Ness, Wolfgang [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 1): Stadt Hannover — Braunschweig, 1983

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Die umfangreichste vielflügelige Anlage ist
das 1907—11 unter der Oberleitung des
Oberbaurats Thoemer (Mitwirkung von Ste-
ver, Lehmann, Ebel; Bauplastik: Otto Rich-
ter, Berlin) erbaute Amtsgericht (Volgers-
weg 1), das den gesamten Baublock zwischen
Volgersweg, Hinüber-, Leonhardt- und Augu-
stenstraße einnimmt. Der zwei- bis dreige-
schossige Bau mit Walmmansarddach ist in
barockisierend-historistischen Formen errich-
tet. Die dekorative Betonung des Eckrisalits
am Volgersweg berücksichtigte die städte-
bauliche Angliederung an den ehemals gegen-
überliegenden Justizpalast (im Zweiten Welt-
krieg zerstört, Neubau von 1952). Das west-
lich benachbarte Postscheckamt aus den
zwanziger Jahren des 20. Jh. muß zur Zeit
einem Erweiterungsbau des Amtsgerichts
weichen.

DIE LETZTE WALLBEBAUUNG
Die Bebauung des Walles im Süden und
Osten durch die Anlage der Friedrichstraße
und Georgstraße wurde im Nordwesten der
Stadt erst 1870 durch die Einrichtung der
Goethe- und Humboldtstraße (vgl. 02 Calen-

Volgersweg 1, Amtsgericht, Haupteingang,
1907-11


Goethestraße, Brücke über die Leine, 1872


berger Neustadt) auf dem ehemaligen Prin-
zen- und Kanonenwall fortgesetzt. Damit
wurden die letzten Befestigungswerke besei-
tigt.
Die Projektierung der Goethestraße Mitte
der fünfziger Jahre des 19. Jh. hatte den
Durchbruch neuer Seitenstraßen zur Altstadt
hin (Reuterstraße, Scholvinstraße) durch be-
stehende Bebauung zur Folge. Betroffen da-
von waren u.a. Wagenremisen. An ihrer
Stelle sowie als Ersatz für Wagenhäuser an
der Schillerstraße entstand 1858—1861 ein
Remisenneubau auf dem Gelände der Reit-
bahn zwischen Reithaus (heute Am Marstall)
und der geplanten neuen Straße (Goethe-
straße 17/19).
Die durch Christian Heinrich Tramm ausge-
führte zweigeschossige Wagenhalle mit über
150 Einstellplätzen (davon 60 im Oberge-
schoß mit Aufzug (!) zugänglich) erstreckte
sich mit 15 Torachsen entlang der Goethe-
straße von der Einmündung Reuterstraße bis
zum Hohen Ufer und umschloß mit Seiten-
flügeln und dem rückwärtig bestehenden
Reithaus einen glasüberdeckten Hof. Von
dieser Anlage haben sich acht Torachsen mit
der durch Rundbogenstellungen und Dach-

erker betonten Mittelachse erhalten.
Die in die Calenberger Neustadt hineinfüh-
rende Goethestraße erhielt 1872 im Zuge
ihres Leineübergangs eine Sandsteinbrücke
nach Entwurf des Geh. Regierungsrats Laun-
hardt mit einer Wölbung von 23,4 m und ei-
nem schönen durchbrochen gearbeiteten
Werksteingeländer.
Ca. 150 m südlich war bereits 1682 nach
Öffnung des nordwestlichen Eckturms der
Stadtmauer als Tordurchlaß eine Leine-
brücke zur besseren Anbindung der Ca-
lenberger Neustadt an die Altstadt errichtet
worden, die unter Georg 11.1732 durch eine
aus Quadern und hintermauerten Ziegeln
ausgeführte Dreibogenbrücke ersetzt worden
war (Marstallbrücke).
Die im Zweiten Weltkrieg weitgehend zer-
störte Bebauung der Goethestraße ging nur
allmählich voran. Bevorzugt waren zu dieser
Zeit die östlichen Stadtgebiete.
Allein eine nach der Erweiterung der Befe-
stigungswerke 1713 angelegte Querstraße,
die aus der Altstadt führende Steintorstraße,
war bereits zur Zeit der Wallbebauung voll-
ständig überbaut. Zwischen ihr und der pa-
rallelen Reitwallstraße hat sich eine kleine


Marstallbrücke über die Leine, 1732

Volgersweg 1, Amtsgericht,
Flügel an der Hinüberstraße


Goethestraße 17/19, Wagenhalle, 1858-61,
Architekt H. Tramm


Steintorstraße 9, 7


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