Ness, Wolfgang [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 1): Stadt Hannover — Braunschweig, 1983

Page: 75
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dtbrd_nds_bd10_1/0081
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Als repräsentative Randbebauung des Ernst-
August-Platzes waren seit 1850 vornehmlich
große Hotelbauten entstanden, von denen
drei von C. W. Hase stammten. Einer dieser
Bauten hat sich in stark veränderter Form er-
halten, das ehemalige Hotel de Russie (Nr. 3,
1850/51, heute Postdienststelle) an der
Westecke des Platzes. Die beiden viergeschos-
sigen Flügel des dem Rundbogenstil verhafte-
ten Frühwerks sind durch einen schmalen,
schräg über Eck gestellten Mittelteil verbun-
den. Die Fassade ist durch Lisenen und zwei-
geschossige Blendarkaden gegliedert. Dieser
Bau stellt den einzigen Rest der Erstbebau-
ung des Platzes dar.
An ihn schließt sich das fünfgeschossige Cen-
tral-Hotel an, das 1914 nach Entwurf von
F. Hartjenstein errichtet wurde (Nr. 4).
Es handelt sich um einen Eisenbetonbau,
dessen Pfeilerkonstruktion in der Wand-
gliederung außen in Erscheinung tritt.
Von der übrigen Vorkriegsbebauung hat sich
neben dem schmalen Eckbau der Eisenbahn-
sparkasse (Ernst-August-Platz 8/Joachim-
straße) nur noch das Gebäude der ehemals
königlichen Eisenbahnverwaltung erhalten
(Joachimstraße 8, heute Bundesbahndirek-
tion). Es steht an der südöstlichen Schmal-
seite des Bahnhofplatzes und erstreckt sich
mit einem 1970 als Kopie wiederhergestell-
ten Flügel in die Joachimstraße. Der dreige-
schossige Vierflügelbau in gelbem Ziegel-
mauerwerk mit roter'Bänderung, dessen Eck-
risalite nur wenig vortreten, wurde 1870
—72 von Hitzig erbaut. Das Obergeschoß ist
betont durch ein umlaufendes Geschoßge-
sims, antikisierende Pilastergliederung und
ein weit vorkragendes Dachgesims mit Akro-
terien in Sandstein.
An der Verlängerung der Joachimstraße in
Richtung Schiffgraben, deren paralleler Ver-
lauf zur Bahnlinie den ursprünglichen Na-
men „Am Bahnhof" erklärt, entstand um
1895 ein weiterer Verwaltungsbau der Bahn
(Lavesstraße 77/78). Der langgestreckte
Backsteinbau mit gliedernden Putzflächen ist
durch gotisierende Eckrisalite und Mittelpor-
tal mit reichem Dekor aus glasierten Form-
steinen hervorgehoben.
Ebenfalls an der Lavesstraße (Nr. 82) steht
das 1884 vom Marktplatz dorthin versetzte
Bürgerhaus des Adrian Siemerding mit einer
Renaissancefassade von 1663 (vgl. S. 56).
DIE ALTSTADT IM LETZTEN
DRITTEL DES 19. JH.
DER DURCHBRUCH DER KARMARSCH-
STRASSE
Der bereits von G. L. F. Laves verfolgte Plan,
die gedachte Achse Bahnhof-Schloß-Water-
loosäule durch einen Straßendurchbruch in
der Altstadt in Nordost-Südwest-Richtung
zu verwirklichen, wurde durch die Planungen
des kgl. Baurates Ferdinand Wallbrecht er-
neut aufgegriffen und in den Jahren 1879
—81 mit der Anlage der Karmarschstraße
bzw. Grupenstraße (so die frühere Bezeich-
nung des Teilstücks zwischen Osterstraße
und Marktstraße), einer Verbindung von der
Georgstraße zur Marktstraße, ausgeführt. Die
Festlegung des weiteren Verlaufs hinter dem
alten Rathaus entlang bis zur Leinstraße be-

ruhte auf einem gutachterlichen Vorschlag
des hannoverschen Architekten- und Inge-
nieurs-Vereins von 1879. Dieses zweite Teil-
stück (zunächst ebenfalls Grupenstraße ge-
nannt) wurde erst 1889/90 durch die Reihen
der Altstadthäuser gebrochen. Eine große
Zahl von Altstadthäusern fiel zusätzlich dem
Bau der Markthalle 1889—91 durch Paul
Rowald zum Opfer (nach Kriegszerstörung
1955 Neubau). Die Bebauung beider Stra-
ßenseiten war 1892 abgeschlossen.
Von dieser Erstbebauung aus den Jahren
1889—1892 haben sich nur auf der West-
seite des zweiten Straßenabschnittes fünf
Häuser erhalten. Gegenüber dem neuen Hase-
Flügel des alten Rathauses errichtete Paul
Rowald an der Ecke zur Köbelinger Straße
die Ratsapotheke (Karmarschstraße 44, Bau-
plastik von Schaper). Der viergeschossige
Backsteinbau ist aufwendig gestaltet mit
verschiedenfarbig glasierten Ziegeln, Form-
steinen und Kacheln. Die Ecklösung ist
durch Erker, Staffelgiebel und Turmaufsatz
betont. Vom Vorgängerbau sind zwei Sand-
steinfiguren, Äskulap und Hygieia, übernom-
men.

Leinstraße 25, Karmarschstraße 50,48


Karmarschstraße 44, Ratsapotheke, 1891,
Architekt P. Rowald


Die anschließende Häuserzeile von fünfge-
schossigen Backsteinbauten ist weniger reich,
dafür einheitlicher ausgeführt. Inhaber, Ar-
chitekt und Bauausführende waren jeweils
Bauunternehmer: Karmarschstraße 46 durch
Ernst Bühring, Nr. 48 durch Konrad Pipo
und Nr. 50 sowie Leinstraße 25 durch Adolf
Riesle und Gustav Rühling. Diese Bauten
sind stärker mit gliedernden Sandstein- und
Putzelementen versehen.
Als weiterer zu dieser Gruppe gehörender
Neubau entstand 1913 die Weinhandlung
Kraul im Anschluß an die Ratsapotheke in
der Köbelinger Straße 1. Der zur Bauzeit als
architektonisch vorbildlich preisgekrönte
Putzbau korrespondiert mit dem ,,Dogen-
palast"-Flügel des Rathauses. Die symmetri-
sche Fassade mit rundbogigem Mittelportal
ist durch die Drillingsfenster-Stellungen mit
Dreiviertelsäulen-Unterteilung, deren Brü-
stungsfelder geometrisierenden Dekor zei-
gen, einfach gegliedert.

Lavesstraße 82, Fassade 1663 von
A. Siemerding, 1884 versetzt


Köbelingerstraße 1, 1913


75
loading ...