Ness, Wolfgang [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 1): Stadt Hannover — Braunschweig, 1983

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Vorwort

Die niedersächsische Landeshauptstadt ist keine alte Stadt etwa in dem Sinn,
wie die deutsche Dichterin Ricarda Huch sie verstand, als sie Ende der zwanzi-
ger Jahre jene großartigen Lebensbilder deutscher Städte entwarf, die sie unter
den Obertitel ,,lm Alten Reich" stellte. Die Palette umfaßte dort Aachen und
Regensburg, Stralsund und Erfurt, Hann. Münden und Goslar und viele andere
große und kleine Städte mehr.
Hannover gehört zu den Großstädten, die ihre Bedeutung mit rasch zunehmen-
der Bevölkerungszahl und starker Wirtschaftskraft erst Ende des 19. und zu
Beginn des 20. Jahrhunderts erlangt haben. Auch wenn sich von der Bürgerstadt
der Renaissance und der Residenzstadt der hannoverschen Kurfürsten und Kö-
nige noch immer sichtbare Zeichen bis in unsere Gegenwart ziehen, — die weit-
flächigen Zerstörungen, denen Hannover während des Zweiten Weltkriegs aus-
gesetzt war, haben das Gesicht der Stadt im Zuge des nachfolgenden Wieder-
aufbaus nachhaltig verändert. Hannover konnte, vermeintlich von vielen Bin-
dungen frei, Leitlinien im Nachkriegsdeutschland setzen und für ein Viertel-
jahrhundert als eine der modernsten deutschen Städte gelten.
Mit der Bildung des Landes Niedersachsen 1946 hatte Hannover zugleich
Hauptstadtfunktionen übernommen, die sich besonders städtebaulich ausge-
wirkt haben. Das ihm dabei bis in die Gegenwart etwas von jener Atmosphäre
fehlt, die andere Städte auszeichnen, kann man nur feststellen; aber wird man
nicht fragen dürfen, wo eventuell die Ursachen hierfür liegen? Noch immer
werden gegenwärtig und künftig Entscheidungen getroffen, die das Erschei-
nungsbild eines Hauses, das Gesicht einer Straße oder eines Platzes und den
Ausdruck der gesamten Stadt nachhaltig verändern. Das wird zwar immer so
sein, denn unsere Städte und Gemeinden müssen sich weiter entwickeln, um
fortleben zu können. Aber dies sollte bewußter geschehen, und so gilt es, zu-
nächst die historischen Entwicklungslinien aufzuzeigen, die unser heutiges
Stadtbild bestimmen, oder auch die Brüche zu erkennen, die sich unter Umstän-
den heilen lassen. Erst auf der Grundlage solcher systematischer Erfassung und
Beschreibung wird die Tragweite notwendig erscheinender Eingriffe den Ver-
antwortlichen deutlich werden.
Die von der Ständigen Konferenz der Kultusminister den Ländern zur Ver-
wirklichung anempfohlene ,,Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutsch-
land" dient diesem Ziel. Niedersachsen hat bei der Verwirklichung entschei-
dende Vorarbeiten geleistet und mit den ersten beiden Bänden, die dem länd-
lichen Raum (Landkreis Lüneburg, 1981) und einer Mittelstadt (Göttingen,
1982) gewidmet waren, in Methode, Aufbau und Aussage weit in die Bun-
desrepublik Deutschland einwirkende Musterbände erstellt.
Mit dem vorliegenden Band der Landeshauptstadt Hannover wird zum ersten
Mal eine Großstadt dokumentiert. Dabei wird auch eine Wertung des Massen-
wohnungsbaus versucht, der aus vielerlei Gründen zwar in das Blickfeld ge-
treten ist, an dem kunstwissenschaftliche Forschung sich begreiflicherweise
noch immer schwer tut. An die Stelle künstlerischer Kriterien muß deshalb
weitgehend die stadtbaugeschichtliche Wertung treten, vielleicht im einen
oder anderen Fall mit dem Namen eines Architekten oder auch Stadtbaurates
verbunden. So wird nicht nur eine Entscheidungshilfe für städtebauliche Ent-
wicklung, sondern zugleich Material für weitergehende Forschung vorgelegt.
Wegen der Fülle des Stoffes erfolgt eine Einteilung in zwei Bände, um diese
Denkmaltopographie handhabbarer zu machen. Der vorliegende Band behan-
delt die historische Residenzstadt mit Vorstadt und Teilen der 1907 einge-
meindeten Bereiche. Der zweite Band umfaßt Linden als historische Garten-
stadt und Industriestadt des 19. Jahrhunderts mit seinen 1909 und 1913 hin-
zugekommenen Ortsteilen sowie alle nach 1974 nach Hannover eingemeinde-
ten Bereiche. Die Stadtteilgrenzen entsprechen dem Stand vom 1.1.1982. Neu-
ere Einteilungen stimmen nicht mehr mit historischen Orts-bzw. Gemarkungs-
grenzen überein, sondern beziehen sich auf die politischen Bezirke, sind daher
nicht verwandt worden.

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