 lesen wir: »U. U. H:eba8 8u1i tmem
anni venit Ulala (d. i. Hall in Tirol) tuturu8 partim
e m e r i t r: 8 , partim 1:i8toricu8.« — 7Vd arm.
1669: »con8ultorem a§ere eoepit.« — 1674 feierte
er sein 50jähriges Priesterjubiläum: »p08t exactum trdeliter
8acerciotii 8ui armum Huin^ua§e8imum altera vice pri-
mitiv 8upremo I4umini ad aram odtulit.« — Er starb auch
hier am 31. Aug. 1686. In seinem »Hlo^ium« sUmtoria
eit. p. 235—237j heißt es u. a.: »patria UmZermm I4e§oiu8,
not. 1594 24. )unn. — a. 1614 8ocietati ad8criptu3
14. 3ept. . . . a. 1631 Huatuor vota prote83U8 e8t.« 73
Jahre hatte er also im Kleid des hl. Ignatius verlebt: »8uavi
a^endi modo etiam acatlrolicm caru3, cum Uraepo8iturae
Dubin§anae praee88et.«
2) k. Jac. Michael 1656—1660. 7^.d ann. 1656:
»lVlen8i8 )uniu3 novum 3uperiorem Oeniponto f— Inns-
bruck! mis8um, ul)i priu3 Ivectorem §e38Üt, ?. )acotrum
lVlicllael o8tendit.
?. )acobu8 H:eda3 ülx-3uperior ad Uectoratu8 l^eo-
bur^ici ta8ce8 damnatu8 iter 8uum in8tituit.«
3) ?. Greg. Walch 1660—1667. 7Vd ann. 1660:
r3eptimo Pilii Oeniponto acce88it ?. Ore§oriu3 Walcl:,
tertiu8 Uemdentiae iuturu3 Zuperior, Uraedece38ore Urun-
trutum adituro Lolle§ii^ue tuturo Uectore. U. U. )ac.
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