Ness, Wolfgang [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 1): Stadt Hannover — Braunschweig, 1983

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01 MITTE_
Der Stadtteil Hannover-Mitte setzt sich zu-
sammen aus der Altstadt, der Ernst-August-
Stadt und Teilen der ehemaligen Steintor-
und Aegidienvorstadt.
Im Westen bilden die Brühlstraße, das Leib-
nizufer und der Leinelauf bis zum Arthur-
Menge-Ufer die Stadtteilgrenze. Von der
Leine ausgehend umschließt die Grenze
den Maschpark, schwenkt am Friedrichs-
wall zum Aegidientorplatz und führt über
die Marienstraße zur östlichen Begrenzung
der Hamburger/Berliner Allee. Im Norden
schließen die Schloßwender Straße /Arndt-
straße den Stadtteil ab.
ALTSTADT
ANFÄNGE DER BESIEDLUNG UND DIE
ENTWICKLUNG DESALTSTADTGRUND-
RISSES
Beiderseits des hannoverschen Leineüber-
gangs, der seit urgeschichtlicher Zeit benutzt
wurde, ist für das 1. bis 3. nachchristliche
Jh. eine Siedlung nachweisbar, deren Größe
sich aufgrund weit verstreuter Tonscherben-
funde ungefähr bestimmen läßt: Westlich
der Leine war sie auf den Lauenröder Wer-
der beschränkt (Standort der 1371 zerstör-
ten Burg Lauenrode; heute der Bereich zwi-
schen Leibnizufer und Rote Reihe nördlich
des Neustädter Marktes), östlich der Leine
umfaßte sie annähernd das gesamte Gebiet
der späteren Altstadt. Es ist unbekannt, wie
lange diese frühgeschichtliche Siedlung be-
standen hat.
Erst zwischen 1007 und 1013 wird in den
Grenzbeschreibungen der Bistümer Minden
und Hildesheim die Ufersiedlung Tigislege
bzw. Tigislehe genannt, deren Ausdehnung
durch Grabungsbefunde aus den Jahren
1951—1954 belegt ist: Sie umfaßte den süd-
lichen Teil der heutigen Leinstraße von der
Aegidienkirche an bis etwa zur Kreuzung der
Karmarschstraße südlich des Leineschlosses.
Dieses Dorf Tigislege gehörte zu einer grö-
ßeren Anzahl von Siedlungen (im stadthan-
noverschen Bereich etwa 15), die zwischen
1000 und 1250 auf den Terrassen kanten
beidseitig der Leineaue in einem Abstand
von einem bis zwei Kilometern aufgereiht
waren und jeweils nur aus wenigen Höfen
bestanden. Ihre auenorientierte Lage an der
Grenze zum bebaubaren Ackerland weist
auf einen hochwassersicheren Standort und
auf günstige Voraussetzungen zur landwirt-
schaftlichen Nutzung hin. Darüber hinaus
boten die beiden in nord-südlicher Richtung
verlaufenden Fernhandelsstraßen - westlich
der Leine von Einbeck über Elze nach Bre-
men, östlich der Leine von Göttingen über
Hildesheim nach Hamburg und Lübeck —
eine gute Siedlungsgrundlage. Seit der Grün-
dung der Bistümer Bremen (788) und Hildes-
heim (815) kam dem auf dem erhöhten Ost-
ufer der Leine verlaufenden Verkehrsweg
jedoch größere Bedeutung zu. Wenn etwa die
Hälfte dieser Terrassensiedlungen im Hoch-
mittelalter wüst wurde, hängt das weitge-
hend mit der Entwicklung am hohen Ufer
des Leineübergangs zusammen, mit der
Entstehung der Stadt Hannover.

STADTBEZIRKE:
Leinstraße
Köbelingerstraße
Marktstraße
Osterstraße
Grenzend. Kirchspiele
A Aegidienkirche
B Rathaus
C Marktkirche
D Minoritenkloster
E Herzogi. Stadtvogt
F St. Gallenhof
G Kreuzkirche
H Hlg.-Geist-Hospital
I Klickmühle
K Brückmühle
L Hamelmühle
M Hofmühle
1 Brühltor
2 Steintor
3 Aegidientor
4 Leintor

Plan der Stadt Hannover um 1350 (Verfasser H. Plath)


Das Dorf Tigislege bildete einen der Aus-
gangspunkte der hannoverschen Stadtent-
wicklung. Etwa gleichzeitig entstanden an
der nördlichen Verlängerung der Leinstraße,
die in diesem Bereich seit der Mitte des 14.
Jh. Burgstraße (platea urbis) heißt, ein Lan-
desherrlicher Haupthof und neun dazugehö-
rige Lehnshöfe, die auf der Westseite der
Burgstraße von der Pferdestraße bis zur spä-
ter errichteten Stadtmauer (heute bis zum
Marstallplatz) aufgereiht waren.
Lehnsberechtigt waren im 10. und 11. Jh. im
Marstemgau, zu dessen Gebiet Hannover ge-
hörte, die Grafen des Hauses Billung. Wahr-
scheinlich waren die Vorfahren der Grafen
von Roden, die bis zum Auftreten Heinrichs
des Löwen die Machthaber Hannovers gewe-
sen waren, an den Lehnshöfen beteiligt. Die
Funktionen der Lehnshofsiedlung mit dem
auf der Ostseite der Burgstraße liegenden
Haupthof (dem späteren St. Gallenhof auf
dem Gebiet des heutigen Ballhofplatzes)
bestanden in der Sicherung des Leineüber-
gangs und in der Kontrolle der Fernverkehrs-
straße Hildesheim-Bremen. Außerdem stell-
ten die Lehnshöfe einen Schutz dar für die
sich seit etwa 1100 weiter östlich entwik-
kelnde Marktsiedlung.
Den Kern dieser Marktsiedlung bildeten die
Marktkirche und der Marktplatz, die gleich-
zeitig entstanden und bis heute eine bauliche
und historische Einheit darstellen. 1124 war
Hildebold I. von Roden Graf im Marstem-
gau; er gilt als der Gründer der Georgskirche,
die um 1125 gebaut wurde. Dieser romani-
sche Vorgängerbau der heutigen Marktkir-
che war ein einschiffiger Bau von ca. 7 m
Breite und knapp 20 m Länge mit einem
Turm im Westen. Die Kirche war von einem
Friedhof umgeben, der gleichzeitig Ort des
Vogteigerichts war. Nördlich schloß sich
die Vedeme mit dem Pfarrhof an. Der Markt-
platz bildete ein unregelmäßiges Rechteck
von 150 m Länge, 50 m Breite im Südosten
und 100 m Breite im Nordosten. Diese

Grundform ist heute noch erhalten. Der
Marktbetrieb bereits um die Mitte des 12.
Jh. wird bezeugt durch das Auffinden zwei-
er Brunnen und Reste von zwei Grubenhäu-
sern auf dem Gelände der später errichteten
Kaufhalle. Gleichzeitig wird Hannover um
1150 als „vicus" und als „Hanabruinborgar"
bezeichnet, beides Hinweise auf eine Kauf-
mannssiedlung.
Zu diesem Zeitpunkt war der Grundriß der
hannoverschen Altstadt mit seinen vier
Hauptstraßenzügen ausgebildet: Der westli-
che Straßenzug — Lein- und Burgstraße —
folgt unmittelbar dem Flußlauf der Leine
von Südost nach Nordwest; die beiden mitt-
leren, annähernd parallel verlaufenden Stra-
ßen — Köbelinger-/Knochenhauerstraße und
Markt-/Schmiedestraße — sind die kürzesten
Verbindungen zwischen südlichem Stadtzu-
gang, dem späteren Aegidientor, und dem
nördlichen Stadtausgang, dem Steintor. Die
Straßen umschließen in der Mitte den Markt-
platz mit Marktkirche und Verkaufsständen.
Der östliche Straßenzug, die Osterstraße,
führt in weitem Bogen um die Marktsiedlung
herum und mündet in den nördlichen Teil
der Schmiedestraße. Der so entstandene
mandelförmige Grundriß der Altstadt, eine
Abwandlung des Leiter- bzw. Parallelstraßen-
systems stauferzeitlicher Städte, ist bis heute
zum größten Teil erhalten geblieben.
Mit der östlichen Stadterweiterung um 1160
war eine Neuordnung der kirchlichen Ver-
hältnisse verbunden. Zwischen 1149 und
1167 entsteht die Aegidienkirche, eine wel-
fische Gründung wahrscheinlich durch Hein-
rich den Löwen, anstelle der kleinen Kapelle
der Ufersiedlung Tigislege, die dadurch ihre
kirchliche Selbständigkeit verliert. Die Paro-
chiegrenze zwischen St. Aegidien und St.
Georg verlief in Höhe der Röselerstraße quer
durch die Stadt. Die romanische Aegidien-
kirche war eine dreischiffige Pfeilerbasilika
mit Querhaus, rechteckigem Chor, Haupt-
und Nebenapsiden und einem querrechtecki-

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