Ness, Wolfgang [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 10, Teil 1): Stadt Hannover — Braunschweig, 1983

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bau, durch den weite Gebiete aufgesiedelt
wurden (s.u.), konnten die in Hannover herr-
schende Wohnungsnot, die vor allem im
Kleinbürgertum und Proletariat zu elenden
Zuständen führte, nicht beseitigen, zumal
der auf Gewinn angelegte private Wohnungs-
bau vor allem begüterte Schichten bediente.
Aus dieser Not heraus bildeten sich um 1900
Baugenossenschaften mit dem Ziel, preiswer-
ten und gesunden Wohnraum für die Mitglie-
der zu schaffen (vgl. z.B. Gruppe Podbielski-
straße 217 ff.). Bereits 1885 gründeten
Handwerker und Arbeiter den Spar- und
Bauverein Hannover; 1886—91 entstanden
auf preiswertem Bauland und in der Nähe
der Arbeitsstätten westlicher der Lister Stra-
ße (Franz-Bork-Straße 1 ff., Lister Straße
27 ff.) in Selbsthilfe der Genossen die ersten
Häuser als viergeschossige Rohziegelbauten
im sogenannten „Polierstil" mit sparsamer
architektonischer Gestaltung. Die Anlage,
bestehend aus vier kurzen einander zugeord-
neten Zeilen mit der Erschließung durch
die Franz-Bork-Straße, besitzt für den Ar-
beiterwohnungsbau und die Genossenschafts-
bewegung in Hannover große geschichtliche
Bedeutung.

KASERNEN
Nach den Befreiungskriegen vergrößerte man
die Garnison Hannover durch zahlreiche
militärische Anlagen (vgl. z.B. 02 Calen-
berger Neustadt, Waterlooplatz), eine Ent-
wicklung, die bis ins 20. Jh. anhielt, und für
die sich im Stadtteil List folgende Beispiele
finden: Noch unter königlich hannoverscher
Regierung entstand auf der Nordseite der
Celler Straße — damals zum Gebiet der Vor-
stadt gehörend — als Exerzierplatz der Wei-
fenplatz, dessen nördliche Begrenzung drei
von Jüngst 1858/60 erbaute Kasernen bilde-
ten, von denen zwei dem Zweiten Weltkrieg
zum Opfer fielen. Die östliche als Torso er-
haltene ehemalige Infanterie-Kaserne dient
heute als Polizeirevier (Am Welfenplatz 2).
Das ursprünglich betont wehrhafte Äußere
des in der Tradition der Hannoverschen Bau-
schule stehenden Backsteinbaus zeigen noch
der hohe geböschte Sockel und der turmarti-
ge Charakter des Seitenflügels. Die Ostseite
des Platzes schließt die unmittelbar nach
dem Übergang Hannovers an Preußen er-
richtete Kaserne für reitende Artillerie (Am
Welfenplatz 1, 1867/68, Jüngst), die heute

Waldstraße 18, um 1800



Am Welfenplatz 1, ehern. Kaserne für reitende Artillerie. 1867/68, Architekt Jungst

als Wasserschutzpolizeiamt genutzt wird. Der
symmetrische geschlossene Komplex — be-
stehend aus einem dreigeschossigen Haupt-
bau auf hohem Sockel und einer rückwärti-
gen 1 1/2-geschossigen Dreiflügelanlage mit
Stallungen usw. — nahm das Karree bis zur
Lützenrodestraße ein und ist im südlichen
Teil zerstört. Er stellt jedoch immer noch ein
hervorragendes Beispiel der Militärarchitektur
des 3. Viertels des 19. Jh. dar.
Kasernen errichtete man im allgemeinen am
Rande des besiedelten Stadtgebietes, wegen
der expandierenden Bauentwicklung finden
sich somit jüngere Anlagen weiter außerhalb.
Im Norden des Stadtteils hat sich die 1906—
08 gebaute Kaserne für Telegraphenbatail-
lone erhalten (heute Bundesgrenzschutz,
Möckernstraße 30). Die von neueren Gebäu-
den und Sportplätzen umgebene Anlage am
Nordring besteht aus mehreren Gebäuden
und Nebengebäuden, die symmetrisch einen
Hof umstellen. Einen Akzent setzt der
schwere Telegraphen(?)-Turm über dem
Nordtrakt. Die streng gegliederte Architek-
tur weist bereits Einflüsse des Neoklassizis-
mus auf und wirkt für die Erbauungszeit

Am Welfenplatz 2, ehern. Infanterie-Kaserne,
1858/60, Architekt Jüngst


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